© Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch (Redemptorist)                                                  Index   A - Z
Band 1

Apachen. Indianerstamm, der ab dem 13. Jh. den hohen Norden Alaskas verließ, über Kanada und die Prärien Nordamerikas nach Süden in die damaligen Gebiete der amerikanisch-mexikanischen Grenze zog und sich zwischen den Bergen und Wüsten im Westen des heutigen Texas, teilweise in New Mexico und Arizona sowie auf einem Streifen von Nordmexiko entlang der heutigen Grenze zu den Vereinigten Staaten niederließ.
Die A. gehörten der Sprachfamilie der Athapasken an, die auch heute noch in Alaska zu finden sind. Anfangs lebten sie ausschließlich von Überfällen auf die Pueblo-Völker, welche im Südwesten siedelten und von denen sie schließlich den Ackerbau erlernten. Die Pueblo-Indianer waren es auch, die den Athapasken den wohl bekanntesten Namen – „apachu“ – gaben, was „Feinde“ bedeutet. Die Spanier formten daraus das Wort „Apaches“. 200 Jahre kämpften die A. mit Erfolg gegen die Spanier, die alles daransetzten, diese Volksgruppe auszumerzen. Dies erfolgte jedoch erst unter den USA. Am 4. September 1886 kapitulierte der letzte Häuptling der Apachen, Geronimo, nach dem längsten und fruchtlosesten Feldzug in der Geschichte der US-Kavallerie.
Das Weltbild der Apachen ähnelt dem der > Navajos, ist jedoch nicht so umfangreich. Über allen Göttern steht eine ferne Macht namens „Ysun“ (Lebensspender), die sich nur wenig in das Weltgeschehen einmischt, im Gegensatz zu „Kojote“, der von Anfang an anwesend ist. Er stiehlt das Feuer, bringt Nacht und Finsternis über die Welt und den unausweichlichen Tod für den Menschen. Ähnliche Eigenschaften werden „Weißbemalter Frau“ zugeschrieben, die, von Wasser oder Blitz geschwängert, „Feindtöter“ und „Kind des Wassers“ gebiert.
Zwei weitere Gruppen übernatürlicher Wesen, die Bergleute und die Wasserleute, spielen bei der Verursachung und Heilung von Krankheiten eine Rolle. Wie ein Heiler eine Gesundung auch immer erstreben mag, die erste Geste wird stets der Macht zugeschrieben. Diese kann sich dem Menschen in einem Traum oder einer Vision kundtun, um die Heilungszeremonie mitzuteilen, die meist unter Verwendung von Kräutern vier Tage und vier Nächte dauert. Spricht die Krankheit auf Kräuter nicht rasch an, werden als Ursache „Ansteckung“ durch Tiere, Geister oder Hexen angenommen. Als besonders ansteckend gelten Bär, Schlange, Kojote und Eule, wobei gerade die Eule gern in Verbindung mit Geistern gebracht und die Eulenkrankheit daher als eine Form der Geisterkrankheit angesehen wird (Sandner, S. 265–271).

Lit.: Sandner, Donald: So möge mich das Böse in Scharen verlassen: eine psychologische Studie über Navajo-Heilrituale. Solothurn; Düsseldorf: Walter, 1994.

Apacheta, Steinhaufen in Form eines Altars zu Ehren von > Pachamama, der Erdgöttin der > Inka als Kraft allen Lebens und als göttliches Wesen der Fruchtbarkeit. Solchen Steinhaufen auf einem Berggipfel oder an einer Kreuzung begegnet man im Nordosten von Argentinien, in Peru und Bolivien. An den A.s hielten sich die Geister von lokalen Naturgeistern auf. Reisende mussten diese durch Gaben von Cocablättern oder Kleidung oder auch durch das Hinzufügen eines weiteren Steins gnädig stimmen.

Lit.: Diccionario de mitología: dioses, héroes, mitos y leyendas / Marisa Belmonte Carmona, Margarita Burgueño Gallego. Madrid: Libsa, 2003.

Apalexicacus, „Abwender des Bösen, des Übels“. Beiname des > Äskulap.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apam napat („Enkel der Wasser“), in der altiranischen Religion „eine im Wasser befindliche Gottheit“, die den Menschen Wasser spendet, aber auch kriegerische Funktionen aufweist. So hält A. rebellierende Länder im Zaum, daher auch sein Beiname „schnelle Rosse besitzend“. Er lebt in den Tiefen des Meeres von Nixen umgeben und gilt als Sohn von > Vourukasha. Als > Ahura Mazda seinen Anhängern das Feuer sandte, wurde dieses vom Dämon > Azi Dahaka verfolgt und bedroht. A. nahm daraufhin den Funken unter seinen Schutz.

Lit.: Schlerath, Bernfried: Awesta-Wörterbuch. Wiesbaden: Harrassowitz, 1968; ders.: Apam napat (Altiranische und zoroastrische Mythologie). In: Hans W. Haussig / Egidius Schmalzriedt (Hg.): Wörterbuch der Mythologie 4. Stuttgart: Klett-Cotta, 1986.

Apana (skrt., „heiße Luft“) ist eine der fünf Formen des > Prana, die als Atem den Körper durchströmen. Früher dachten die Yogis, dass die Luft durch den Kopf die Wirbelsäule entlang als kühler Strom abwärts geatmet werden kann (Pingala-Kanal). Auf dem Weg nach unten wurde der Luftstrom (Vayu) allmählich in Apana (= heiße Luft) umgewandelt. Wenn der Anus nicht fest verschlossen ist, kann die Luft als Apana entweichen. Dies soll verhindert werden durch Kompression des Anus, und die Luft soll wieder als heißer Strom den Ida-Kanal nach oben strömen und dann ausgeatmet werden. A. ist daher das Gegenstück von Prana. Beim Ausatmen wirkt Prana, beim Einatmen wirkt Apana. Das Herz ist das Zentrum von Prana, der Anus ist das Zentrum von A.

Lit.: Narayanananda <Svami>: Das Geheimnis von Prana, Pranayama und Yoga-Asanas. – Freiburg i. Br.: N. U. Yoga Centre, 1976.

Apanchomene (griech., „die Erwürgte“), Beiname der > Diana, weil spielende Kinder einer Statue der Göttin eine Schnur um den Hals gelegt hatten. Die Bewohner von Caphyä in Arkadien, in deren Nähe dies geschah, wollten die geschädigte Ehre der Göttin rächen und steinigten die Kinder. Diana bestrafte ihrerseits diese Barbarei, indem sie alle Frauen der Caphyäer zu früh gebären ließ. Die Arkadier fragten daher das > Orakel zu Delphi um Rat. Dieses befahl ihnen, die ermordeten Kinder feierlich zu bestatten und ihnen eine jährliches Totenopfer zu bringen. Seither benannten die Caphyäer Diana mit obigem Beinamen.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apantomantie (griech.; engl. apantomancy) bezeichnet das Wahrsagen aus allen Gegenständen oder auch Personen, denen man auf seinem Weg begegnet. Zu dieser Wahrsageklasse gehören die Omen, die aus der zufälligen Begegnung mit einem Hasen, einem Adler, einem Raben, einer Katze usw. geschlossen werden.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984. 1. Bd; Der Blick in die Zukunft: das große Buch vom Wahrsagen. Köln: DuMont-Literatur-und-Kunst-Verl., 2004.

Apara prakriti (sanskr.), die niedere Natur, in der sich alles Stoffliche, wie Körper, Pflanzen und unbelebte Materie, manifestiert, im Gegensatz zu > para prakriti.

Lit.: Lexikon der östlichen Weisheitslehren: Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Zen / Ingrid Fischer-Schreiber; Ehrhard, Franz-Karl; Friedrichs, Kurt; Diener, Michael S. [Hrsg.]. Bern u. a.: Scherz, 1986.

Aparajita (skrt.), 1. „der Unbesiegbare“, den > Krodha-Göttern des indischen Buddhismus zugehörig. Er ist von weißer Farbe und mit Schlangen geschmückt; er hat drei Gesichter in den Farben Weiß, Schwarz und Rot. Nach einer früheren Vorstellung dürfte er als Anführer der Dämonen gegolten haben.
2. „Die Unbesiegbare“, Göttin des indischen Buddhismus, von gelber Farbe, einköpfig, zweiarmig und mit Juwelen geschmückt. Ihr Antlitz ist furchterregend, mit den Füßen trampelt sie auf > Ganesha, dem Gott der Schreibkunst und der Weisheit. Sie zerstreut alle teuflischen Wesen (> Maras). Die wilden Gottheiten wie > Brahma müssen ihr den Sonnenschirm über das Haupt halten.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 1989; Schumann, Hans Wolfgang: Die großen Götter Indiens: Grundzüge von Hinduismus und Buddhismus. München: Diederichs, 1996; Storm, Rachel: Die Enzyklopädie der östlichen Mythologie. Legenden des Ostens: Mythen und Sagen der Helden, Götter und Krieger aus dem Alten Ägypten, Arabien, Persien, Indien, Tibet, China und Japan. Reichelsheim: Ed. XXL, 2000.

Aparchae (griech.), Erstlinge, die als Opfer dargebracht wurden; Stirnhaare und Gliedmaßen des Opfertiers, die zuerst abgeschnitten und ins Feuer geworfen wurden.
Aparchae ist auch das einzige Buch, das die alten Zeremonien und Feiern mit dem Namen „Aparche“ in der Welt beschreibt.

Lit.: Beer, Hans: [Aparche] ‚Aparxj und verwandte Ausdrücke in griechischen Weihinschriften. Würzburg, 1914; Bokhout, William: Aparche. Grand Rapids, MI: Merus Media, 2001; Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Aparecida, bedeutendster Wallfahrtsort Brasiliens, der seine Entstehung der Auffindung einer Marienstatue, der „Nossa Senhora Aparecida“, im Fluss Paraiba 1717 verdankt, die bald allgemein verehrt wurde. 1887 erbaute man dort eine große Kirche. 1894 übernahmen die bayerischen Redemptoristen die Seelsorge. 1904 wurde die Statue durch den päpstlichen Nuntius gekrönt und 1930 die „Nossa Senhora Aparecida“ zur Landespatronin erhoben. Unter Leitung der Redemptoristen ist die Wallfahrt zur „Schwarzen Mutter“ zum Ausdruck einer tief in den lokalen Kulturen verwurzelten Volksfrömmigkeit geworden. Zur riesigen Wallfahrtsbasilika strömen täglich tausende Pilger.

Lit.: Brasil-Santa Sâe, documentâario da oferta da Rosa de Ouro ao Santuâario de Nossa Senhora Aparecida por Sua Santidade o Papa Paulo VI e de sua entrega por Sua Eminãencia o Cardeal Amleto Giovanni Cicognani, Secretâario de Estado da Santa Sâe e Legado Pontifâicio (13–19 de agãosto de 1967). Rio de Janeiro: Ministâerio das Relaciones Exteriores, 1967.

Aparoksha (sanskr., "wahrnehmbar"), Bezeichnung für Bewusstsein, das als Wachen, Träumen und Tiefschlaf in jedem Menschen vorhanden ist.

Lit.: Shankara: Handbuch für Selbstversorger: Tips aus eigener Erfahrung. Höchst: Verl. Lichtheimat, 1983.

Apas (sanskr., „Wasser“), das grobstoffliche Element > Wasser, in der indischen Astrologie Bezeichnung einer Ätherschwingung. A. ist die Farbe Weiß zugeordnet. Der > Golden-Dawn-Orden symbolisiert A. mit einem auf dem Rücken liegenden silbernen Halbmond.

Lit.: Roberts, Marc: Das neue Lexikon der Esoterik. München: Goldmann, 1995; Körbel, Thomas: Hermeneutik der Esoterik: eine Phänomenologie des Kartenspiels Tarot als Beitrag zum Verständnis von Parareligiosität. Münster: LIT, 2001.

Apasmara (sanskr., „Unachtsamkeit“; „Epilepsie“), in der Hindu-Mythologie der dämonische Zwerg, der das personifizierte Nichtwissen und die Vergesslichkeit oder Unachtsamkeit (apasmara) symbolisiert. In der hinduistischen Ikonographie setzt der tanzende Gott > Shiva seinen Fuß auf A. und bricht ihm das Rückgrat der Vergesslichkeit.
Nach ayurvedischem Wissen im Sushruta-Samhita ist A. die Personifikation der Epilepsie.

Lit.: Lobo, Rocque: Ayurveda: besser leben im Rhythmus der Zeit. M. e. Geleitwort von C. F. von Weizsäcker. Zürich; Chur: M & T Verlag, 1987; Verma, Vinod: Ayurveda: der Weg des gesunden Lebens; Grundlagen, Methoden und Rezepte der altbewährten Heilkunst der Inder – für westliche Menschen nutzbar gemacht. München; Wien: O. W. Barth, 1992.

Apasson, nach der chaldäischen Mythologie das zeugende Grundprinzip alles Vorhandenen, das mit dem empfangenden Prinzip, mit > Tanthe, die Ursache allen Seins ist, da aus den beiden der Vater aller Geschöpfe hervorging.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apate (griech.), Personifikation der Täuschung, Tochter der Nacht und Schwester der Träume.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apathie (griech., „Unempfindlichkeit“), Ruhe und Gelassenheit als Ausdruck der seelischen Unempfindlichkeit. Die stoische Philosophie hat A. zum Ideal erhoben, das wir heute noch in dem Begriff „stoische Ruhe“ wiederfinden. Die Freiheit vom > Pathos, von den Leidenschaften, den Affekten, wird zum Ziel der Selbsterziehung und des sittlichen Strebens.
Im psychologisch-klinischen Verständnis steht A. für Antriebschwäche, Teilnahmslosigkeit, mangelnde Gefühlsansprechbarkeit vor allem in Zusammenhang mit Fieber oder pathologischem Verhalten. A. kann aber auch bei medialen Sitzungen als Erschöpfung des Mediums auftreten. A. hat in jeder Hinsicht eine aktivitätshemmende kommunikative Wirkung.

Lit.: Forschner, Maximilian: Die stoische Ethik: über den Zusammenhang von Natur-, Sprach- und Moralphilosophie im altstoischen System. – Darmstadt: Wiss. Buchges., [Abt. Verl.], 1995; Amo, Anton Wilhelm: Die Apatheia der menschlichen Seele = On the apatheia of the human mind. – Halle (Saale): Martin-Luther-Univ., 1978.

Apatit ( griech. apatho, täuschen), blau-violett gefärbter, aber auch gelber, grüner oder weißer Edelstein. Den Namen erhielt das Mineral 1786 von Abraham Gottlob Werner, da der A. aufgrund seiner „täuschenden Ähnlichkeit“ in der Vergangenheit oft mit anderen Mineralien (Beryll, Calcit) verwechselt wurde. Der A. zählt zur Mineralklasse der Phosphate und tritt am häufigsten als Calcium-Fluor-Phosphat oder Calcium-Hydroxyl-Phosphat auf.
Als Phosphat soll der A. Offenheit und Kontaktfreudigkeit, durch seine hexagonale Struktur Motivation, Antrieb und Zielstrebigkeit bringen. Ferner werden ihm sowohl Heilkraft auf den Körper wie harmonisierende Wirkung auf die Psyche zugeschrieben. Insbesondere wird er heute bei Muskelgewebsschwäche, Störungen der Bewegungskoordination, bei Stottern sowie bei Bluthochdruck eingesetzt. Dabei soll er zwecks Hautkontakt direkt am Köper getragen werden.

Lit.: Keyte, Geoffrey: The Mystical Crystal. Expanding Your Crystal Consciousness. Saffron Walden: The C. W. Daniel Co. Ltd. 1993; Gienger, Michael: Lexikon der Heilsteine: von Achat bis Zoisit. Saarbrücken: Neue Erde, 42000.

Apaturia (griech., Festbrauch), athenisch-ionisches Volksfest, dessen Namen ungewissen Ursprungs ist. Am wahrscheinlichsten hängt er mit den Unterabteilungen der athenischen Volksstämme, den Phratrien zusammen, die an ihrem wichtigsten Fest, das in den Monat Pyanopsion (Oktober/November) fiel und drei Tage dauerte, ihre gemeinschaftlichen Verhältnisse ordneten. Auf ihm versammelten sich alle Familienväter der Athener und aller von Athen ausgezogenen Ionier, mit Ausnahme der Ephesier und Colophonier. Am dritten Tag wurden die im vergangenen Jahr geborenen Kinder in die Phratrie aufgenommen. Man nannte diesen Tag „Schurtag“, da die Epheben, die athenischen Wehrpflichtigen zwischen 18 und 20 Jahren, nach dem Haaropfer erwachsene Mitglieder der Phratrie wurden.

Lit.: Rachet, Guy: Lexikon der griechischen Welt. Darmstadt: Primus, 1999; Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apaya (sanskr., "der Abweg"), buddhistische Bezeichnung der vier niedrigen oder schlechten Existenzformen der Wiedergeburt, die für Menschen möglich sind: Hölle, Tierwelt, Gespensterreich und Dämonenwelt. Letztere werden manchmal zu den höheren Existenzwesen, den > Gati, gerechnet oder fehlen in einigen Schulen des südlichen Buddhismus gänzlich. Die ersten drei Existenzweisen werden auch die „Drei bösen Pfade“ genannt.

Lit.: Erhard, Franz-Karl: Das Lexikon des Buddhismus: Grundbegriffe und Lehrsysteme, Philosophie und meditative Praxis, Literatur und Kunst, Meister und Schulen, Geschichte, Entwicklung und Ausdrucksformen von ihren Anfängen bis heute. Bern: O. W. Barth, 1992.

Ape-huci-kamuy, Feuergöttin bei den > Ainu. Als Beschützerin der Familie und Hüterin von Recht und Sitte genießt sie höchste Verehrung. Sie soll von einem Baum, einer Ulmenart, abstammen oder mit dem Donnergott vom Himmel gekommen sein. Ihr Sitz ist der Herd des Hauses, wo sie als an den wichtigen Beratungen der Familie teilnehmend gedacht wird. Ihr Sohn ist der Kulturheros > Aynurakkur.

Lit.: Johnson, D. W: The Ainu of Northeast Asia, a General History. East Windsor, NJ: Idzat International, 1999; Early European Writings on Ainu Culture: Travelogues and Descriptions / ed. in 5 vol. by Kirsten Refsing. Richmond: Curzon [u. a.], 2000.

Apeiron (griech., das Unbegrenzte), das Unendliche. Zuerst von Anaximander als „Anfang und Prinzip alles Seienden“ in die Philosophie eingeführt, um das Entstehen der Dinge aus dem Unendlichen und ihr Vergehen im Unendlichen zu erklären. Das A. ist nicht nur unentstanden und unvergänglich, sondern das Göttliche schlechthin, das alles umfasst und alles lenkt. Da Unbegrenztheit im griechischen Denken vorwiegend als negativ bewertet wird, stellt Platon (Philebos 23 Cff) A. als das Schlechtere dem ras, der Grenze, gegenüber. Nach Aristoteles gibt es kein substantiell für sich bestehendes A., sondern nur eine Unbegrenztheit der Möglichkeit nach, und zwar als Abwesenheit von Begrenzung (Physik III, 7,207 b). Nach Heim ist A. die Raum- und Zeitlosigkeit.

Lit.: Die Fragmente der Vorsokratiker: griechisch und deutsch / von Hermann Diels. Hrsg. von Walther Kranz. Zürich: Weidmann, 1996; Heim, Burkhard: Strukturen der physikalischen Welt und ihrer nichtmateriellen Seite. Innsbruck: Resch, 1996.

Apeliotes (griech.), Ostwind, horizontal fliegend dargestellt, mit lockigem Haar und freundlichem Antlitz in die Welt blickend, eingehüllt in einen leichten Mantel, in dem er Blumen und Früchte trägt. Die heitere Darstellung geht darauf zurück, dass der Ostwind den Griechen vom Meer her fruchtbaren Regen brachte.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apepi oder Apep (griech. Apophis), die grüne Riesenschlange in der ägyptischen Mythologie, wohl die Pythonschlange, die als Personifizierung des Geistig-Bösen im täglichen Kampf mit > Ra (Re), dem Sonnengott, steht. Im Papyrus über das Totenwesen, Nesi-Amsu, nimmt das „Buch Vernichtung des A.“ einen beachtlichen Teil ein. Es enthält 15 Kapitel, in denen mit mehreren Wiederholungen unter Einschluss zahlreicher magischer Anweisungen die verschiedenen Methoden zur Vernichtung des A. beschrieben werden. So ist der Name des A. in grüner Farbe auf einen Papyrus zu schreiben, der dann verbrannt werden muss. Von den ihn begleitenden Dämonen sollen Wachsfiguren angefertigt, entstellt und in der Hoffnung verbrannt werden, dass mittels > sympathetischer Magie ihre Prototypen verletzt oder zerstört werden. Der Nesi-Papyrus wurde 1860 in Theben gefunden, von David Bremner dem Britischen Museum übergeben und von Wallis Budge in Archeologia, Bd. 52, Teil II, London, 1801, übersetzt.
Dieser Schlangendämon, der für das Böse und das Chaos steht, lebte am Ufer des Nils. Wenn der Sonnengott Ra in seiner Barke die nächtlichen Gefilde durchfuhr, wo A. regierte, traf er stets auf die Riesenschlange, die versuchte, ihn davon abzuhalten, über den Himmel zu fahren. Diesen Kampf, der jeden Morgen stattfand und von > Horus mit den von ihm angeführten Begleitern des Ra gegen A. und dessen Anhänger geführt wurde, beschreibt das Buch des Apophis. Nach verschiedenen Kämpfen spießte Horus die Drachenschlange mit seinem Speer auf, die man daraufhin im Jenseits wiederfand, wo sie die Kräfte des Bösen symbolisiert. Das 39. Kapitel des > Totenbuches erzählt ebenfalls von diesem Kampf und schließt mit dem Satz: „Wahrhaft, Re hat A. besiegt.“ Im Grunde symbolisiert dieser Mythos den ewigen Kampf des Lichtes (Re) mit den Kräften der Finsternis (A.), wobei das Licht (das Gute) immer den Sieg erringt.
Obwohl im Buch des Apophis > Seth einer der Begleiter des Re ist, wird er in der ägyptischen Spätzeit gelegentlich mit A. gleichgesetzt.
A. ist auch der  Name eines Asteroiden, der am 19. Juni 2004 entdeckt wurde. Er ist ein Erdbahnkreuzer und verdankt seinen Namen eben dem Widersacher des Sonnengottes.

Lit.: Bonnet, Hans: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. Photomechan. Nachdr. der 1. Aufl., 1952. 3., unveränd. Aufl. Berlin u. a.: de Gruyter, 2000; Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. Ed. by Leslie A. Shepard. Detroit, Michigan: Gale Research Comp., 21984; Biedermann, Hans: Dämonen, Geister, dunkle Götter: Lexikon der furchterregenden mythischen Gestalten. Graz; Stuttgart: Leopold Stocker, 1989; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten / Übers. u. überarb. v. Alice Heyne. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Aper (Evre, Aprus), Märtyrer, Heiliger, Fest: 15. September, Bischof von Toul in Lothringen, gest. zu Beginn des 6 Jhs., ist in Lothringen als Kirchenpatron sehr verbreitet. A. gilt als Schutzpatron der Schweinehirten und wird besonders bei ansteckenden Krankheiten der Schweine angerufen.

Lit.: Duchesne, Louis: Fastes épiscopaux de l'ancienne Gaule. 2. éd. rev. et corr. Paris: A. Fontemoing, 1907;Gauthier, Nancy: L'évangélisation des pays de la Moselle: la province romaine de première Belgique entre antiquité et moyen-âge. Paris: Boccard, 1980.

Aperschnalzen (aper, ahd. apir, offen, nicht von Schnee bedeckt), ein ursprünglich heidnischer Brauch, durch den Lärm der „Goaßln“, d. h. durch Peitschenknallen, die kalte Jahreszeit zu vertreiben und die guten Geister, also den Frühling und die Sonne, zu wecken, damit es im Jahresverlauf auf den Feldern eine reichhaltige Ernte gibt. Der Brauch findet zwischen Dreikönig und Lichtmess vor allem im salzburgisch-bayerischen Rupertiwinkel, im angrenzenden Flachau, sowie in Nord- und Südtirol statt. Später hat sich auch hierbei ein Wettkampfgedanke breitgemacht.

Lit.: Euler-Rolle, Andrea: Zwischen Aperschnalzen und Zwetschkenkrampus: oberösterreichische Bräuche im Jahreskreis. Linz: Landesverl., 1993.

Apewesch, einer jener bösen Geister in der persischen Mythologie, die > Ahriman schuf, um sie den herrlichen Schöpfungen des > Ormuzd entgegenzustellen. A. streitet im Kampf um den Weltuntergang mit > Taschter. Letzterer ist das Urflüssige, das Wasser, und der mit ihm kämpfende Dämon die Dürre. Schließlich wird er überwunden.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apfel ( lat. malum ), symbolträchtige Frucht des > Apfelbaumes. Die botanische Bezeichnung ist Pyrus malus für den Wildapfel und Malus domestica für die Kultursorten. Der Name des A.s lässt sich in vielen indoeuropäischen Sprachen nachweisen, unter denen vor allem die baltischen auf sein hohes Alter schließen lassen. Bei den Römern bedeutete Malum neben Apfel auch Quitte und Granatapfel, zu Beginn des 1. Jh.s auch Pfirsich und Aprikose und nach Plinius’ Zeit auch Zitrone. Unter „Liebesäpfeln“ und den > Dionysos und > Demeter geweihten Äpfeln sind wohl Quitten zu verstehen (Paulys Real-Encyclopädie). Im Gegensatz zum edlen Apfel oder Affolter gibt es auch den Wildapfel, der wegen seines sauren Geschmacks, mit dem er nach Plinius die Schneide eines Schwertes stumpf machen kann (Paulys Real-Encyclopädie), auch Sauerapfel und wegen seiner Konsistenz weiter Holzapfel genannt wird. Weltweit gibt es heute an die 25.000 Apfelsorten und über 70% der Obsternte sind Äpfel, wobei sich im Handel nur 30 bis 40 Sorten finden.
Der A. ist in allen Kulturen hochgeschätzt, gilt als Symbol der Vergänglichkeit, der Fruchtbarkeit, der Erde und ist vielen Göttinnen zugeordnet wie > Ischtar, > Venus, > Iduna. Er ist nämlich kulturweit ein uraltes Symbol des Lebens, des ewigen Lebens, der Erde und auch der Weiblichkeit. So geht etwa aus altnordischen Dokumenten hervor, dass die Göttin Iduna im Besitz goldener Äpfel war, die ewige Jugend schenken konnten. Auch in keltischen Märchen ist von goldenen Lebensäpfeln die Rede. Und von > Aphrodites rötlich-goldenen Äpfeln, die an einem Apfelbaum auf Zypern hingen, weiß schon Ovid in seinen Metamorphosen (X, 647f) zu erzählen.
Der A. ist vor allem auch die Jugend erhaltende Speise der Götter und ein Symbol der Vollendung. > Avalon, das Land der ewigen Jugend aus der keltischen Mythologie, wird als „Insel der Äpfel“ bezeichnet. Wer nach Avalon gelangt und sich dort den Genuss eines A.s gönnt, kehrt niemals wieder ins Diesseits zurück (Magister Botanicus).
Berühmt wurde der (Granat-?)Apfel, den Eva Adam reichte, wenngleich in der Bibel nur von Früchten die Rede ist (Gen 3, 1–6). Jedenfalls erhielt der A., dessen Name (lat. malum) mit dem Bösen (lat. malum, das Übel) sprachlich verwandt ist, in der christlichen Symbolik eine negative Färbung. Er wurde zur verbotenen Frucht des > Baumes der Erkenntnis und somit zum Symbol von Sünde und Verderben, blieb aber gleichzeitig auch Symbol der Fruchtbarkeit und des Lebens, wie vor allem die zahlreichen Marienbilder zeigen.
Der A. gilt nämlich als weiblich, die Birne hingegen als männlich. Bei der Geburt eines Mädchens wurde daher immer ein Birnbaum, bei der Geburt eines Jungen ein Apfelbaum gepflanzt. Als Reichsapfel symbolisiert er die Erdkugel wegen seiner runden Form und steht für die Herrschaft des Geistes auf der Erde, als Zeichen der Macht seines Besitzers.
Halbiert zeigt ein A. in der Mitte das magische Symbol des > Pentagramms. Aufgrund dieses starken Symbolgehaltes werden der A. und auch seine Schalen daher gerne für > Orakel und verschiedene Bräuche benutzt (Becker-Huberti).
Seit jeher ist der A. auch als besonderes Heilmittel geschätzt. Äpfel enthalten die Vitamine A, B und C, organische Säuren, die Spurenelemente Eisen, Kupfer, Mangan sowie die Mineralstoffe Kalium, Natrium und Kalzium. So ist bereits aus der Antike bekannt, dass der Saft von Äpfeln Erbrechen stillt, dass wilde und herbe Äpfel stopfen und nur reife Früchte ohne Nebenwirkungen und gesund sind (Paulys Real-Encyclopädie). Frisch und mit dem Kerngehäuse genossen gilt der pektinhaltige und vitaminreiche A. heute als ein ausgezeichnetes vollwertiges Lebensmittel. Heißer Apfelmost ist ein beliebtes Mittel gegen Erkältung.
Auch der Duft des Apfels hat schließlich seine Wirkung. Friedrich Schiller hatte bekanntlich in seiner Schublade immer einen etwas angefaulten Apfel, da dessen Geruch ihn zu höchsten literarischen Leistungen inspirierte.
Bei den > Voodoos gelten Äpfel als Liebespflanze. Sie kommen in der Wahrsagerei und beim Unsterblichkeitszauber vor.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff., Bd. 1 1894; Hoops, Johannes (Hg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 17 Bde ff. Berlin; New York: Walter der Gruyter, ²1973ff.; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, Bd. 3. Stuttgart: Hirzel; Wiesbaden: Steiner, 1977; Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Fischer, Susanne: Blätter von Bäumen. Legenden, Mythen, Heilanwendung & Betrachtung von einheimischen Bäumen. München: Hugendubel, 41989; Forstner, Dorothea: Neues Lexikon christlicher Symbole. Innsbruck: Tyrolia, 1991; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995; Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Freiburg i. Br.: Herder, 1998; Becker-Huberti, Manfred: Lexikon der Bräuche und Feste. Freiburg i. Br.: Herder, 2000.

Apfelbaum (Pirus malus, Wildapfel; Malus domestica, Kultursorten, Malus sylvestris MILL., Malus communis, Malus spp.), wohlbekannter zu den Rosengewächsen – Rosaceae – gehöriger weißblühender Obstbaum mit rund 25.000 Arten, die z. T. schon in der Antike, so etwa schon in homerischer Zeit bei Kalydon in Aitolien sowie in den Gärten des Alkinoos und des Laertes kultiviert wurden. Der gemeinsame Stammvater des A.s ist der in Europa und Asien heimische wilde Holzapfelbaum. Das Holz des Baumes wurde vielfältig verwendet, so z. B. zur Herstellung der Zahnräder von Uhren, von Windmühlen, Klöppelwerken, verschiedenen Werkzeugen und Golfschlägern.
In der griechischen Mythologie trägt der > Lebensbaum goldene Äpfel (> Apfel), deren Besitz zur Unsterblichkeit verhilft. Der Baum wird von den Töchtern der Nacht, den > Hesperiden, und der Schlange > Ophis bzw. dem nach dem Fluß > Ladon benannten Drachen bewacht. Es war die größte und letzte Tat des Herakles, die goldenen Früchte des A.s aus dem Garten der Hesperiden, der dort, wo die Sonne im Meer untergeht, liegt, zu beschaffen.
Der Apfelbaum wurde auch als Orakelbaum betrachtet: Mi seiner Hilfe sagte man den Verlauf des Lebens und des Todes voraus. Apfelbäume wurden ferner vielfach mit Hexen und Unholden in Verbindung gebracht. Unter ihnen, wie unter vielen anderen Bäumen, tanzen freitags angeblich die Hexen. > Avalon.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff., Bd. 1 1894; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, Bd. 3. Stuttgart: Hirzel; Wiesbaden: Steiner, 1977; Fischer, Susanne: Blätter von Bäumen. Legenden, Mythen, Heilanwendung & Betrachtung von einheimischen Bäumen. München: Hugendubel, 41989; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten. Griechenland und Rom. Mythologie und Anwendung einst und heute. München: Eugen Diederichs, 1995.

Apfelorakel. So wie die Verehrung des Apfelbaums bis in die Urzeit zurückreicht, so erlangten auch seine Früchte schon früh die Bedeutung von Leben und Liebe. Daher wurde der Apfel auch mit einer Reihe von Orakeln umwoben: Wer einen Apfel aufschneidet und die Kerne zählt, kann aus ihrer Anzahl auf eine künftige Ehe schließen. Bei einer geraden Zahl steht bald eine Heirat ins Haus, bei einer ungeraden Zahl dauert es dagegen noch lange. Man schält einen Apfel und achtet darauf, dass die Schale nicht zerreißt. Dann schwingt man diese Schale dreimal über dem Kopf und wirft sie hinter sich. Ist die Schale noch immer ganz, kann man aus den Verschlingungen den Anfangsbuchstaben des Namens des Geliebten herauslesen.
Zigeunerinnen praktizieren das Apfelorakel auch heute noch. Indem sie den Apfel quer durchschneiden, wird aus dem fünfzackigen Kerngehäuse geweissagt. > Andreasnacht.

Lit.: Das Lexikon der Orakel: der Blick in die Zukunft / Wolfgang Bauer; Zerling, Clemens. Orig.ausg. München: Atmosphären Verlag, 2004.

Aphacitis (griech.), Beiname der > Venus von dem Ort Aphaea, zwischen Heliopolis und Byblus in Syrien, wo sie einen Tempel mit einem Orakel hatte. In der Nähe befand sich ein See mit einem versteckten Ableitungsgraben. Pilger, die das Orakel besuchten, warfen Geschenke hinein. Waren diese der Göttin angenehm, versanken sie im See. Mehrere wunderbare Erscheinungen verhalfen dem Tempel zu einem besonderen Ruf, bis ihn Kaiser Konstantin d. Gr. schleifen ließ.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Aphaía (griech.), griechische Göttin, welcher der große Tempel auf der Insel Aigina geweiht war. Sie galt als Berg- und Jagdgöttin und wurde deshalb auch mit > Artemis gleichgesetzt. Zudem galt sie als Beschützerin der für die Inselbewohner wichtigen Schifffahrt. Später ist sie in die Gestalt der > Athena eingegangen. A. soll in Aigina als Beiname der > Britomartis gedient haben (Vollmer).

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989; Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

APHICABTAL. Paracelsischer Ausdruck, zusammengesetzt aus: a (Artikel), phi (philosophum), cab (cabalista), tal (talmudicus), zur Bezeichnung von :„Ich bin jetzt kein Narr, ich wache“.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Aphidas (griech.). 1. Sohn des Arcas und der Nymphe > Erato, die > Pan, dem sie die Orakel auslegte, drei Söhne gebar: Azan, Elatus und Aphidas. Arcas teilte sein Land unter den drei Söhnen so auf, dass Elatus die Oberherrschaft behielt.
2. Aphidas ist auch der Name des > Centauren, der auf der Hochzeit des Pirithous von Phorbas im Schlaf erschlagen wurde, wie Ovid im 12. Buch seiner Metamorphosen schreibt.

Lit.: Ovidius Naso, Publius: Metamorphosen. Hg. und übers. von Gerhard Fink. Düsseldorf; Zürich: Artemis und Winkler, 2004.

Aphneus (griech., „Vorratspender“), Beiname des > Mars, der seinen Sohn Aëropus der bei der Geburt verstorbenen Mutter Aërope an die Brust legte, um so dem Kind doch Muttermilch zu schenken.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Aphraates, auch Apraat, pers., Aphrahas (um 300-378), heilig (Fest: 29. Januar), theologischer Schriftsteller des frühen Christentums in Syrien und Persien. Aus heidnischer Familie stammend folgte er in jungen Jahren den Spuren der drei Könige nach Bethlehem, wurde Christ und lebte dann als Anachoret in Edessa und Antiochia, wo er in die öffentliche Diskussion mit den Arianern eingriff. Seine 23 Darlegungen (Demonstrationes) handeln von Liebe, Fasten, Gebet, monastischem Leben, Tugenden usw. und hatten entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Mönchtums der ersten Jahrhunderte. Während der Christenverfolgung trat A. öffentlich auf und beschuldigte Kaiser Valentinian I. kirchenfeindlicher Absichten. Er rettete sich nur durch seine Wundertaten vor der Verbannung: Heilung des kaiserlichen Pferdes mit Öl und Wasser sowie des plötzlich wahnsinnigen Eunuchen, der ihn mit dem Tod bedrohte. Das Leben von A. ist von vielen Legenden umrankt, die den Eingriff des Göttlichen als Antwort auf seine Askese betonen.

Lit.: Patrologia Syriaca = Malpanuta d-abahata surjaje: complectens opera omnia SS. patrum, doctorum scriptorumque catholicorum / acc. R. Graffin. Parisiis: Firmin-Didot, 1894; Anciennes littératures chrétiennes / Rubens Duval. Paris: Lecoffre, 1907.

Aphrodisiakum, ein die Sexualkraft anregendes Mittel, dessen Name auf die griechische Göttin der Sinnlichkeit, der Liebe und der Schönheit, > Aphrodite, hinweist. Aphrodite waren viele wohlduftende Pflanzen und würzige Kräuter geweiht, die berauschende und erotisierende Wirkung haben. Zu den unzähligen Pflanzen, deren aphrodisische Wirkung in der Antike geschätzt wurde, gehören etwa die > Alraune (Mandragora officinarum L.), der Safrankrokus (Crocus sativus L.), die Erdscheibe (Cyclamen graecum LINK.), die Meeres- oder Stranddistel (Eryngium maritimum L.) und die Falzblume (Teucrium micropodioides L., syn. Micropus erectus L.). Auch > Wein wurde schon in der Antike als A. benutzt, gern in Mischung mit anderen Rauschmitteln. Weit verbreitet war die Anwendung von aphrodisischen Pflanzen auch im alten Ägypten, wo man sie mit > Hathor, der Göttin der Liebe, in Verbindung brachte.
Vor allem > Aromapflanzen dienten im Altertum aphrodisischen Zwecken, aber auch Räucherstoffe wie > Weihrauch, und man stellte > Balsame und > Parfüms daraus her. Auch heute noch werden vor allem Pflanzen mit einem „betörenden“ Duft als erotisierend angesehen, wie etwa > Tuberose, > Ylang Ylang und > Jasmin. Der Ethnobotaniker Rätsch stellt eine Liste von aphrodisisch wirkenden Pflanzen bzw. pflanzlichen Mitteln zusammen, denen außerdem die Kraft des > Liebeszaubers, d. h. Liebe in Menschen zu entfachen, zugeschrieben wird: > Akonit, > Allermannsharnisch, > Alraune, > Artemisia, Betel, > Bilsenkraut, > Bohnen, Brechnuß, > Coca, Colorines, Dita, > Eisenkraut, Engelstrompete, > Fliegenpilz, Fo-ti-tieng, Galangan, > Ginseng, > Ginster, > Goldkelch, Guaraná, > Hanf, > Hexensalben, Holzrose, Iboga, > Ingwer, > Kaffee, > Kalmus, > Knoblauch, Kolanuss, Lakshmana, Lattich, Mandrake, Meerträubel, Muskatnuss, Niando, Orchideen, Quebracho, > Safran, > Sassafras, Seerose, Stachelmohn, > Stechapfel, > Tollkirsche, > Tollkraut und Yohimbé (Rätsch 1988, 20). Mosch führt aus ärztlicher Sicht noch verschiedene Gewürzkräuter an, die sich zur Behandlung von nachlassender Potenz bzw. von Impotenz eignen, wie Zimtkassie, Muskatnuss, Ingwer, Senf, Schwarzer Pfeffer, Spanischer Pfeffer, > Rauschpfeffer (Piper methysticum), Salbei, Majoran, Basilikum, Thymian, Johannislauch (Allium ascalonicum), während er Zwiebeln, Sellerie, Petersilienwurzeln, gelbe Wurzeln, Rüben, Kastanien, Quitten und Hafer als empfehlenswerte Lebensmittel auflistet (Mosch, 19–22). Von den aufgezählten Pflanzen standen Alraune und Akonit einst auf der vom römischen Senat aufgestellten Liste der verbotenen venena, d. h. Zaubermittel (Plinius XXV, 95; XXVII, 2; XXIX, 23; Müller-Ebeling, 99).
Ebenso können tierische Stoffe eine Funktion als A. übernehmen, wie die Duftstoffe > Amber und > Moschus, Bibergeil und das Sekret der Zibetkatze, alles altbewährte Rohstoffe der bis vor wenigen Jahrzehnten noch mit überwiegend natürlichen Rohstoffen arbeitenden Parfümindustrie.
Viele aphrodisische Mittel werden als solche nicht nur wegen ihrer tatsächlich stärkenden, stimulierenden oder psychoaktiven Wirkung anerkannt, sondern auch wegen ihrer Form und ihres symbolischen Charakters, wie etwa Spargel, Granatapfel, > Aal, Kaviar und > Eier. So wurden in der Antike die hodenförmigen Wurzelknollen von Knabenkräutern (Orchis spp.) zur Herstellung von Liebestränken benutzt und werden in pulverisierter Form noch heute auf dem Ägyptischen Bazar in Istanbul angeboten (Müller-Ebeling, 157). Schlangenfleisch gilt in Südostasien als A., und den gleichen Ruf genießt frisch gepresster Schlangensaft in Japan. In fernöstlichen Kulturen sind außerdem Tigerknochen und -hoden beliebte Potenzmittel.
Als bestes A., nicht zur Verstärkung, sondern zur Erhaltung der Sexualkraft wie zur Behandlung von Impotenz, empfiehlt der Arzt Georg Most (Most, 21) eine gesunde Lebensweise.

Lit.: Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, 1984; Rätsch, Christian: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1988; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten, Griechenland und Rom. Mythologie und Anwendung einst und heute. München: Eugen Diederichs, 1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999; Rätsch, Christian: Aphrodisiaka – Die Mysterien der Aphrodite. In: Franz-Theo Gottwald /Christian Rätsch (Hg.): Rituale des Heilens. Ethnomedizin, Naturerkenntnis und Heilkraft. Aarau, CH: AT, 2000, S. 139–151.

Aphrodisien (griech.), Feste der > Venus, deren gewöhnlicher griechischer Name > Aphrodite ist; sie wurden in Griechenland und vor allem auf der dieser Göttin geweihten Insel Zypern gefeiert.

Lit.: Breitenberger, Barbara: Aphrodite and Eros: the development of Greek erotic mythology. New York; London: Routledge, 2004; Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Aphrodisisch, wie ein > Aphrodisiakum wirkend.

Aphrodite, Göttin der griechischen Mythologie, deren Urheimat der Orient ist. Die „Zypriotin“, wie die Griechen sie nannten, war laut Homer eine Tochter des > Zeus und der Dione, einer alten indoeuropäischen Himmelsgöttin, und wurde die Mutter des > Eros, den sie von > Uranos bekam. A. soll aus dem ins Meer gefallenen Samen von Zeus entstanden sein, als dieser sich Dione vergeblich nähern wollte. Nach Hesiod wurde sie aus den abgeschnittenen Geschlechtsteilen des Uranos geboren, und als Gattin des > Ares die Mutter der > Harmonia. Auch von ihrer Liebe zum schönen > Adonis, der die Liaison mit seinem Tod bezahlen musste, wird berichtet.
Ursprünglich war A. in Thessalien heimisch und wurde vermutlich zuerst von den Pelasgern verehrt. Ihr Einflussbereich wurde als nahezu grenzenlos angesehen, sie wurde allmählich zu einer allgegenwärtigen Naturmacht.
Die Attribute der zarten, friedliebenden, „goldenen“ A., „die das Lächeln liebt“ (Homer Il 3, 64 u. 424), sind in der himmlischen Sphäre Taube, Sperling und Schwan, im marinen Bereich Muschel und > Delphin, in der pflanzlichen Welt die Fruchtbarkeitssymbole > Rose, > Apfel und > Mohn, während die chthonische Seite der Gartengöttin durch Pflanzen wie > Myrte, > Zypresse, > Dost, > Granatapfel und > Mohnblüte repräsentiert wird.
Nichts Menschliches war der Göttin fremd. Als universale Göttin schützte sie die Liebenden, so etwa Hera bei einem Schäferstündchen und Paris bei der Verführung der Helena. A., die Schönste aller Göttinnen und Gewinnerin eines Schönheitswettbewerbs mit Hera und > Athena vor Paris, protegiert alle kosmetischen Künste und ist auch Vorsteherin der Ehe. Paris erscheint sie salbenduftend und sich spiegelnd.
Bei den > Pythagoreern hatte die Zahl fünf auch die Bezeichnung A. > Platon bringt dann als erster die orientalische Bedeutung der A. als Planet, röm. > Venus, in den europäischen Kulturkreis.
Unter den unzähligen Beinamen der A. weisen Melainis, die „Schwarze“, und Androphonos, die „Männer-Tötende“, auf die Schattenseite der Göttin hin. In Amathus, Cypern, wurde eine maskuline A., ein bärtiger Aphroditos, verehrt (Lurker).
Viele Pflanzen, die psychoaktiv oder erotisierend wirken, intensiv duften oder deren Form Symbolcharakter hat, wurden mit A. in Zusammenhang gebracht (> Aphrodisiaka). Auf Zypern, Samos und Kreta sowie in Athen und am Kephisos gehörten ihr heilige Haine und Blumengärten.
In der Pneumalehre des Platon wird die eine der vier Formen des göttlichen Anhauchens (Epipnoia) der A. zugeordnet (Resch, 239).
Zu den 217 v. Chr. in Rom eingeführten 6 griechischen Götterpaaren gehörten A. (röm. Venus) und > Ares (röm. Mars).

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894 ff., Bd. 1 1894; DKP = Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Auf der Grundlage von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Hg. Von Konrad Ziegler u. Walther Sontheimer, 5 Bde. Stuttgart: Alfred Druckenmüller, 1964–1975; Resch, Andreas: Pneuma. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 4, 234–243; Waldenfels, Hans (Hg.): Lexikon der Religionen. Begründet von Franz König unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter. Freiburg: Herder, 1987; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989; DNP = Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hg. v. Hubert Cancik u. Helmuth Schneider, Bd. 1ff. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 1996ff.

Aphthartodoketen > Aphthartodoketismus.

Aphthartodoketismus, Lehre, dass der irdische Leib Jesu, des inkarnierten Sohnes Gottes, schon vor seiner Auferstehung unverderblich (aphthartos) war. Die Anhänger dieser Lehre werden Aphthartodoketen genannt.

Lit.: Leontius Byzantinus Monachus, Byzantinus: Leontij Byzantini Monachi libri tres contra Eutychianos et Nestorianos. I. Contra Enantiodocetas. II. Contra Aphthartodocetas. III. Contra illos, qui simulabant, se Chalcedonensem Synodum recipere; cùm essent Nestoriani. Eiusdem Leontii solutiones argumentationum Severi. Eiusdem ... dubitationes hypotheticae et definientes contra eos, qui negant esse in Christo post unionem duas veras naturas. Interprete Francisco Turriano ... Omnia nunc primum ... in lucem edita. – s. l., 1603; Draguet, René: Julien d'Halicarnasse et sa controverse avec Sévère d'Antioche sur l'incorruptibilité du corps du Christ: Etude d'histoire littéraire et doctrinale suivie des fragments dogmatique de Julien. Louvain: Smeesters, 1924.

Api doma (slaw., der Beschützer des Hauses; von „dom“, Haus), Gott der Slawen, den sie als Beistand anriefen, wenn sie das Haus verließen, um ein anderes zu beziehen.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apia. In der skythischen Mythologie die Göttin der Erde, die bei den Völkern nördlich vom Schwarzen Meer verehrt wurde. Sie war Tochter des Stromes Borysthenes und Gattin des Papäus, des mächtigen Vaters aller Menschen, d. h. des Himmels. Erde und Himmel, die weibliche und die männliche Natur, waren also die Urprinzipien der Weltschöpfung.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apis (ägypt.Hep), heiliger Stier, der schon in der I. Dynastie als Symbol der Fruchtbarkeit verehrt wurde. Da man ihn in Memphis verehrte, wurde er bald mit dem dortigen Stadtgott > Ptah verbunden, als dessen Inkarnation er galt. Seit der 18. Dynastie (ab 1550 vor Chr.), in der die ägyptischen Theologen die Sonnenlehre verfassten, wurde A. mit > Atum, dem abendlichen Erscheinen des Sonnengottes, in Verbindung gesetzt, der sich in Form eines > Skarabäus, Abbild des verjüngten Sonnengottes, aus der Erde erhebt, um in einem zyklischen Prozess Licht, Leben und Vegetation zu schaffen. A. steht auch für den Mond, der als großer Stier aufgefasst wird. Aufgrund des Mondbezuges zu den Überschwemmungen wird A. mit > Osiris Lunatus, dem verjüngenden Stier, assoziiert.
Besonders bekannt ist dabei die Verbindung von Apis mit > Osiris als dem Gott der Toten. Apis ist grundsätzlich schwarz und Osiris wird zuweilen „Stier des Westens“ oder „Großer schwarzer Stier“ genannt. Zudem wird Apis mit > Horus, dem Sohn des Osiris identifiziert und somit > Isis als Mutter des Apis bezeichnet.
Noch zu Lebzeiten des inkarnierten A. durchreisten die Priester des Apis das Land auf der Suche nach einem Stier, der die göttlichen Merkmale trug, Flecken auf verschiedenen Körperpartien, die aus ihm den Nachfolger des regierenden Apis machten. Bei seinem Tod wurde Apis zum Osiris-Apis und nach Art des Osiris 70 Tage lang einbalsamiert und in den Gewölben des > Serapeums beigesetzt, wo schon die anderen Inkarnationen des Gottes beigesetzt worden waren. Danach wurde der neue Apis in großer Festlichkeit inthronisiert.
Die Griechen nannten den A. > Epaphos und machten ihn zum Sohn der > Io, die sie der kuhgestaltigen Isis gleichsetzten.

Lit.: Assmann, Jan: Liturgische Lieder an den Sonnengott: Untersuchungen zur altägyptischen Hymnik I; mit 8 Tafeln hieroglyphischem Textanhang. Berlin: Hessling, 1969; Kater-Sibbes, G. J. F. / Vermaseren M. J.: Apis. Leiden: Brill, 1975; Egyptian Religion: the Last Thousand Years; Studies Dedicated to the Memory of Jan Quaegebeur / Willy Clarysse ... (eds.). Leuven: Peeters, 1998; Dictionary of Deities and Demons in the Bible (DDD) / Karel van der Toorn; Becking, Bob; Horst, Pieter W. van der [Hg.]; Second extensively revised edition. Leiden, 1999.

Apkallu, wörtlich „die Weisen“. In der Religion Mesopotamiens bezeichnete man mit A. sieben Wesen mit außergewöhnlicher Weisheit, die als Helden der Kultur aus der Zeit vor der Sintflut stammten. Sie waren menschlicher Abstammung und wurden von > Ea, dem Weisen unter den Göttern, mit Weisheit ausgestattet. Im Fluss erschaffen waren sie dazu ausersehen, das harmonische Wachsen der Pflanzen des Himmels und der Erde zu garantieren. In Befolgung des Beispiels von Ea erdachten sie das Wissen der Menschheit, die sozialen Formen und das handwerkliche Können. Sie verfassten die Texte für das Wahrsagen, die Magie und andere Kategorien der Weisheit, etwa die Medizin.
Gilgamesh, „der alles sah“ und die Weisheit, die vor der Flut entstand, zurückgebracht haben soll, wird auf einem Siegel „Meister der Apkallu“ genannt. In der weiteren Entwicklung wurden die Sieben zu Gründern der sieben Stätten: Eridu, Ur, Nippur, Kullab, Kesh, Lagash und Shuruppak sowie von Uruk (Gilg. I 9; XI 305).
Vom 2. bis zum 1. Jahrtausend breitete sich der Mythos der sieben Weisen nach Westen bis Griechenland aus. So sollen mit den „Helden der Vorzeit“ (Gen 6, 4) und den sieben Säulen der Weisheit (Spr 9, 1) die A. gemeint sein.
Im Sumerischen werden die sieben Weisen > Abgal genannt und gehören als Untertanen von > Enki zum > Abzu (Apsu). Diese werden als Mischwesen dargestellt (z. B. als Fischwesen).

Lit.: Black, Jeremy: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia: an Illustrated Dictionary. Publ. for the Trustees of the Brit. Museum. London: British Museum Press, 21998; Dictionary of Deities and Demons in the Bible (DDD) / Karel van der Toorn; Becking, Bob; Horst, Pieter W. van der [Hg.]; Second extensively revised edition. Leiden, 1999.

Aplu. Blitz- und Donnergott der etruskischen Mythologie. Ein eigentlicher Kult ist nicht feststellbar.

Lit.: Pfiffig, Ambros Josef: Religio etrusca: sakrale Stätten, Götter, Kulte, Rituale. Lizenzausg. der Ausg. von 1975. Wiesbaden: Albus, 1998.

Apo Katawan (auch Apo Kilad, Tolan Dian, Apo Dios), eines der göttlichen Wesen bei den Aeta, den philippinischen Negrito, das Blitze und Donner sendet, um die Menschen für die begangenen Sünden zu bestrafen. A. K. kann jedoch, wie bei den Negrito-Gruppen der malaysischen Halbinsel, durch Blutopfer besänftigt werden. Als Herrn der Wildtiere wird ihm nach erfolgreicher Jagd geopfert.

Lit.: Schebesta, Paul Joachim: Geschichte, Geographie, Umwelt, Demographie und Anthropologie der Negrito. Wien-Mödling: St.-Gabriel-Verlag, 3 Bde., 1952–1957.

Apokalypse (griech., Enthüllung, Offenbarung). Literaturgattung, in der sich eschatologisch, endzeitlich geprägtes Denken ausspricht. Die Apokalyptiker treten an die Stelle der Propheten, von denen sie sich durch die Annahme von zwei grundverschiedenen Weltzeiten, der gegenwärtig schlechten und der zukünftig guten, sowie durch einen Determinismus im Sinne der Berechnung des Weltendes unterscheiden. Diese Berechnung dient letztlich dem Aufweis, dass die letzte Zeit angebrochen ist. Der Verfasser schreibt anonym oder unter einem berühmten Namen seine Offenbarungen, die er in Auditionen, Visionen, Träumen und Ekstasen erhält. So entstand in der Zeit zwischen 200 v. Chr. und 100 n. Chr. eine Reihe solcher anonymer Apokalypsen des Alten wie des Neuen Testaments, die ganz allgemein als apokryphe Apokalypsen bezeichnet werden, weil sie nicht in den biblischen Kanon, die Sammlung der Bücher, aufgenommen wurden, die als inspiriert und für den Glauben normgebend gelten.
Als für den Glauben normgebend und daher in den biblischen Kanon aufgenommen wurde dagegen die Offenbarung des Johannes, da sie sich grundsätzlich von der Form der apokryphen A. unterscheidet. Der Verfasser tritt als echter Prophet auf und der Inhalt der in Briefform vermittelten christlichen Lehre wird zu Recht mit Apokalypsis (Offb 1,1) gekennzeichnet, da er durch das Heilswerk Christi den göttlichen Plan der Weltgeschichte entschlüsselt.
Johannes, aus Syrien oder Palästina stammend, schreibt die Offenbarung während seiner Schutzhaft auf der Sporadeninsel Patmos in Solidarität mit den Gläubigen der angeschriebenen sieben Gemeinden (Apk 1, 4). Er bezeugt als göttlich autorisierter Prophet (Apk 22, 9) die Wahrheit des Geschauten und Gehörten. Als Abfassungszeit gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Regierungszeit Domitians (81–96). Johannes wollte seine Gemeinden in rigoroser Form vor einem Kompromiss mit dem Herrscherkult warnen und im Blick auf die Gesamtkirche die Realität der Weltgeschichte aufdecken. Hinter dem vordergründig harten Lebenskampf mit den antigöttlichen Mächten steht hintergründig der allein siegreiche Gott.
Nach dem Segen von Gott, den 7 Geistern und Jesus Christus, den der mit der Bezeugung dieser Offenbarung betraute „Johannes“ den Empfängern, 7 Gemeinden in Kleinasien, wünscht (1, 4–8), zeigt sich an einem Herrentag auf Patmos der von den Toten auferstandene Menschensohn mit 7 Sternen (Sinnbild der 7 Engel der Gemeinden) in der rechten Hand inmitten von 7 Leuchtern (Sinnbild der 7 Gemeinden) dem Seher und beauftragt ihn, an die 7 Gemeinden zu schreiben, was er schaut (1, 9–20). Dies tut Johannes in 7 formell ziemlich gleich gebauten Briefen, die an die „Engel“ der Gemeinden von Ephesos, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodikeia gerichtet sind.
Johannes der die Offenbarungen empfängt, befindet sich dabei in einem vom Geist Gottes erfassten Zustand (Apk 1,10) mit Visionen und Auditionen. Die Offenbarung geht von Gott aus, der sie Christus gegeben hat; dieser gibt sie durch einen Engel weiter an den Seher Johannes, damit er sie den bestimmten Gemeinden kundmache.
Die einzelnen Botschaften, Erscheinungen und Symbole sind so außergewöhnlich, dass für die sachbezogene Deutung der jeweilige Forschungsstand der diesbezüglichen Exegese und Kommentare zu beachten ist, weil es sonst sehr leicht zu voreiligen Schlüssen und esoterischen Deutungen kommt.

Lit.: Theologische Realenzyklopädie / in Gemeinschaft mit Horst Balz ... hrsg. von Gerhard Müller. Berlin: de Gruyter – Evang. Verlagswerk, Studienausgabe, Bd. 3, 1978; Vögtle, Anton: Das Buch mit den sieben Siegeln: die Offenbarung des Johannes in Auswahl gedeutet. Freiburg i. Br. u. a.: Herder, 1989; Giesen, Heinz: Johannes-Apokalypse. Stuttgart: Verl. Kath. Bibelwerk, 1996; Offenbarung des Johannes, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 7. Freiburg: Herder, 31998.

Apokalypse Abrahams (ApcAbr), auch Abraham-Apokalypse genannt, ist ein pseudepigraphischer Midrasch, der auf Gen 15 beruht, um ca. 100 n. Chr. entstanden und in 32 Kapitel gegliedert ist. Der Text ist nur in einer altslawischen Übersetzung erhalten. Hauptinhalt des Buches ist die Erwählung Abrahams und der Bundesschluss zwischen Gott und > Abraham bzw. seinen Nachkommen. Der Text gliedert sich in zwei Teile, die vermutlich von verschiedenen Autoren stammen. Der erste Teil (haggadischer Teil ApcAbr 1–8) wendet sich gegen eine kultische Verehrung von Bildern. Im zweiten Teil (apokalyptischer Teil ApcAbr 9–32) erhält Abraham in Form von Visionen bei seinem Opfer für Gott (vgl. Gen 15) Einblick in die „kommende“ Welt; u. a. sieht er die Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Für die Endzeit werden zehn Plagen und die Sendung des „Erwählten“ zur Rettung des Gottesvolkes angekündigt, ebenso die Vernichtung der Sünder. Dabei spielen Engel eine große Rolle, allen voran > Jaoel, der Engel Gottes, und > Asasel, der Erste der gefallenen Engel. Mit Hilfe des Engels Jaoel steigt Abraham auf einer Opfertaube in den siebten Himmel auf, um die Zukunft seines Volkes bis zum Endgericht zu erfahren. > Himmelsreise.

Lit.: Bonwetsch, Nathanael G.: Die Apokalypse Abrahams. Leipzig: Deichert, 1897; Philonenko-Sayar, Belkis: Die Apokalypse Abrahams. Gütersloh: Mohn, 1982.

Apokalyptik (griech. apokalyptein, enthüllen, offenbaren), eine geistige und literarische Bewegung des frühjüdischen Denkens, das unter dem Einfluss der geschichtlichen Ereignisse nach dem Exil und in Auseinandersetzung mit dem Hellenismus entstanden ist, sich aber auch im ägyptischen und iranischen Umfeld findet und zudem im Christentum Wurzeln fasste.
Das Grundmerkmal der A. ist bei aller Verschiedenheit von Herkunft und Ausprägung die Sicht von Weltgeschichte, die universales Heil ausschließlich in einem von Gott heraufgerufenen neuen > Äon erwartet.
Zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen der A. gehören neben dem alttestamentlichen Buch Daniel und der neutestamentlichen Johannesapokalypse die jüdischen Apokryphen: 4. Buch Esra, die Sibyllinischen Orakel, das Äthiopische Henochbuch, 2. und 3. Buch Baruch, die Apokalypse des Abraham und die Himmelfahrt des Jesaja. Diese Schriften beschäftigen sich mit der Endzeit, die nach Ansicht der Apokalyptiker nahe bevorstand oder bereits begonnen hatte.
In diesem Kraftfeld apokalyptischer Erwartungen löste im NT der Glaube an die Auferstehung Jesu einen Aufbruch „eschatologischer“ (endzeitlicher) Zukunftshoffnungen mit Naherwartungen aus. So formte sich das Bewusstsein, dass der alte Äon entmachtet und das Heil schon gegenwärtig sei. Dazu gesellte sich der innere Auftrag, dieses Ereignis, das die gesamte irdische und kosmische Welt einschließt, allen Völkern im Zuge der Weltmission mitzuteilen.
Dieses Motiv der „Aufdeckung“ der vorausbestimmten und nahen Endzeit des Diesseitigen und des Anbruchs des Jenseitigen hat im Laufe der Kirchen- und Weltgeschichte zu zahlreichen apokalyptischen Strömungen geführt, die in der Gegenwart, am Beginn des dritten Jahrtausends, im Bereich der Esoterik als „New Age-Bewegung“ zu einer immanenten Alternative umgepolt wurden, indem man das Jenseits in das Diesseits und Gott in das Selbst verlegte.

Lit.: Theologische Realenzyklopädie / in Gemeinschaft mit Horst Balz ... hrsg. von Gerhard Müller. Berlin; New York: de Gruyter – Evang. Verlagswerk, Studienausgabe, Bd. 2, 1978; Apocalypticism in the Mediterranean World and the Near East: Proceedings of the International Colloquium on Apocalypticism. Uppsala, August 12–17, 1979 / ed. by David Hellholm. 2nd ed., enlarged by suppl. bibliogr. Tübingen: Mohr, 1989; Bauer, Johannes: Andreas, Bd. 1. Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg i. Br.: Herder, 31993; Bochinger, Christoph: “New Age” und moderne Religion: religionswissenschaftliche Analysen. Gütersloh: Kaiser; Gütersloher Verlagshaus, 1994.

Apokalyptisch, auf die Apokalypse bezogen, nach Art der Apokalypse, geheimnisvoll, rätselhaft, endzeitlich.

Apokalyptische Reiter. Im letzten Buch des Neuen Testaments, in der Geheimen Offenbarung, spricht der Apostel Johannes beim Öffnen der ersten vier von sieben Siegeln durch das Lamm von vier Reitern (apokalyptische Reiter) als Symbol für Sieg, Krieg, Hunger und Tod (Offb 6, 1–8).
Beim Öffnen des ersten Siegels sah Johannes einen Reiter mit Bogen auf einem weißen  Pferd, der einen Kranz erhielt und als Sieger zum Siegen auszog. (Offb, 1–2)
Bei Öffnen des zweiten Siegels erschien ein Reiter auf einem feuerroten Pferd, der ein Schwert erhielt und ermächtigt wurde, der Erde den Frieden zu nehmen, damit sich die Menschen gegenseitig abschlachteten. (Offb 6, 3–4)
Beim Öffnen des dritten Siegels erschien ein Reiter auf einem schwarzen Pferd mit der Waage in der Hand als Symbol des Hungers. (Offb 6, 5–6)
Beim Öffnen des vierten Siegels schließlich erschien als Reiter der Tod auf einem fahlen Pferd mit hinterherziehender Unterwelt. (Offb 6, 7–8)
Diesen Reitern wurde die Macht gegeben, „zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde“. (Offb 6, 8)
Die Vision der vier Reiter hat in Kunst, Literatur und Musik zu zahlreichen Darstellungen und Beschreibungen geführt. Besonders bekannt ist der Holzschnitt von Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter (1498). Auf dem Ersten Weltkriegsroman Die apokalyptischen Reiter basieren der Film Die vier apokalyptischen Reiter (1921) von Rex Ingram sowie der gleichnamige Film (1961) von Vincente Minelli.

Lit.: Vögtle, Anton: Das Buch mit den sieben Siegeln: die Offenbarung des Johannes in Auswahl gedeutet. Freiburg i. Br. [u. a.]: Herder, 1989; Giesen, Heinz: Johannes-Apokalypse. Stuttgart: Verl. Kath. Bibelwerk, 1996.

Apokalyptisches Tier, ein Tier gleich einem Panther mit sieben Häuptern und zehn Hörnern, einem Löwenmaul und Bärentatzen, dem der Drache seine Gewalt übergeben hatte und dessen Zahlenwert > 666 ist (Apk 13,1–2.18). > Antichrist, > Apokalypse, > 666.

Apokatastasis (griech., Wiederherstellung). Wiederherstellung der Schöpfung in den ursprünglichen, glücklichen Zustand, von dem auch die bösen Menschen und Mächte nicht ausgeschlossen sind. In der Astronomie bedeutet A. den Wiederbeginn beim Wechsel der Weltzeiten. So wurde A. mythisch-kosmologisch als Rückkehr der Endzeit in den unversehrten, besseren Ursprung verstanden, was philosophisch zu Spekulationen über einen ewigen Kreislauf mit periodischer Erneuerung führte.

Lit.: Laak, Werner van: Allversöhnung: die Lehre von der Apokatastasis; ihre Grundlegung durch Origenes und ihre Bewertung in der gegenwärtigen Theologie bei Karl Barth und Hans Urs von Balthasar. Sinzig: Sankt-Meinrad-Verl. f. Theologie Esser, 1990; Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg i. Br.: Herder, 31993.

Apokryph (griech.), unbekannten Ursprungs, manchmal auch im Sinne von „zweifelhaft“ oder „unecht“ verwendet. > Apokryphen.

Apokryphen (griech. apokryphos, verborgen), verborgene Geheimlehren, die dem Uneingeweihten unzugänglich sind.
Im christlichen Sprachgebrauch bezeichnet man als A. die im hebräischen Kanon fehlenden, ursprünglich zum Alten Testament gehörenden Bücher, die in der griechischen Übersetzung des AT enthalten sind und von Hieronymus in die lateinische Übersetzung, die Vulgata, übernommen wurden. Dazu gehören die Schriften Judith, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit Salomos, 1 Makkabäer, 2 Makkabäer, die beim Konzil von Trient in der 4. Sitzung, am 8. April 1546, in den für die katholische Kirche verbindlichen Kanon aufgenommen wurden. Luther hat sich bei seiner Übersetzung der Bibel an den hebräischen Texten orientiert, weshalb sich für die evangelischen Kirchen der Umfang der Bücher auf den Kanon des Judentums reduziert.
Weniger scharf umrissen ist der Begriff der neutestamentlichten A., die in der Regel griechisch, später lateinisch und in anderen Sprachen verfasst wurden und den literarischen Gattungen des NT folgen: Evangelien, Apostelgeschichten, Briefe und Apokalypsen.
Diese werden heute u. a. von verschiedenen religiösen Bewegungen aus dem Bedürfnis aufgegriffen, mehr über Gottes Offenbarung zu erfahren, wobei sehr oft nicht nur die kritische Zurückhaltung fehlt, sondern sogar eigene Formulierungen als ältere Texte ausgegeben werden. So entstand im 19. und 20. Jh. eine Reihe neuer Apokryphen, die den Anspruch erheben, das wahre Christentum zu verkünden, welches von der Kirche durch Verfälschung von Bibeltexten verdunkelt worden sei. Jesus wird zum esoterischen Eingeweihten, der gnostische Lehren und Praktiken vertrat, Reisen nach Ägypten, Indien und Tibet machte und schließlich seine letzte Ruhestätte im „Jesusgrab“ in Kaschmir fand.
Von diesen sog. Neoapokryphen seien hier jedoch nur einige Titel genannt: „Das fünfte Evangelium“ (Clemens); „Das Evangelium der Essener“ (Székely); „Das Evangelium des vollkommenen Lebens“ (Ouseley); „Das mystische Leben Jesu“ (Lewis); „Das Wassermann-Evangelium über Jesus den Chri­stus“ (Dowling); „Thomas-Evangelium“ (Nordsieck).

Lit.: Gerke, Friedrich Clemens: Das fünfte Evangelium. Crossen: [s. n.], 1879 (Bibliothek der deutschen Literatur); Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung / hg. v. Wilhelm Schneemelcher. 5. Aufl. der von Edgar Hennecke begr. Sammlung. Tübingen: Mohr, 1987; Das Evangelium der Essener: Gesamtausg. Buch 1 bis 4 / Die Originaltexte aus d. Aramäischen u. Hebr. übers. von Edmond Bordeaux Székely. Südergellersen: Martin, 1988; Dowling, Levi H.: Das Wassermann-Evangelium von Jesus dem Christus. Aus dem Amerikan. von Walter Ohr. Darmstadt: Schirner, 2004; Nordsieck, Reinhard: Das Thomas-Evangelium: Einleitung – Zur Frage des historischen Jesus – Kommentierung aller 114 Logien. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verl, 2004.

Apoleía > Abaddon.

Apollinaris, wörtl. „die [Pflanze] des > Apollon“, auch Apolloniakraut oder Apollonkraut, das dem Apollon geweihte Weiße > Bilsenkraut (Hyoscyamus albus) (nach Rätsch) oder Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) (nach Marzell). Weitere lat. Namen für A. weisen auf ihre psychoaktive Wirksamkeit hin, so etwa symfoniaca und insanin, d. h. „[die] Wahnsinn [Hervorrufende]“. Das griechische Wort für A. lautet Hyoskiamus, „Schweinebohne“, oder auch Pitonionka, „Drachenblume“. Möglicherweise ist die keltische Bezeichnung Bellinotem für das Bilsenkraut auf den Orakelgott Belenos bezogen. Laut Rätsch handelt es sich bei dem Weißen Bilsenkraut, das er mit A. gleichsetzt, sehr wahrscheinlich um die Pflanze, mit der sich die delphische Orakelpriesterin > Pythia in Ekstase versetzte, um anschließend weissagen zu können. Zu diesem Zweck wurden die Samen des Bilsenkrauts geräuchert (Rätsch 1998, 781). Marzell identifiziert das von Plinius (Plinius, XXV, 35) und > Dioskurides (Dioskurides IV, 68) als A. bezeichnete Kraut mit dem Schwarzen Bilsenkraut (Marzell, Bd.2, 926). Auch die > Alraune wurde A. genannt (Müller-Ebeling, 126), während der Name „Apolloniakraut“ außerdem eine volkstümliche Bezeichnung für den Aconitum napellus L., den Eisenhut (> Akonit), ist.
Das stark giftige Nachtschattengewächs war möglicherweise das wichtigste Trance-Mittel der Antike überhaupt. Es versetzt den Menschen in einen Zustand der Mania, des Wahnsinns, in dem das nach außen gerichtete Bewusstsein blockiert und der Zugang zum Göttlichen geöffnet wird (Rätsch, 273). Die Spannweite der Reaktionen des Menschen auf das Kraut reicht von Erschöpfungszuständen, Schlaf und Bewusstlosigkeit bis hin zu extremen Aufregungszuständen wie Raserei und Streitsucht. Daraus erklären sich auch Namen wie Schlaffkraut, Dummkraut, Raasewurz, Zankkraut, Zankteufel, Tolle Bilse, oder auch Toller Dill, d. h. toll machender Dill. Dill und Bilsenkraut wurden einerseits beide zum Vertreiben von Hexen benutzt, andererseits war das Bilsenkraut aber auch das > Hexenkraut par excellence. Der russische Name des Krautes, bešenica, weist auf Besessenheit hin (zu bešenyj, vom Teufel besessen, verrückt). Matthiolus-Camerarius berichtet im 16. Jh. von Kindern, die nach dem Genuss des Samens dieses Teufelskrauts ganz verwirrt und wie benebelt wirkten, so dass ihre Eltern glaubten, sie seien von einem bösen Geist besessen (Matthiolus, 372 D).
Als Heilpflanze war das Bilsenkraut schon in der Antike hochangesehen. Es zeichnet sich vor allem als Schmerzmittel, besonders bei Zahnschmerzen, aus; es ist das sog. Zahnwehkräutel und geht in dieser Verwendung bereits auf Altbabylonien zurück. Bilsenkrautsalbe diente bei Wunden, Geschwülsten an den Beinen und Spinnenbiß (Müller-Ebeling, 109).

Lit.: Matthiolus, P. A.: Kreutterbuch jetzt widerumb gemehret und verfertigt durch Joachim Camerarius. Frankfurt / M., 1586; Plinius, C. Secundus: Naturalis historiae libri XXXVII. Hg. v. Lud. Jan und Carol. Mayhoff. Lipsiae, 1892–1898; Dioskurides: Pedanii Dioscuridis Anazarbei de materia medica libri V ed. M Wellmann. 3 voll. Berolini 1907–1914. Nachdruck Berlin 1958; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, Bd. 3. Stuttgart: Hirzel; Wiesbaden: Steiner, 1977; Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin, Aarau, CH: AT, ²1999.

Apollinisch, Bezeichnung nach dem griechischen Gott > Apollon für das Streben nach Ordnung, Maß, Form, ruhiger Besonnenheit. Apollon ist der Gott der klaren Geistigkeit und Reflexion und vertritt das aufklärerische Prinzip der Kontrollierbarkeit der Welt und der Welterkenntnis durch rationales Bewusstsein im Gegensatz zu > Dionysios, dem Gott des Weines, der für das Sinnliche, Irrationale der Welt steht. In diesem Zusammenhang wird auch zwischen Apollinischer und Dionysischer Religion sowie zwischen apollinisch und > dionysisch unterschieden. Diese Unterscheidung fand ebenso in Philosophie und Literatur Beachtung und wurde insbesondere durch F. Nietzsche (Die Geburt der Tragödie, 1811) ins Gespräch gebracht.

Lit.: Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Mit einem Nachw. von Peter Sloterdijk. Frankfurt / M.; Leipzig: Insel, 2000.

Apollo, gallischer. Cäsar erwähnt in De bello Gallico VI, 17, 1–18, 2 einen Apollo der Gallier, der als Gott die Krankheiten vertreibt.
Diesen Rang des Apollo, dessen keltischer Name unbekannt ist, teilen sich mehrere keltische Götter: > Belenus, der in Noricum verehrt wurde; > Grannus, dessen Hauptkultstätte bei Aachen lag. In seiner Begleitung sind > Damona und der Gott > Borvo sowie > Maponos, der in Wales verehrt wurde. Sein irisches Gegenstück ist Mac ind Oc oder > Oengus, der Sohn von > Dagda, dem Hauptgott der alten Iren.

Lit.: Caesar, Gaius Iulius: Der gallische Krieg. Hrsg. und übers. von Otto Schönberger. Düsseldorf [u. a.]: Artemis & Winkler, 2004; Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Apollon (griech.). Gott aus der griechischen Mythologie, dessen Abstammung in vielen Varianten geschildert wird: er sei als Patroos der Sohn des Hephaistos und der > Athena, oder als Nomios der Sohn des Silen, oder der Sohn des Korybas, des Magnes oder des Ammon oder schließlich der Sohn von > Zeus und Leto. Nach einer der variierenden Geburtssagen soll Leto ihn, an den Berg Kynthos gelehnt, geboren haben. Als Geburtsort ist vor allem die Insel Delos relevant, die bei seiner Geburt, bei der auch ein Hahn, der Künder der Morgenröte, zugegen war, in goldenem Licht erstrahlte. Die entscheidende Tat in seinem Leben war der Kampf mit dem Drachen > Python in > Delphi. A. tötete auch versehentlich den von ihm geliebten Helden Hyakinthos.
A.s Bedeutung ist äußerst vielseitig. Er kann sowohl als Meeresgott als auch als Himmelsgott und als Gott der Erde erscheinen. Er ist der Gott des Ackerbaus, der Viehzucht, Beschützer von Tieren und Pflanzen, wobei einige Pflanzen und Bäume sich seiner besonderen Zuneigung erfreuen, wie die Palme, die Platane, die Terebinthe, die > Myrte, die > Mistel, der Efeu, der > Rosmarin, der > Lorbeer, und die > Weinrebe. Das dem A. heiligste Kraut ist wohl das > Bilsenkraut (> Apollinaris).
Selbst mit den wallenden Locken eines Jünglings geschmückt, ist A. auch der Beschützer der Jugend. Der Gott liebt gymnastische Übungen und sportliche Wettkämpfe und gilt als der erste Sieger der Olympischen Spiele. In diesem Zusammenhang ist auch seine Funktion als Helfer in Streitfällen zu sehen. Als Schwurgott verteidigt A. das heilige Recht der Eide und ist der Hüter von Verträgen. Er kann die Seele des Menschen von Schuld befreien und ebenso den Körper von Krankheit.
A., der auch als Vater des Heilgottes > Asklepios gilt, ist selbst Gott der Heilkunde. Als sein Attribut gilt die Schlange. Überhaupt kann A. alles Übel abwenden. Er ist gleichzeitig der Sühnegott, der sogar Orest vom Muttermord reinigt. Das > Delphinion in Athen, nach einem Beinamen A.s benannt, war eine der ältesten Sühnestätten (Rohde 1903, Bd. 1, 274). Und schließlich spielt A. auch eine Rolle als Seelengeleiter (Rohde 1903, Bd. 2, 388, 2).
Die wichtigste Bedeutung des A. liegt aber in der Mantik, im Voraussehen des Zukünftigen. Diese Gabe der > Präkognition soll A. von > Glaukos oder von > Pan gelernt haben, und wenn A. weissagt, so tönt durch ihn lediglich die Stimme des Zeus. A. hat seine Sehergabe seinerseits an > Kasandra, Helenos, die > Sibyllen, Mopsos, Melampus, Polypheides, die Iamiden, Amphiaraos u. v. a. weitergegeben. Es gibt viele antike Stätten, an denen A.-Orakel durchgeführt wurden, wie Adrasteia, Delos, Kyme und Sura, von denen das pythische > Orakel in Delphi am berühmtesten ist.
Im A.-Kult gab es verschiedene Arten der Erstellung eines Orakels. Häufig wurde das Schauen der Zukunft durch äußere Anlässe hervorgerufen, so z. B. in Delphi durch kalte Dämpfe, die aus der Erde hervorstiegen, oder durch das Rauschen des Lorbeers. Oder die > Pythia musste Lorbeerblätter im Mund zerkauen, bevor sie sich auf ihren Dreifuß zum Sehen begab. In der Ilias verleiht A. dem Kalchas die Gabe, den Vogelflug zu deuten. Im A.-Kult zu Argos benötigte die Seherin Opferblut, durch dessen Genuss sie sich in den prophetischen Rausch versetzen konnte. A. konnte seine Weisheit auch durch Träume offenbaren, und so erschien er einmal Platons Mutter Periktione im Traum und auch einer Priesterin, die sich nachts im Tempel von Patara eingeschlossen hatte.
Wie in der apollinischen Mantik, so spielt auch in der Musik die Begeisterung eine entscheidende Rolle, und Homer bezeugt A.s Liebe zur Kitharis, einer Art Leier. A. wird auch als der Gott des Tanzes verehrt.
Als dem Gott des Meeres und der Schifffahrt wird A. der berühmte > Dreizack zugeordnet, und der > Delphin ist sein heiliges Tier.
Auch „Gott der Bergeshöhen“ genannt, schwingt sich A. in höhere Gefilde hinauf und wird ab dem 6. vorchristlichen Jh. schließlich als Gott der Helligkeit und des Lichtes sowie als > Sonnengott, als Helios, verehrt.
Platon ordnet in seiner Pneumalehre eine der vier Formen des göttlichen Anhauchens (Epipnoia) dem A. zu (Resch, 239).
Zu den 217 v. Chr. in Rom eingeführten 6 griechischen Götterpaaren gehörte auch das Zwillingspaar A. (röm. Apollo) und > Artemis (röm. Diana).

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff., Bd. 2 1896; Rohde, Erwin: Psyche. Tübingen und Leipzig: J. C. B. Mohr; hg., ausgew. u. eingel. von Hans Eckstein. Leipzig: Alfred Kröner, 31929; Resch, Andreas: Pneuma. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 4, 234–243; Bertholet, Alfred: Wörterbuch d. Religionen. 4. Aufl. / neu bearb., erg. u. hg. v. Kurt Goldammer. Stuttgart: Kröner, 1985; Waldenfels, Hans (Hg.): Lexikon der Religionen. Begründet von Franz König unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter. Freiburg; [u. a.]: Herder, 1987; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989; Forstner, Dorothea: Neues Lexikon christlicher Symbole. Innsbruck: Tyrolia, 1991.

Apollonia (+248), heilig (Fest: 9. Februar), Märtyrerin. Bischof Dionysios berichtet in seinem Brief an Bischof Fabios von Antiochien über das Christenpogrom von 248 in Alexandrien (Eusebius h. e. VI, 7) von der Misshandlung der alten Frau Apollonia: Man schlug A. auf den Kiefer, dass die Zähne herausbrachen, dann wurde sie zu einem Scheiterhaufen geschleppt mit der Drohung, sie lebendig zu verbrennen, falls sie ihren Glauben nicht verleugne, worauf sie selbst in den brennenden Scheiterhaufen sprang. Nach einer anderen Version wurden ihr die Zähne mit einer Zange ausgerissen, weshalb sie seit dem 16. Jh. vornehmlich mit einer Zange als besonderem Attribut dargestellt wird.
A. ist Schutzheilige der Zahnärzte und wird zur Befreiung von Zahnschmerzen und aller Schmerzen des Hauptes angerufen. Die Anrufung soll um so wirksamer sein, als man ein Bild der A. um den Hals hängt.

Lit.: Eusebius v. Caesarea: Historie ecclesiastice VI, 7; Bruck, Walther: Das Martyrium der heiligen Apollonia und seine Darstellung in der bildenden Kunst. Berlin: Meusser, 1915; Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 1. Freiburg: Herder, 31993.

Apollonios von Rhodos (295–215 v. Chr.), griechischer Epiker und Gelehrter. Geboren vermutlich in Alexandria, war A. dort Schüler des führenden Dichters und Gelehrten Kallimachos von Kyrene. Etwa 270 übernahm er als Nachfolger von Zenodotos von Ephesos die Leitung der berühmten Bibliothek von Alexandria, womit er zum Vorgesetzten seines Lehrers wurde, der dort wirkte. Da A. eine episch breite Darstellung bevorzugte, welche von Kallimachos, einem Befürworter knapper Verse, strikt abgelehnt wurde, verließ er die Stelle und ging 247 nach Rhodos. A. erlaubte sich nämlich die Freiheit, altüberlieferte Stoffe unter Beifügung zusätzlicher Heldentaten und Betonung der Liebe dichterisch frei zu gestalten.
Sein berühmtestes Werk ist die vierbändige Argonautika. Sie beschreibt die abenteuerliche Fahrt der > Argonauten unter der Führung des > Jason nach Kolchis (vermutlich im heutigen Georgien), wo sie durch die Liebe der Medea zu Jason das > Goldene Fließ erbeuteten. Diese Legende wurde bereits von Homer erwähnt und stammt vermutlich aus dem 14. Jh. v. Chr. Über die Argonautika hinaus blieb von A. kaum mehr erhalten als ein Text gegen Kallimachos, mit dem er sich später versöhnt haben soll.

W.: Die Fahrt der Argonauten: griechisch/deutsch. Hg., übers. und kommentiert von Paul Dräger. Stuttgart: Reclam, 2002.

Apollonios von Tyana (um 3–96/98), griechischer Philosoph und Astrologe, Pythagoreer. A. wurden verschiedene paranormale Fähigkeiten zugeschrieben, und er hatte den Ruf eines Wundermannes, ja > Magiers, Zauberers und somit schnell auch den eines Scharlatans. In seiner Philosophie stützte sich A. nicht auf die natürlichen, normalen menschlichen Fähigkeiten, sondern auf > Inspiration und göttliche > Anrufung. Dies könnte für die Echtheit der ihm zugesprochenen Schrift Orakelsprüche bürgen. A. wird auch als erster > Theurg in Erwägung gezogen (DNP, Bd. 1, 887).
A. wandte sich der Pythagoreischen Lehre zu, lebte vegetarisch und ohne Alkohol. > Pythagoras muss für A. ein göttlicher Mensch gewesen sein, der sich durch > Askese gereinigt hatte und daher tiefe Einblicke in den göttlichen Ursprung der Dinge nehmen konnte und ebenso über wunderbare Kräfte verfügte (DNP, Bd. 1, 887).
Weite Reisen führten A. zu den Magiern nach Babylon, zu den > Gymnosophisten in Indien und auch in Äthiopien, ferner nach Italien und Spanien.
A. werden nicht nur > Wunder nachgesagt, sondern auch > Weissagungen, > Dämonenaustreibungen sowie die Vertreibung der Pest. Sein paranormales Erscheinen und Verschwinden runden das magische Persönlichkeitsbild ab. Als er in Rom unter Domitian in das Gefängnis gebracht und dann vom Kaiser persönlich verhört wurde, soll er z. B. auf unerklärliche Weise aus dem Gerichtssaal verschwunden sein (Pauli). In der von Flavius Philostratos um 200 verfassten Biographie des A. (Leben des A. v. T., dt. 1883) wird eine Szene mit A. und seinem Schüler Damis aus dem Gefängnis berichtet (7, 38–39): „Damis sagte zu Apollonios kurz vor Mittag: ,Mann aus Tyana’, – denn Apollonios liebte es, so angeredet zu werden – ,was wird mit uns geschehen?’ Apollonios antwortete: ,Ganz einfach das, was mit uns schon geschehen ist, weiter nichts. Niemand wird uns umbringen.’ Damis fragte: ,Aber wer ist so unverwundbar? Wirst du je wieder frei sein?’ Apollonios antwortete: ,Was das Gericht betrifft, heute schon; was mich selber betrifft, gleich jetzt’, und als er das gesagt hatte, befreite er sein Bein von der Fessel und sagte zu Damis: ,Da, ich habe dir bewiesen, dass ich frei bin; sei guten Mutes.’“
Als A. einmal einen Vortrag in Ephesos besuchte, verfiel er in Trance und berichtete von der gleichzeitig stattfindenden Ermordung des Kaisers Domitian in Rom. A. wird auch die Bewahrung eines Freundes vor der Heirat mit einem > Vampir sowie die Erweckung einer jungen adeligen Römerin vom Tod oder Scheintod zugeschrieben. Letztere wird bei Philostratos geschildert (4. 45): „Eine junge Frau war gestorben, und zwar, wie es heißt, gerade an ihrem Hochzeitstag, und der Bräutigam folgte weinend und schluchzend ihrer Bahre. Das war verständlich, da die Ehe noch nicht vollzogen war, und ganz Rom trauerte mit ihm, denn die junge Frau gehörte einer Familie an, der Konsuln entstammten. Apollonios nahm das wahr und sagte: ,Stellt die Bahre ab; ich will die Tränen stillen, die ihr um diese junge Frau vergießt.’ Er wollte aber auch ihren Namen wissen. Die Menge dachte schon, er würde eine Rede halten, wie sie bei solchen Anlässen üblich ist, wobei dann alles in Wehklagen ausbricht, aber er tat nichts derartiges; er berührte ganz einfach die junge Frau, sagte leise ein paar Worte und erweckte sie aus ihrem todesähnlichen Zustand. Die junge Frau tat eine hörbare Äußerung und kehrte ins Haus ihres Vaters zurück wie einst > Alkestis, als Herakles sie [aus der Unterwelt] zurückgeholt hatte.“

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff., Bd. 2 1896; Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt / M.: Fischer, 1981; Philostratus, Flavius: Das Leben des Apollonios von Tyana: griech.-dt. / Philostratos. Hg., übers. u. erl. von Vroni Mumprecht. München [u. a.]: Artemis, 1983; Drury, Nevill: Lexikon des esoterischen Wissens. München: Droemer Knaur, 1988; Luck, Georg: Magie und andere Geheimlehren in der Antike. Stuttgart: Kröner, 1990; Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. München: Goldmann, 1993; DNP = Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hg. v. Hubert Cancik u. Helmuth Schneider, Bd. 1ff. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 1996ff.

Apollonorakel. Der Lieblingsspruch von Sokrates: Erkenne dich selbst stand über dem Eingang zum A. in Delphi, das in der modernen Forschung allerdings so kontrovers diskutiert wird wie kein anderes Orakel der griechischen Welt. Das mag damit zusammenhängen, dass es von den vielen Apoll geweihten Orakelstätten die berühmteste war. Durch Drogen berauscht offenbarte dort die Priesterin > Pythia den Willen des Gottes als Orakel. Dieses Orakel von Delphi hatte im religiösen, politischen und privaten Bereich höchste Autorität.
Auf italischem Boden befand sich das bekannteste Apollonorakel in der Stadt Cumae. Der Sage nach waren die Weissagungen des Gottes in 14 Büchern niedergeschrieben worden, welche von > Sibylle, der Priesterin des Apoll, gehütet wurden. Drei dieser Bücher soll sie an den römischen König Tarquinius Priscus verkauft haben. Diese sog. > Sibyllinischen Bücher wurden zunächst im Tempel des Jupiter, darauf im Tempel des Apoll aufbewahrt und durften nur von einem besonderen Priesterkollegium auf Senatsbeschluss in schwierigen
politischen oder militärischen Situationen um Rat befragt werden.

Lit.: Rosenberger, Veit: Griechische Orakel: eine Kulturgeschichte. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2001.

Apollyon (griech., hebr. > Abaddon, „der Verderber“), der Engel des Verderbens und König der Unterwelt (Apk 9, 11).

Lit.: Giesen, Heinz: Die Offenbarung des Johannes. Regensburg: Pustet, 1997.

Aponimma (griech.), wörtlich „schmutziges Wasser“, einzige Verwendung des Wortes bei den Athenern für das Wasser, das bei rituellen Handlungen zur Reinigung des Leichnams eines Verstorbenen oder zur Entsühnung eines Verbrechers verwendet wurde (Athenaeus IX. 78).

Lit.: Athenaeus, Naucratita: Das Gelehrtenmahl. Aus dem Griech. von Ursula u. Kurt Treu. Leipzig: Dieterich, 21987.

Aponus (griech., schmerzstillend). Name der warmen Heilquelle bei Patavium, Padua, Italien, wo auch > Orakel erteilt wurden. Der Kult des Heilwassers wurde nicht mehr aufgegeben, im Gegenteil, die Verehrung des Gottes Aponus („der den Schmerz nimmt“), der Schutzgottheit des Heilwassers, überstieg die lokalen Grenzen und gab seinen Namen der gesamten Umgebung, in der man dieses Heilwasser finden konnte: der Name der heutigen Stadt Abano Terme wird direkt von dem der Gottheit abgeleitet.

Lit.: Gasbarrini, Antonio: Le acque e i fanghi di Abano. Abano, 1964; Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004.

Apopathetisch, Verhalten in Gegenwart anderer, bei dem jedoch kein Kontakt zu diesen Personen gesucht wird, sondern lediglich die Selbstdarstellung, z. B. durch Wichtigtuerei, Sich-Aufspielen, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Das Verhalten mancher Medien in Zirkeln, von Scharlatanen und Schauspielern trägt häufig solche Züge.

Lit.: Bonin, Werner F: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Bern; München: Scherz, 1976.

Apophasis Megale (griech., „Große Darlegung“). Von Hippolyt († 235/36) wird dem > Simon Magus die Apophasis Megale zugeschrieben (ref VI 9–18), ein Werk des frühen 3. Jhs., in dem vielleicht Fragmente der Lehre Simons enthalten sind, dessen Zugehörigkeit zum simonianischen Gnostizismus aber auch nicht unumstritten ist. Von ihrer Struktur her handelt es sich um eine Drei-Prinzipien-Lehre von Himmel, Erde und Geist. Die Ursache allen Seins ist das Feuer, von dem sechs Kräfte ausgehen, als erste und zweite Himmel und Erde. In den sechs Kräften findet sich eine siebte Kraft, „die Stehende“, der göttliche Geist, der am Beginn der biblischen Schöpfung über dem Wasser schwebte. Diese siebte Kraft durchzieht alles und liegt als „ungewordene“, ursprüngliche göttliche Substanz im Menschen. Der Mensch muss ihre Entfaltung fördern und kann dadurch erlöst werden, andernfalls geht das Göttliche in ihm zugrunde.

Lit.: Frickel, Josef: Die ,Apophasis megale‘ in Hippolyt’s Refutatio – VI 9 –18: Eine Paraphrase zur Apophasis Simons. Rom: Pont. Inst. Orient. Studiorum, 1968 (Orientalia Christiana analecta; 182); Hippolytus, Romanus: Refutatio omnium haeresium. Ed. by Miroslav Marcovich. Berlin [u. a.]: de Gruyter, 1986.

Apophatische Theologie, Theologie der Negation (theologia negativa), nach der Gott durch verneinende Begriffe erkannt werden soll, da der Mensch aufgrund seiner Begrenztheit über Gott nichts aussagen kann. Philo und Plotin beeinflussten die christliche apophatische Tradition, die sich bei Gregor von Nyssa und Pseudo-Dionysos Areopagita findet. Die A. ist in ihren verneinenden Umschreibungen von Gott charakteristisch für die mystische Theologie, die östliche Orthodoxie und zeigt Parallelen zum indischen > Advaita-Vedanta.

Lit.: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen / John Bowker [Hg.]. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Apophis, griech. Übersetzung des ägyptischen > Apepi.

Apophyllit (griech., „der Abblätternde“), Stein, der in geschliffener Form eine Rarität unter den Edelsteinen darstellt. Der A. ist ein wasserhaltiges Schicht-Silikat und schimmert perlmuttartig von farblos bis grünlich, gelblich, bläulich und manchmal auch leicht rötlich. Die Heilkraft des A.s liegt auf geistigem Gebiet in einer Entlastungsfunktion bei Angst und Unsicherheit. Er hilft bei inneren wie äußeren Beklemmungen und hat befreiende Wirkung. Auf der seelischen Ebene hilft er, den Kern der Persönlichkeit herauszuschälen, während er sich im körperlichen Bereich vor allem bei Asthma und Atemwegserkrankungen eignet.

Lit.: Gienger, Michael: Lexikon der Heilsteine: von Achat bis Zoisit. Saarbrücken: Neue Erde, 42000.

Apopompé (griech., „Abwendung“ [eines schlimmen Vorzeichens]), Abwendung von Schaden durch „Wegschicken“ von Menschen oder Tieren, denen die Sünde oder der Schaden aufgeladen wird. Im Alten Testament wird in der griechischen Übersetzung mit A. der > Sündenbock (Lev. 16) bezeichnet. > Abwehrzauber.

Lit.: Rehbaum-Keller, Adelheid: Sündenbock: Hexe: Ausgrenzung und Vernichtung gestern – und heute? Gießen: Schmitz, 1994; Schwager, Raymund: Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften. Thaur [u. a.]: Kulturverl., 1994.

Apostel (griech., „ausgesandte“ Boten), werden im Judentum besonders bevollmächtigte Vertreter, im Christentum insbesondere die 12 Jünger genannt, die Jesus zur Verkündigung seiner Heilsbotschaft auswählte, vereinzelt auch aber andere herausragende Seelsorger. Im Speziellen waren es jedoch die Zwölf, „die er einsetzte: Petrus – diesen Beinamen gab er dem Simon –, Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, der Bruder des Jakobus – ihnen gab er den Beinamen Boanerges, das heißt Donnersöhne –, dazu Andreas, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, der Sohn des Alphäus, Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn dann verraten hat“ (Mk 3, 16–19; Mt 10, 1–4; Lk 6, 12–16, 16–19: Joh 1, 40–44; Apg 1,13 ) und durch Matthias ersetzt wurde (Apg 1, 26 ). Sie sind die Augenzeugen des Lebens und der Auferstehung Jesu. Als Letzter tritt ihnen auf Grund einer besonderen Berufung noch Paulus an die Seite (Apg 9).
Schon früh wurden die Apostel mit dem Zwölfersystem der Astronomen und Astrologen und mit Edelsteinen in Verbindung gebracht.

Die Zuordnung der Apostel zu den Edelsteinen und Tierkreiszeichen

Petrus

Jaspis/Smaragd

Widder

Andreas

Amethyst

Stier

Jakobus d. Ä.

Chalzedon

Zwillinge

Johannes

(ohne)

Krebs

Philippus

Onyx

Waage

Bartholomäus

Sarder/Karneol

Skorpion

Matthäus

Chrysolith

Schütze

Thomas

Beryll/Aquamarin

Löwe

Jakobus d. J.

Topas

Jungfrau

Simon

Bernstein

Steinbock

Thaddäus

Chrysopras

Wassermann

Matthias

Diamant

Fische

Paulus

Smaragd

(ohne)

Der spätere Vergleich brachte die Sonne mit Christus (sol invictus) und die Sonnenstrahlen mit den Aposteln selbst in Verbindung.

Lit.: Theologische Realenzyklopädie / in Gemeinschaft mit Horst Balz ... hg. von Gerhard Müller. Berlin: de Gruyter – Evang. Verlagswerk, Studienausgabe, Bd. 2, 1978; Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Apotheke (lat. apotheca, abgeleitet vom griech. apotheke, Aufbewahrungsort), bezeichnet zunächst eine dauerhafte Ablage für alle möglichen Güter. So findet sich beim Agrarschriftsteller Columella (1. Jh.) die Bezeichnung apotheca vinorum (Weinlager). Apotheke als Medizinalanstalt gibt es hingegen erst seit 1241, dem Jahr der Geburtsstunde des Apothekerberufs. Der Staufenkaiser Friedrich II (1194–1250) erlässt 1241 eine Medizinalordnung, die erstmals eine Trennung von Apotheker und Arzt gesetzlich vorschreibt. Ursprünglich nur für das Königreich Sizilien gedacht, wird sie zum Vorbild für die Apothekenordnungen in ganz Europa. Früher hat der Arzt die Heilmittel verabreicht.
Anders steht es mit der personalisierten Form, dem apothecarius, der zunächst auf dem Konzil von Karthago unter Papst Julius I. (337–352) als apothecarius vel ratiocinator (oder Rechnungsprüfer) erwähnt wird, wobei apothecarius bei Augustinus (354-430) und im Codex Justinianus (um 550) als Lagerdiener (oder Verwalter) identifiziert werden kann. Doch bereits ab dem 6. Jh. bezeichnet man in Italien mit apothecarius auch den Gewürz- und Kräuterhändler. Vom frühen Mittelalter an zogen dann italienische Hausierer nach allen Ländern und verkauften unter anderem Heilwurzeln, Granatäpfel (gegen Fieber), Theriak, Balsame usw.
Auch das mittelalterliche Apothekeninventar entsprach den volksmedizinischen Ansprüchen; man kaufte dort gepulverte Edelsteine, gedörrte Kröten und gebrannte Maulwürfe, Elensklauen, Wolfsherz und -galle, Viehmist, Hirsch- und Bocksblut, Krebsaugen, Schlangen- und Mückenfett, geraspelte Menschenschädel, ägyptische Mumienteile, das Blut und Fett Hingerichteter u. Ä. (Lambert).
Mit dem Einsetzen der modernen naturwissenschaftlichen Medizin und Pharmakologie wurde A. zur Pharmazie, wenngleich im deutschen Sprachraum der Name „Apotheke“ weitgehend erhalten blieb und neuerdings auch wieder volksmedizinische Produkte anbietet, um am Wellnesskuchen mitzunaschen.

Lit.: Lammert, Gottfried: Volksmedizin und medizinischer Aberglaube in Bayern und den angrenzenden Bezirken: begr. auf d. Geschichte d. Medizin u. Cultur. Regensburg: Sonntag, 1981; Rudolf Schmitz: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters. Unter Mitarbeit von F.-J. Kuhlen. Eschborn: GOVI-Verlag, 1998.

Apothekennamen. Neben sachlichen Argumenten werden Apotheken auch nach religiösen Motiven und nach besonderen Heilsvorstellungen benannt. So wurden aus der Bibel oder dem Leben der Heiligen Namen wie Johannes, St. Leonhard und insbesondere St. Michael bewusst als Name ausgewählt. > Michael, der mit seinem Schwert vor allem Übel schützt und als Seelenwäger den Guten zu einem neuen Leben frei von Krankheit verhilft, wurde zum schützenden Engel schlechthin und namengebend für zahlreiche Apotheken, so auch für eine der ältesten 1420 in Augsburg. Das häufige Vorkommen von Marien-Apotheken geht auf ihre Bedeutung als Heil der Kranken und als Quelle des Lebens zurück.
Die vielen Tiernamen, wie Greif, Pelikan, Schwan, Storch, die nach wie vor als A. verwendet werden, haben ebenso christliche Bedeutung, ist doch Christus der eigentliche Heiler. In der Antike schrieb man auch dem Trinken aus dem Horn des Einhorns Heilkräfte und Immunisierung gegen Vergiftung zu. Noch zahlreicher sind die Hirsch-Apotheken. Der > Hirsch soll sich vom Lebens- oder Weltenbaum ernähren (Edda) und aus den Quellen des Lebens trinken. Licht und Göttlichkeit fallen in ihrer Bedeutung in der Hirscherscheinung des Jägers Hubertus zusammen. Die Klauen dienen als Amulett, Talg, Blut und Horn finden in der Volksmedizin Verwendung. Der > Löwe, der schon im alten Orient Symbol der Stärke und des Königtums war, spielt in der christlichen Symbolik und in der Volksmedizin eine besondere Rolle. Löwengalle soll als Augenheilmittel und das in Spiritus destillierte Löwenhirn gegen die Pest wirksam sein. Am häufigsten sind von den Tiernamen jedoch die Adler-Apotheken. Als Vogel des Lichtes, Begleiter des Zeus und Symbol der Auferstehung Christi und des Menschen ist der > Adler nicht nur ein Feind der Finsternis, sonder auch ein Symbol der Lebenserneuerung und gleichsam Träger der himmlischen Medizin.
Eine Ausnahme von dieser stark christlichen Symbolik der Tiere bildet der > Bär, dem schon für sich besondere Heilkräfte zugeschrieben werden. Sein Blut soll die Körperkräfte vermehren, Zähne und Klauen wirken als Amulette und Bärenfett war bis in das letzte Jahrhundert hinein eine Grundsubstanz verschiedener Arzneien.

Lit.: Schwarz, H.-D.: Symbolik und Symbole in alten deutschen Apotheken. Deutsche Apotheker-Zeitung 105 (1965); Lurker, Manfred: Wörterbuch der Symbolik. 5., durchges. u. erw. Aufl. Stuttgart: Kröner, 1991.

Apothekerprimel > Schlüsselblume.

Apotheose (griech., Vergöttlichung.). Erhebung eines Menschen in den Rang eines Gottes oder Halbgottes aufgrund seiner besonderen Leistungen, seiner persönlichen Qualitäten, seiner Abstammung oder seines Amtes. So wurden in Ägypten die Pharaonen als Gottkönige betrachtet, bei den Griechen große Helden. Bei den Römern bestimmte die Vergötterung ein Senatsbeschluss und der so Geehrte erhielt den Titel Divinus. So hieß Romulus nach seiner Apotheose Quirinus. Er war der Erste, der in Rom vergöttlicht wurde, bis es dann 700 Jahre später ab Cäsar zur herrschenden Sitte wurde, diejenigen verstorbenen Kaiser zu vergöttlichen, die der Senat oder der Nachfolger dieser Ehre für würdig erklärte. Das Volk rief den neuen Gott zum Schutz und um Hilfe an, ein eigenes Fest wurde ihm zuteil. Die Ablehnung dieses Kaiserkultes durch die Christen führte schon in den ersten christlichen Jahrhunderten zu Verfolgung (> Euhemerismus). Ähnliche Formen der Vergöttlichung finden sich auch in den Religionen, in Wissenschaft, Gesellschaft, Politik, Sport und Unterhaltung, sowohl vor als auch nach dem Tod der Betreffenden.

Lit.: Mullerus, Carolus Gotthelff: Apotheosis Philosophorum Graecorum Speciatim Pythagorae Eiusque Crisis Philosophica = Die Vergötterung der Griechischen Weltweisen besonders des Pythagorä nebst derselben Philosophischen Beurtheilung / Quam Consensu Ordinis Amplissimi Philisophici Praeside M. Carolo Gotthelff Mullero Amplissimae Facultatis Philosophicae Adiuncto Designato ... D. XVIII. April. Ann. MDCCXXXXII. Placido Eruditorum Examini Subiicit Auctor Ioannes Iacobus A Melle Lubecensis Sanctioris Disciplinae Cultor Et Societatis Teutonicae Ienensis Membrum. Ienae: Schill, 1742; Schoiko, Coelestin: Vom Steinkult zur Apotheose: Erscheinungsformen griech. Gottheiten / Entwicklungsgeschichtl. dargest. Leipzig: Xenien-Verlag, 1927; Habicht, Christian: Gottmenschentum und griechische Städte. 2., durchges. Aufl., mit e. Nachtr. München: Beck, 1970; Roloff, Dietrich: Gottähnlichkeit, Vergöttlichung und Erhöhung zu seligem Leben: Untersuchungen zur Herkunft der platonischen Angleichung an Gott. Berlin: de Gruyter, 1970.

Apotropaion > Abwehrzauber.

Apotropäisch (griech. apotropaíos, „abscheulich“), verabscheuungswürdig, Unheil abwendend, Verhaltensweisen zum persönlichen Schutz, auch unter Verwendung von magischen Abwehrhandlungen, um unbekannten Kräften und bösen Geistern zu begegnen. So sollen durch apotropäischen Zauber Schadensmächte vertrieben und das Leben, Glück und Gesundheit gesichert werden. Diesem Zweck dienen Kraftmittel aller Art: > Blut, > Speichel, > Wort, > Schrift, > Tätowierung und insbesondere > Amulette. > Abwehrzauber.

Lit.: Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen / Begründet von Alfred Bertholet in Verbindung mit Hans Freiherr von Campenhausen. 4. Aufl. / neu bearb., erg. u. hg. von Kurt Goldammer. Stuttgart: Kröner, 1985.

Apparat, psychischer > Psychischer Apparat.

Apparition > Erscheinung.

Appersonierung, Appersonation, Symptom bei > Psychosen, das durch den Verlust der Abgrenzung (Zuständigkeit) zwischen Person und Umgebung gekennzeichnet ist. Fremdes wird als Eigenes erlebt. Eine nicht krankhafte A. kann gelegentlich bei telepathischen Erfahrungen, hypnotischen Übertragungen und mystischen Erlebnissen auftreten.

Lit.: Dorsch Psychologisches Wörterbuch / Friedrich Dorsch; Häcker, Hartmut; Stapf, Kurt H. [Hg.]. 12., überarb. u. erw. Aufl. Bern u. a.: Hans Huber, 1994.

Appiaden, Sammelbegriff für die fünf Götter in der römischen Mythologie: > Concordia, > Minerva, > Pax, > Venus und > Vesta, für die an der Via Appia ein Tempel errichtet wurde.

Lit.: Holzapfel, Otto: Lexikon der abendländischen Mythologie. Sonderausg. Freibg. / Br.: Herder, 2002.

Apport (lat. ap(ad)portare, herbeibringen), Erscheinen und Verschwinden lebender oder toter Objekte ohne erkennbare physische Verursachung. Das Phänomen ereignet sich plötzlich und unmittelbar. Blumen, Steine, kleine Figuren usw. tauchen plötzlich in einem geschlossenen Raum oder auf Entfernungen hin auf und verschwinden meist ebenso schnell. Von A. ist vor allem bei Spuk, spiritistischen Sitzungen und im medialen Bereich die Rede. Die Berichte im Zusammenhang mit Spukerscheinungen sind so zahlreich und in einigen Fallen gut dokumentiert, sodass das Phänomen nicht so einfach verneint werden kann. Bei Berichten aus Besessenheit und spiritistischen Sitzungen und dem Bereich der Medien sind aufgrund der Zahl der Teilnehmer und des Umfeldes mögliche Täuschungen und Betrügereien oft nur schwer auszuschließen. Von solchen Apport-Phänomenen ist bei den Medien Stainton > Moses, D. D. > Home, Eusapia > Palladino, Centurione > Scotto, Elizabeth > D’Esperance und anderen die Rede.
Da die außergewöhnliche Eigenart des Phänomens an physikalischen Grundgesetzen rüttelt, ist höchste Kontrolle geboten, insbesondere wenn hohe Erwartungen bestehen. Dies vor allem auch deshalb, weil die Gegenstände zuweilen wie geworfen, dann wieder wie aus dem Nichts sich bildend, durch Mauern und Türen hindurchgehend, in Vollgestalt oder Teilgestalt auftauchen und meist rasch wieder verschwinden. Alles ereignet sich spontan, sodass eine kontrollierte Beobachtung kaum möglich ist. Deshalb fehlen die Beobachtungen unter physikalischen Testbedingungen.
Für die theoretische Erklärung werden zwei Theorien herangezogen. Nach der Theorie von vier und mehr Dimensionen des Raumes, kommen die Gegenstände aus Parallelräumen und entschwinden wieder dorthin. Nach der Theorie der Materialisation und der Dematerialisation werden die Gegenstände an einem Ort von ihrer Feinstofflichkeit in die Grobstofflichkeit überführt (verstofflicht) und dann wieder auf ihre Feinstofflichkeit reduziert (entstofflicht). Nach den Animisten werden die Apporte durch immanente psychische Kräfte, nach den Spiritisten von Geistern bewirkt.

Lit.: Aksákow, Alexander N.: Animismus und Spiritismus: Versuch einer kritischen Prüfung der mediumistischen Phänomene mit besonderer Berücksichtigung der Hypothesen der Hallucination und des Unbewussten; als Entgegnung auf Dr. Ed. v. Hartmann‘s: „Der Spiritismus“. 3., verb. Aufl. Leipzig: Oswald Mutze, 1898; Schrenck-Notzing, Albert Frh. v.: Physikalische Phänomene des Mediumismus: Studien zur Erforschung der telekinetischen Vorgänge. München: Ernst Reinhardt, 1920; Zöllner, Friedrich: Vierte Dimension und Okkultismus / Aus den „Wissenschaftlichen Abhandlungen“ ausgew. u. hg v. Rudolf Tischner. Leipzig: Oswald Mutze, 1922; Grunewald, Fritz: Mediumismus: die physikalischen Erscheinungen des Okkultismus. Berlin: Ullstein, 1952; Bozzano, Ernesto: Übersinnliche Erscheinungen bei Naturvölkern. M. e. Nachw. und einem Register von Gastone de Boni. 2., unveränd. Aufl. Freiburg i. Br.: Aurum, 1975; Richards, John Thomas: Sorrat: a History of the Neihardt Psychokinesis Experiments, 1961–1981. N.Y; London: The Scarecrow Press, Inc., Metuchen, 1982; Berendt, H. C.: Jenseits des Möglichen? Einführung in die Psychokinese / Mit dokumentarischen Fotos und mit einem Originalbeitrag von Prof. F. S. Rothschild. Originalausg. Freiburg i. Br.: Herder, 1986.

Approximation (lat., Annäherung), Näherung, um weitere Zielvorhaben auszuloten oder gegebene Funktionen zu vereinfachen.
In diesem Zusammenhang kennt die Paranormologie die Heilmethode der „Annäherung“, die darin besteht, geeignete Tiere auf sich oder zu sich zu legen, damit sie die Krankheit „anziehen“. Als „Krankheitsanzieher“ par excellence gelten Hunde und Meerschweinchen. Bereits Gajus Plinius sec. maj. (23–79) gab den Rat, junge Hunde einige Tage lang auf die Brust und den Magen zu legen, dann gehe das Leiden auf sie über. In Mecklenburg waren „Gichthunde“, die man zum Heilen von Rheuma beim Schlafen auf das schmerzende Glied legte, steuerfrei.

Lit.: Schrödter, Willy: Tier-Geheimnisse. Warpke-Billerbeck / Han.: Baumgartner-Verlag, 1960; Agrippa von Nettesheim: De occulta philosophia / Auswahl, Einführung und Kommentar von Willy Schrödter. Remagen: Otto Reichl, 1967.

Apra, Zauberwort in der Formel: A., Altratortum, Aprunt, Apratur usw., das gegen Krämpfe gebraucht wird und nach Seyfarth eine Verstümmelung von > Abracadabra darstellt.

Lit.: Ganzlin, Karl: Sächsische Zauberformeln: ein Beitrag zur Kenntnis des deutschen Volksglaubens; Beilage zum Jahresbericht der Realschule zu Bitterfeld, Ostern 1902 / von Ganzlin. Bitterfeld: Schencke, 1902; Seyfarth, Carly: Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin Sachsens: ein Beitrag zur Volkskunde des Königsreichs Sachsen. Hildesheim [u. a.]: Olms, 1979.

Apraat > Aphraates.

Apramatta (sanskr., „nicht fahrlässig“). Die Upanishaden bezeichnen mit A. die Wachsamkeit, die Treue zum inneren Gesetz, um sich nicht selbst zu verlieren. So beobachte der Yogaschüler jeden Schritt wie ein Seiltänzer. Bevor man einen Schritt macht, wird zunächst die Richtung der Bewegung sichergestellt. Die eigenen Gedanken sind dabei einer außergewöhnlichen Balance zu unterziehen, um das spirituelle Ziel, die Freiheit, zu erlangen.

Lit.: Upanishaden: die Geheimlehre der Inder / Übertr. u. eingel. v. Alfred Hillebrandt; m. e. Vorw. v. Helmuth v. Glasenapp. München: Eugen Diederichs, 101977.

April (lat. aprilis), vierter Monat des Jahres, soll nach Ovid seinen Namen von aperire, „öffnen“, haben, weil der Frühling alles öffnet, die Knospen und Blüten und ebenso die Herzen der Menschen. Wie in Indien die Vertreibung des Winters durch Narren erfolgt, so werden im deutschsprachigen Kulturraum die Menschen „in den April geschickt“: Am ersten April schickt man die Narren, wohin man will.“ In der alemannischen > Fastnacht sind es die Narren, die den Winter und seine Dämonen vertreiben.
Gelten Aprilkinder ohnehin schon als Unglückskinder (Wuttke), so traf dies bei den frühen Christen ganz besonders auf die am 1. April Geborenen zu, weil dieses Datum mit dem Geburtstag von Judas Ischariot in Verbindung gebracht wurde. Auch in der Volksmedizin wird der April als gefährlich angesehen. Und im Wirtschaftsleben kommt dem 1. April als Unglückstag ebensolche Bedeutung zu.

Lit.: Runde, Justus Friedrich: Vergleichung der römischen in unsern Kalendern annoch gebräuchlichen Monatsnamen, mit denen, welche Karl der Grosse einzuführen suchte. [s.l.], 1781; Wuttke, Adolf: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. / von Elard Hugo Meyer, unveränd. fotomechanischer Nachdr. der Orig.-Ausg. Berlin 1900. Leipzig: Zentralantiquariat der Dt. Demokratischen Republik, 1970; Herkunft der deutschen Monatsnamen. Frankfurt / M.: Jünger, 1981.

Apsaras (sanskr., „sich im Wasser bewegen“) bezeichnen wunderschöne, sinnliche > Nymphen, die im Himmel > Indras leben und wohl eher kleine Liebesgöttinnen sind. Während sie in den Veden nur spärlich Erwähnung finden, spielen sie in den großen Epen eine Rolle. Ihre Herkunft geht auf das Umrühren des Ozeans zurück. Als die Götter den Berg Mandar in das Milchmeer brachten und denselben darin umdrehten, um den Unsterblichkeitstrank zu bereiten, entstanden diese reizenden Göttermädchen, aus lauter Ätherduft und Wohlgerüchen gebildet. Als sie jedoch aus dem Wasser auftauchten, wollten weder die Götter noch die > Asuras sie trotz ihrer Anmut und jugendlichen Schönheit heiraten, weil sie nicht die gesetzmäßig notwendige Läuterung empfangen hatten. Die A. waren deshalb für alle da und wurden Sumad-Atmajas, Freudentöchter, genannt. Sie sind die Gefährtinnen der > Gandharvas (himmlische oder göttliche Musiker, Naturgeister). Die Aufgabe der Apsaras und Gandharvas ist es, die Götter und Göttinnen zu unterhalten.
Manche Mythen erzählen auch davon, dass Apsaras nach dem Tod besonders verdienstvoller Helden oder Könige zu deren Gefährtinnen wurden.
In Ost- und Südostasien wurden Apsaras im Zuge des Synkretismus auch in die buddhistische Ikonographie aufgenommen, wie Darstellungen in buddhistischen Tempelanlagen zeigen.

Lit.: Borsani, Giuseppina: Contributo allo studio sulla concezione e sullo sviluppo storico dell'apsaras. Milano: Vita e Pensiero, 1938.

Apsephas > Psaphon.

Apsu (akkad.; sumer. Abzu) ist in der babylonischen Kosmologie die Personifikation des die Erde umgebenden Süßwasserozeans, der sich in der Urzeit mit > Tiamat, der Herrscherin über die salzigen Gewässer, vereinte. Er wird von der Zauberwaffe des Gottes > Ea, der sein Sohn ist, getötet. Im Apsu, d. h. im Wasser, wird schließlich > Marduk geboren.
Nach dem sumerischen Mythos ist Abzu die Stätte, an der die Göttin > Nammu aus Lehm die ersten Menschen formte.

Lit.: Garelli, P. / Leibovici, M.: Akkadische Schöpfungsmythen. Die Schöpfungsmythen. Darmstadt, 1993, S. 121–151.

Apsund und Sund, zwei Brüder in der indischen Mythologie, die früher gute Geister waren, durch die Lust am Irdischen aber von Gott abfielen und in die Patals, die Höllen der Inder, verstoßen wurden. Von dort aus zetteln sie alle Kriege an, die > Indra zu führen hat, da sie immer an der Spitze der ihm feindlich gesinnten Heere von Geistern stehen.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. – Erftstadt : area verlag, 2004. Diese modernisierte Ausgabe lehnt sich eng an das Originalwerk von 1874 an.

Apu („Herr“), Inka-Bezeichung für einen heiligen Ort. Bergen und insbesondere deren Gipfeln sprach man heilige Kräfte zu, weil man sie als Wohnsitz der Götter betrachtete. Diese Berggipfel wurden als apu verehrt, was wörtlich „Herr“ heißt. Es wurde angenommen, dass sie direkten Einfluss auf die Fruchtbarkeit der Tiere und Felder ausübten. Daher unternahm man Pilgerfahrten dorthin, die in fast jeder Andenreligion eine wichtige Rolle spielen. > Apacheta, > Huaca.

Lit.: Diccionario de mitología: dioses, héroes, mitos y leyendas / Marisa Belmonte Carmona, Margarita Burgueño Gallego. Madrid: Libsa, 2003.

Apuleius, Lucius (um 125 – ca. 180), römischer Rechtsanwalt, Schriftsteller und Philosoph aus Madaura in Numidien (Ostalgerien), war Platoniker und Sophist. Nach seiner Verwaltungsaufgabe in Rom setzte er sich in Nordafrika zur Ruhe. Seine Werke: der satirische Roman Metamorphosen oder Der goldene Esel in 11 Büchern (das Märchen Amor und Psyche enthaltend), Apologia de magia; Florida; De deo Socratis; De Platone et eius dogmate sind eine wahre Fundgrube der antiken Magie, Zauberei, Dämonologie, Astrologie usw. Besonders seine Apologia (Verteidigungsrede) ist eine wichtige Quelle für den Aberglauben, die magischen Praktiken und das Treiben der Zauberer in der Antike. In seinen Metamorphosen schildert er, wie ein junger Mann von einer berühmten Zauberin in einen Esel verwandelt wird und so die ganze Welt durchwandert. Die dabei gemachten Erlebnisse sind ein Sittengemälde seiner Zeit. Schließlich trifft er auf einen Oberpriester der > Isis, der Allmutter der Natur, der ihm einen Kranz von Rosenblättern aufsetzt. Durch ihn erlangt er die menschliche Gestalt wieder und lässt sich dafür in die Isis-Mysterien einweihen.

W.: Der goldene Esel. Mit Ill. von Max Klinger zu „Amor und Psyche“ und einem Nachw. von Wilhelm Haupt. [Aus dem Lat. von August Rode]. Frankfurt / M.; Leipzig: Insel, 1994; Amor und Psyche: lateinisch-dt. Übers. von Edward Brand und Wilhelm Ehlers, mit einer Einf. von Niklas Holzberg. Düsseldorf; Zürich: Artemis und Winkler, 2002; De magia. Eingel., übers. und mit interpretierenden Essays vers. von Jürgen Hammerstaedt ... Darmstadt: Wiss. Buchges., [Abt. Verl.], 2002.




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