Andorn

Andorn (Marrubium vulgare L.) bzw. Weißer Andorn (Marrubium album GILIB.), weißblühender Lippenblütler aus Südosteuropa, der an Waldwegen zu finden ist, sich aber auch mit Dorfstraßen, Gartenzäunen, Schuttplätzen und Ödland begnügt. Der A. hat noch viele weitere Namen, so Weißer Dorant, Gotteshilfe, Weiße Leuchte, Mutterkraut und Gutsvergess.
Nach germanischer Mythologie soll der A. die Blitzkraft verkörpern, da er an derjenigen Stelle zuerst wuchs, an der ein Blitz > Donars einen Menschen verfehlte, mit dem er Händel hatte. Der „starken“ Pflanze wird demzufolge die besondere Schutzfunktion zugeschrieben, Übel abzuwenden. Vom A. wird gesagt, er stehe mit Waldgeistern, Zwergen, Nixen und Feen in näherem Kontakt. Auch Sympathiezauber gehört zum magischen Revier des Andorns.
A. wird noch heute, wie Marzell im Jahr 1977 schreibt (Marzell, 59), als > Beschreikraut gegen das „Schwinden“ der Kinder (Pädatrophie) gebraucht, wovon schon Brunfels berichtete: „darumb das es heilen ist die kranckheit der kinder genant der andorn“ (Brunfels, 1532, 84). Auch im Gegenzauber fand A. seine Anwendung.
Als Heilpflanze ist A. bei Herzschwäche, Lungenproblemen, Verdauungsstörungen, Leberbeschwerden, ausbleibender oder schwacher Menstruation und vielen anderen Gesundheitsstörungen von Bedeutung. A. war auch eines der vielen „Mutterkräuter“ in der Hexenmedizin, das für Abtreibungen benutzt wurde (Müller-Ebeling, 149). Die Pflanze enthält viele Bitterstoffe, Tannine, Alkaloide und Schleimstoffe.
Der > Schwarze Andorn (Ballota nigra L.) gehört in die lange Zutatenliste der > Hexensalben (Rätsch, 751).

Lit.: Brunfels, Otho: Contrafayt Kreuterbuch nach rechter vollkommener art / vnnd beschreibungen der Alten / besst / berumptem ärtzt / vormals in Teutscher sprach / der maszen nye gesehen / noch im Truck auszgangen. Straßburg 1532. Ander Teyl. Straßburg, 1537; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, Bd. 3. Stuttgart: Hirzel; Wiesbaden: Steiner, 1977; Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, 1984; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1