Alaya-vijñana

Alaya-vijñana (sanskr. "Speicherbewusstsein"), zentraler Begriff der Yogachara-Schule des > Mahayana zur Bezeichnung des grundlegenden Bewusstseins alles Existierenden, das auf Erkenntnisvermögen und persönlicher Erfahrung durch die Zeit beruht, ohne ein „Selbst“, das die Kontinuität in der Zeit ausfüllt. Diese Vorstellung wurde von Asanga im 4. Jh. als Erweiterung des > Abhidharma-Begriffes von einem Bewusstseinsstrom eingeführt, der die persönliche Kontinuität durch eine Reihe von Leben hindurch darstellt. Dabei unterscheidet Asanga drei Ebenen: 1) das wirkende Bewusstsein der sechs Sinne, 2) den selbstbezogenen Intellekt oder das Ich (Manas) und 3) die Grundlage oder das Speicherbewusstsein (alaya-vijñana).
Im Speicherbewusstsein wird die Erfahrung aufbewahrt, reift dort und wird in den karmischen Kreislauf zurückgeschickt. In den buddhistischen Texten wird das alaya-vijñana daher mit einem weiten Ozean verglichen, der die Fülle und die Ganzheit allen Wassers symbolisiert. Ist doch das Grundbewusstsein der Speicher aller Bewusstseinseindrücke, die über die Sinne und unterscheidendes Denken vermittelt werden. Alle Denkakte des unterscheidenden Denkbewusstseins haben karmische Auswirkungen, die sich im Urgrund einprägen und von dort aus wieder zur „Reifung“ in neue Denkvorgänge gelangen können. Auch das Denken wird vom Gesetz des Karma bestimmt, ist es doch eine Tätigkeit des Bewusstseins vor Ausführung der eigentlichen Handlungen. Bewusstsein ist somit die Grundvoraussetzung für den Erkenntnisprozess, denn alles, was nicht im Bewusstsein erkannt wird, ist dort nicht vorhanden und daher auch nicht existent. Karma, die ursachenbedingte, individuelle Situation des Menschen bewirkt, dass tiefste persönliche und persönlich bisher nicht bekannte oder bewusste Vorstellungen im Bewusstsein auftauchen, da sie alle in der universalen Potenz des Bewusstseins als karmische Samen enthalten sind.

Lit.: Lauf, Detlef-I.: Geheimlehren Tibetischer Totenbücher: Jenseitswelten und Wandlung nach dem Tode; ein west-östlicher Vergleich mit psychologischem Kommentar. M. e. Vorw. v. Frederic Spiegelberg. Freiburg i. Br.: Aurum, 31979; Schmithausen, Lambert: Alayavijnana: on the Origin and the Early Development of a Central Concept of Yogacara Philosophy. Tokyo: International Institute for Buddhist Studies, 1987.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1