Animalischer Magnetismus

Animalischer Magnetismus, auch Tierischer Magnetismus, bezeichnet nach Franz Anton > Mesmer eine spezifische Energie des menschlichen Organismus in Wechselwirkung mit den Himmelskörpern und der Erde. Diese Wechselwirkung wird nach Mesmer von unbekannten mechanischen Gesetzen bestimmt und von einem universalen Fluidum in Fluss und Gegenfluss getragen. Die Wechselwirkung zeigt sich besonders beim menschlichen Organismus, der analog zum Magneten verschiedene und entgegengesetzte Pole aufweist, die übertragen, verändert, zerstört und verstärkt werden können. Gerade diese Eigenart des tierischen Organismus, empfänglich zu sein für den Einfluss der Himmelskörper, und die Wechselwirkung der Gegenstände der Umgebung in Analogie zum Magneten veranlassten Mesmer 1779, hier von Animalischem Magnetismus zu sprechen.
Aktivität und Qualität des Animalischen Magnetismus können konzentriert, akkumuliert, reflektiert und auf belebte und unbelebte Körper, auch auf Entfernung hin, übertragen werden, wobei die einen oder anderen mehr oder weniger empfänglich sind. Es gibt nach Mesmer sogar lebende Organismen, die eine gegenteilige Eigenart haben, sodass allein ihre Gegenwart alle Wirkungen des magnetischen Effektes zerstört. Diese gegenteilige Qualität durchdringt ebenfalls alle Körper, kann akkumuliert, reflektiert und auf Entfernung hin übertragen werden. (Mesmer, S. 76 –79)
Den Ausgangspunkt von Mesmers Theorie vom Animalischen Magnetismus bilden seine Dissertation De planetarum influxu (1766) und seine 1772 begonnene Anwendung des Magnetismus bei der Behandlung von Kranken. Der Ausdruck selbst geht auf den Jesuiten Athanasius > Kircher (1601–1680) zurück und fand dann im Rahmen der Loslösung der Hypnose von ihrem mythisch-religiösen Hintergrund besondere Beachtung.
Die drei Hauptgestalten in diesem Ablösungsprozess waren der katholische Priester und Exorzist Johann Joseph > Gassner (1727–1779), der Jesuit und Astronom Maximilian > Hell (1720–1792), der den Kranken zur Heilung Stahlplatten an den Körper legte, und eben der Arzt Franz Anton Mesmer, der, wie dargelegt, biomagnetische Kräfte in Wechselwirkung mit Kosmos und Umwelt als naturgegebene Wirkkraft bezeichnete und sie Animalischen Magnetismus nannte. Da diese Deutung jedoch auf den entschiedenen Widerstand der offiziellen Wissenschaft stieß, wurde Mesmer als Scharlatan verschrien, weshalb er 1778 Wien in Richtung Paris verließ, wo er eine „magnetische Praxis“ errichtete. Seine Erfolge machten ihn zwar berühmt, doch lehnte ihn die Schulmedizin weiterhin ab. Im März 1780 setzte König Ludwig XVI. von Frankreich eine Kommission zur Begutachtung ein. Diese bezeichnete 1784 die magnetischen Phänomene als Einbildung, als Suggestion, ohne allerdings Mesmers Heilerfolge in Frage zu stellen. Damit setzte sich die psychologische Deutung der sog. „magnetischen Phänomene“ durch. Das Verständnis der Hypnose verlagerte sich von der „äußeren Kraft“ des Hypnotiseurs auf die „innere Kraft“, die Imagination des Klienten. So versucht man seit James > Braid (1795–1860), der den „magnetischen Schlaf“ als Neurypnologie und später als „Hypnose“ bezeichnete, als Suggestionseffekt zu verstehen.
Der bioenergetische Faktor von Hypnotiseur und Klient wurde hingegen ignoriert bzw. nicht erkannt. Allerdings wurde in einer zweiten Erklärung der Kommission 1785 eingeräumt, das für einige Erscheinungen eine besondere Kraft, eben das magnetische Fluidum, reklamiert werden könne.
Die anthropologische Relevanz dieser Erfahrungen wurde nur von wenigen, wie z. B. von A. Schopenhauer erkannt, der im Animalischen Magnetismus eine Experimental-Metaphysik sah. In der praktischen Anwendung wurde die Tradition des Heilmagnetismus sowohl von Ärzten wie Eberhardt Gmelin, Christoph Hufeland, Justinus Kerner, Dietrich Georg Kieser und Karl Passavant als auch von Laien wie Jean Philippe François Deleuze, Jules du Potet und Marquis de Puységur fortgeführt und spielt gegenwärtig angesichts der unüberschaubaren Zahl an Heilern eine nicht gerade unbedeutende Rolle. Die Schulmedizin lehnt die bioenergetische Heilkraft nach wie vor ab, weil sie weder psychologisch noch physikalisch zu erklären ist. Dass der lebende Organismus eine eigene Wirkkraft hat, ist offensichtlich, liegt aber noch jenseits jeder wissenschaftlichen Erklärung. Der Begriff Magnetismus ist in diesem Zusammenhang missverständlich.

Lit.: Mesmer, Franz Anton: Mémoire sur la découverte du magnétisme animal. Paris: Didot, 1779; Kieser, Dietrich Georg: System des Tellurismus oder thierischen Magnetismus: Ein Handbuch. Neue Ausgabe. Leipzig: Herbig, 1826; Mesmer, Franz-Anton: Le Magnétisme Animal / M. e. Einführung von Robert Amadou; Kommentare und Bemerkungen von Frank A. Pattie und Jean Vinchon. Paris: Payot, 1971; Wolters, Gereon (Hg.): Franz Anton Mesmer und der Mesmerismus: Wissenschaft, Scharlatanerie, Poesie. Konstanz: Univ.-Verl., 1988; Bischof, Marco: Tachyonen – Orgonenergie – Skalarwellen: feinstoffliche Felder zwischen Mythos und Wissenschaft. Aarau, CH: AT Verl., 2002.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1