Amazonen

Amazonen (griech.: Amazónes), sagenumwobenes, aus der griechischen Mythologie bekanntes Volk kriegerischer Frauen, deren eigentliche Heimat Asien ist. Die im Altertum als reale, sterbliche Personen vorgestellten A. werden antiáneirai, d. h. „männerfeindlich“ oder auch „männergleich“, „Männern gleichwertig“, genannt. Die A.-Fürstin Myrine wird als „vielspringend“ bezeichnet, so wie alle A. für ihre Schnelligkeit und Geschicklichkeit im Springen bekannt sind. Eine thrakische A.-Fürstin ist Penthesileia, weitere A. sind Hippolyte und Antiope. Als Vater aller A., bisweilen auch nur einzelner unter ihnen wie Penthesileia, wird der Kriegsgott > Ares angegeben, während als Mutter die pontische Nymphe Harmonia oder > Athena in Frage kommen.
Die Sage um die oft mit zwei Brüsten dargestellten, berittenen und mit Speer, Bogen, Streitaxt und halbmondförmigem Schild ausgerüsteten A. erzählt, dass sie Ares und > Artemis verehren. Um sich fortzupflanzen, ziehen sie für zwei Monate zu einem Nachbarvolk. Von ihren Kindern behalten sie jedoch nur die Mädchen, die sie zu Kriegerinnen erziehen; die Jungen schicken sie bestenfalls zu ihren Vätern zurück oder verstümmeln sie, andernfalls töten sie ihre Söhne.
Als einer der ältesten Aufenthaltsorte der für ihre Tapferkeit berühmten A. gilt Lykien, dessen Rechtsordnung laut Herodot eine Gynaikokratie (Frauenherrschaft) ist. Im Weiberstaat der A. werden Männer nur zur Erhaltung des Geschlechts geduldet. Politik und Kriegsführung liegen in der Hand der Frauen.
Eine irrtümliche antike Auslegung erklärt den Namen A. als die „Brustlosen“ (griech. amazos, ohne Brust) nach dem Brauch, sich die rechte Brust abzuschneiden oder auszubrennen, um bei der Handhabung von Pfeil und Bogen nicht behindert zu sein.
Der Mythos bringt die A. mit mehreren griechischen Nationalhelden in Verbindung: Herakles erkämpft sich den Gürtel der A.-Königin Hippolyte. Bellerophon zieht gegen die A. zu Felde. Im troischen Krieg kommen die A. unter Führung ihrer Königin Penthesileia dem Priamos gegen die Griechen zu Hilfe. Penthesileia fällt von der Hand des > Achilleus. Theseus raubt die A.-Königin Antiope, die ihm den Hippolytos gebiert. Ein Rachefeldzug führt die A. bis nach Attika, wo sie am Areopag von den Athenern unter Führung des Theseus geschlagen werden.
Diese klassische Sage ist allerdings nicht gänzlich in das Reich der Fabel zu verweisen. In mutterrechtlichen Gebieten finden sich gelegentlich kriegerische Frauenorganisationen. In Westafrika gab es Amazonenkorps, deren Angehörige ledig bleiben mussten. In Südsimbabwe galten die Amazonen als die tapfersten Krieger. Berühmt wurde die im 17. Jh. lebende schwarze Amazone Anna Xings, die in Angola erfolgreich Krieg führte, sich als Mann ausgab, Männerkleidung trug und 50 oder 60 „Weiber“ besaß , Männer mit Frauenamen und in Frauenkleidern.
So lässt sich im Lauf der Jahrhunderte ein Funktionswandel des Amazonenmythos beobachten. Diente er in der Antike der Stärkung der männlichen Überlegenheit und der staatlichen Ordnung, so fungierte er später als traditionsbildendes, alternatives Frauenbild. An dieser Entwicklung waren vor allem Johann Jacob Bachofens Mutterrecht (1861) und die > Esoterik maßgeblich beteiligt.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart 1894ff., Bd. 1 1894; Bachofen, Johann Jakob: Mutterrecht. Dortmund: Schwalvenberg, 1947; Nölle, Wilfried:  Völkerkundliches Lexikon: Sitten, Gebräuche und Kulturbesitz der Naturvölker. München: Goldmann, 1959; DKP = Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Auf der Grundlage von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Hg. Von Konrad Ziegler und Walther Sontheimer, 5 Bde. Stuttgart: Alfred Druckenmüller, 1964–1975; Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie: mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart. 8., erw. Aufl. Wien: Verlag Brüder Hollinek, 1988;  DNP = Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hg. v. Hubert Cancik u. Helmuth Schneider, Bd. 1ff. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 1996ff.; Bd. 2 1997.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1