Anthropophagie

Anthropophagie (griech. ànthropos, Mensch; phàgein, essen, fressen), Menschenfresserei, Kannibalismus, Essen von Menschenfleisch bzw. Trinken von Menschenblut in rituell-magischer Praxis bei verschiedenen antiken Völkern. So berichtet das Buch der Weisheit: „Du hast auch die frühen Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut.“ (Weish 12, 3–5).
Die Praxis der A. beruht neben den rituellen und magischen Vorstellungen insbesondere auf dem > Animismus. Durch Einverleiben des frischen Fleisches, insbesondere des Herzens und Blutes eines zu diesem Zweck getöteten Menschen, eigne man sich auch seine Kräfte und seine Persönlichkeit an. Ein Ausläufer dieser animistischen Vorstellungen findet sich heute in der Identifikation mit den sog. Stars. Auch der Reliquienkult hat hier seine psychologische Grundlage.
Im > Satanismus bekommt A. einen lebensvernichtenden Aspekt im Sinne der Aneignung der vitalen Macht durch Zerstörung jungen Lebens, insbesondere der Leibesfrucht, bzw. durch das Vermächtnis der eigenen Seele mittels Unterschrift mit dem eigenen Blut.

Lit.: Frick, Karl R. H.: Das Reich Satans: Luzifer / Satan / Teufel und die Mond- und Liebesgöttinnen in ihren lichten und dunklen Aspekten – eine Darstellung ihrer ursprünglichen Wesenheiten in Mythos und Religion. Graz: ADEVA, 1982; Frick, Karl R. H.: Die Satanisten: Materialien zur Geschichte der Anhänger des Satanismus und ihrer Gegner. Graz: ADEVA, 1985; Schöppl von Sonnwalden, Herman: Kannibalismus bei den nordamerikanischen Indianern und Eskimo. Wyk auf Foehr: Verl. für Amerikanistik, 1992; Peter-Röcher, Heidi: Kannibalismus in der prähistorischen Forschung: Studien zu einer paradigmatischen Deutung und ihren Grundlagen. Bonn: Habelt, 1994; Keck, Annette u. a. (Hg.): Verschlungene Grenzen: Anthropophagie in Literatur und Kulturwissenschaften. Tübingen: Narr, 1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1