Antoniusfeuer

Antoniusfeuer, der ignis sacer der Römer, die Gesichtsrose, bezeichnet den im Mittelalter unter gefährlichen Symptomen aufgetretenen Ergotismus gangraenosus, auch Antoniplage und Antonirache genannt. Es handelte sich dabei um eine Krankheit, die durch das Mutterkorn, einen giftigen Pilz, hervorgerufen wurde, der sich in der Roggenähre einnistet und dessen Giftgehalt vor der Ernte am höchsten ist, aber bereits nach drei Monaten stark abfällt. Zu den Vergiftungen kam es meist nach langen Hunger- und Dürreperioden, wo das geerntete Getreide sofort verbraucht wurde.
Es gab zwei Arten von Erkrankungen, die krampfartige und die brandige Form.
Die krampfartige Form befiel das Nervensystem und verursachte Rückenschmerzen, Jucken und Kribbeln in den Gliedmaßen, Herzstörungen, Erstickungsanfälle und Müdigkeit. Das Bewusstsein blieb jedoch erhalten. Die Todesrate war hoch, meist aufgrund eines Krampfanfalles.
Die brandige Form führte zum Verlust von Extremitäten mit Gewebsuntergang (Nekrosen) und Geschwürbildung an den Gliedmaßen infolge Durchblutungsstörungen. Die Extremitäten fielen entweder von alleine ab oder mussten amputiert werden. Hier bestand noch eine Überlebenschance. Als Gegenmittel wurden Steinstaub, Pfingst- und Ostertau sowie Pech und Wagenschmiere verwendet, die allerdings keine Wirkung zeigten.
Zur Pflege der Kranken wurde 1059 in Südfrankreich der Antoniter-Orden (Canonici Regulares Sancti Antonii CRSAnt) gegründet, auch Antoniusorden, Antoniter oder Antonianer genannt. Papst Urban II. bestätigte den Orden 1095 als Laienbruderschaft. Ab 1247 lebten die Brüder nach der Regel des hl. Augustinus und 1298 wurde der Orden von Papst Bonifatius VIII. in einen Chorherrenorden umgewandelt. Er besaß angeblich ein Geheimmittel gegen das „hl. Feuer“ (ignis sacer). Der Orden unterhielt im 15. Jh. in ganz Europa etwa 370 Spitäler, in denen rund 4.000 Erkrankte versorgt wurden.
Die Übertragung des lateinischen Namens ignis sacer auf den heiligen Antonius, den Wüstenvater, ist schon im 12. Jh. nachweisbar. Damals soll Wasser, in das man Reliquien des Heiligen tauchte, wider das Leiden geholfen haben.
Im Mittelalter konnten die Ärzte noch keine Hinweise auf die Ursache der Vergiftung finden. Erst 1630 erkannte ein Arzt aus Antwerpen den Zusammenhang zwischen dem Mutterkorn des Roggen und der brandigen Form des Ergotismus.

Lit.: Höfler, Max: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. München: Piloty & Loehle, 1899; Bauer, Veit, Harold: Das Antonius-Feuer in Kunst und Medizin. Berlin [u. a.]: Springer, 1973; Grabner, Elfriede: Krankheit und Heilen: eine Kulturgeschichte der Volksmedizin in den Ostalpen. 2., korrig. u. um e. Einleitung erw. Aufl., Wien: Österr. Akad. d. Wissenschaften, 1997, S. 74–90.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1