Amanita muscaria

Amanita muscaria (Fliegenpilz), der mit seinem rotweißroten Hut bekannteste Giftpilz, wächst nur in Symbiose mit Birken und/oder Kiefern und kann bis zu 30 cm hoch werden und bis zu 20 cm große Hüte ausbilden. Der stark giftige, mitunter tödliche Pilz mit mehreren Giftstoffen wie Ibotensäure, Muszimol, Muskarin und anderen sollte laut fachlicher Anweisung grundsätzlich nicht gegessen werden, auch nicht nach Entfernen der Huthaut.
Früher legte man Fliegenpilzstücke in gezuckerte Milch, um die Fliegen, die von der Milch naschten, zu töten – daher rührt die Bezeichnung „Fliegenpilz“.
Obwohl der Fliegenpilz wegen seines rotweiß gepunkteten Hutes von allen Pilzen am einfachsten zu erkennen ist, kann er bei oberflächlicher Betrachtung, wenn die weißen Flöckchen abgewaschen sind, mit Täublingen oder Kaiserlingen (Amanita caesarea) verwechselt werden.
Trotz seiner Giftigkeit wurde der Fliegenpilz von den Schamanen als Droge verwendet, vielleicht bereits von den prähistorischen „Becherleuten“, die > Stonehenge als Ritualort genutzt haben (Burl, 106ff.). Man vermutet sogar, dass sein Gebrauch bis in die Steinzeit zurückreicht und überall in Eurasien verbreitet war. Zum Drogenkonsum wird der Fruchtkörper (Fungus muscarius) frisch oder getrocknet verwendet. Werden die frischen Pilze trotz der damit verbundenen Gefahren als Speise verwendet, müssen sie mindestens eine Stunde in kaltem Wasser eingelegt werden, damit sich die aktiven Wirkstoffe lösen. Das Wasser wird für psychoaktive Wirkungen getrunken. Frische Pilze werden auch in Schnaps eingelegt, der dann nach einigen Wochen an einen warmen Ort gestellt zum Genuss bereit ist. Man ist hierbei jedoch gut beraten, die Anweisungen von Fachexperten einzuholen. Im Übrigen gilt auch hier der paracelsische Spruch, dass es allein die Dosis macht, ob ein Ding zum Gift oder Heilmittel wird. Die tödliche Dosis liegt bei über 100g Frischpilzen, wobei der Giftgehalt – in Abhängigkeit vom jeweiligen Standort – mitunter so gering sein kann, dass nach dem Verzehr keine Nebenwirkungen auftreten.
Zu den Symptomen der Fliegenpilzberauschung werden starke parasympathologische Erregung, wellenartiges Wechseln von Schlafen und Wachen, Illusionen, Halluzinationen und Delirien genannt. Nicht selten gelten Fliegenpilzberauschungen als unangenehm.
Sibirische Schamanen verspeisen getrocknete Fliegenpilze, um in eine hellseherische Trance zu verfallen und ihre schamanischen Heilkräfte zu mobilisieren. Auch die Bewohner des hohen Nordens, die Korjaken, konsumieren im Winter bei feierlichen Anlässen getrocknete Fliegenpilze, da sie die Zukunft enthüllen sollen, wenn sie vor dem Verspeisen mit einem Wunsch, in ganz bestimmter Formel ausgesprochen, in Zusammenhang gebracht werden.

Lit.: Burl, Aubrey: The Stonehenge People. London: Dent & Sons, 1987; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Stuttgart; Aarau, CH: Wiss. Verl.-Ges.; AT Verlag, 1998, S. 631-639; Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere: [von Fliegenpilz bis Teufelsbeere; Bestimmung, Wirkung, Verwendung] / Andreas Alberts; Peter Mullen. Stuttgart: Kosmos, 2000; Bauer, Wolfgang u. a. (Hg.): Der Fliegenpilz: Traumkult, Märchenzauber, Mythenrausch. Aarau, Schweiz: AT-Verl., 2000.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1