Al-Ghazali

Al-Ghazali, Abu Hamid, arabischer Philosoph und Theologe, der größte Denker des Islam, 1059 in Tus in Chorasan (Persien) geboren, studierte in seiner Heimatstadt und in Nischapur und wurde 1091 theologischer Lehrer an der Nizami-Universität in Bagdad. 1095 unternahm er eine Pilgerfahrt nach Mekka und führte dann als > Sufi (islamischer Mystiker) Jahre hindurch ein mystisch-beschauliches Wanderleben in Damaskus, Jerusalem und Alexandrien. Eine Zeit lang weilte er als Sufi in Tus und schrieb eine Reihe von Werken. Nach kurzem Wirken als Lehrer in Nischapur kehrte er nach Tus zurück, wo er ein Kloster für Sufis und eine Schule für Gesetzesstudien gründete und sich ansonsten mystischen Betrachtungen widmete. In seiner Selbstbiographie „Die Rettung aus dem Irrtum“ (al-munkidh min al-dalal) bekennt A., dass er nach dem Studium der verschiedenen philosophischen Systeme zum Skeptizismus an aller Philosophie gekommen sei. Seine philosophischen Kenntnisse verwerte er zum Beweis dafür, dass der Islam den übrigen Religionen und auch allen philosophischen Systemen überlegen sei. Er gilt als geistiger Erneuerer des Islam. Seine „Neubelebung der Religionswissenschaften“ (Ihya 'ulum al-din) gilt als das klassische Werk der islamischen Theologie. Es ist in vier Teile gegliedert, wovon sich der erste Teil mit dem Glauben, der zweite mit Volk und Gesellschaft, der dritte und vierte mit dem Innenleben der Seele und mit dem Gedanken an Tod und Fortleben befassen.
In „Ziele der Philosophen“ (Makasid al-falasifa) stellt A. die arabisch-aristotelische Philosophie dar und bekämpft in seiner „Widerlegung der Philosophen“ (Tahafut al-falasifa) die Richtung des > Alfarabi und des > Avicenna, die dann Averroës in seinem Hauptwerk „Destructio destructionis“ (Tahafut al-tahafut) gegen Al-Ghazali und dessen Schrift verteidigte. Von A.s Werken seien noch erwähnt: „Die kostbare Perle“ (Ad durra'l fahira), eine Darstellung der mohammedanischen Eschatologie, sowie die populär-ethische Schrift „Das Elixier der Glückseligkeit“ (Kimiya' al-sa'ada).
Ghazali untersuchte die Philosophie letztlich mit dem Ziel, ihr Lehrsystem zurückzuweisen, da es sich an verschiedenen Punkten mit der Offenbarung im Widerspruch befand und von daher ein gefährlicher Einfluss auf die Muslime angenommen werden musste, was er vor allem in folgenden drei Punkten bemängelt:

1. ihre Lehre von der Ewigkeit der Welt: Gott sei in der Welt immanent. Daher kenne auch die Welt - wie Gott - keinen Anfang und kein Ende.
2. ihre Ablehnung der leiblichen Auferstehung: Nur die Seele, nicht aber der Körper nehme an der Auferstehung teil.
3. ihre These, dass Gott nur die Universalia, nicht aber die Partikularia kenne.

Dieser schonungslosen Kritik hielt nur das kontemplative Leben des Mystikers stand. So verließ er 1095 seinen Lehrstuhl in Bagdad, besuchte Mekka und zog sich anschließend in einen sufischen Konvent seiner Heimatstadt Tus zurück; er starb am 18.12.1111 nach einem kurzen Lehraufenthalt in Nischapur.
Gleich Avicenna und Alfarabi war er zudem der Meinung, dass die Fernwirkung der Seele nicht nur rein seelisch erfolge, sondern dass die Gedanken auch einen entfernten materiellen Körper allein durch die Einbildungskraft bewegen könnten. Da die Seele ein Teil der Weltseele sei und diese verändernd und bewegend auf Gegenstände wirken könne, müsse dies auch die Einzelseele vermögen. So meint Al-Ghazali auf die Frage, was das Prophetentum sei, dies sei der vierte Zustand der intellektuellen Entwicklung ... wenn ein anderes Auge geöffnet sei, durch das ein Mensch Dinge wahrnehme, die anderen verborgen sind, und alles das erfahre, was sein werde, und Dinge wahrnehme, die dem Verstand entgehen.

W.: Das Elixier der Glückseligkeit. Aus dem Pers. und Arab. übertr. von Hellmut Ritter. M. e. Vorw. von Annemarie Schimmel. München: Diederichs, 1993; Über Rechtgläubigkeit und religiöse Toleranz: eine Übersetzung der Schrift „Das Kriterium der Unterscheidung zwischen Islam und Gottlosigkeit“ (Faysal at-tafriqa bayn al-Islam wa-z-zandaqa). Eingeleitet, übers. und mit Erl. vers. von Frank Griffel. Zürich: Spur-Verl., 1998; Die kostbare Perle im Wissen des Jenseits. Aus dem Arab. übers. von Mohamed Brugsch. Köln: GMSG, 2002.
Lit.: Azkoul, Karim: Glaube und Vernunft im Mohammedanismus, dargest. nach dem größten Denker des Islam, Al-Ghazali. München: Hueber, 1938; Volpi, Franco (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1