Agni

Agni (sanskr., Feuer; lat. ignis). Der Gott des Feuers im Hinduismus, der besonders in der vedischen Periode von großer Bedeutung war. Im > Veda repräsentiert A. die Sakralität des Feuers schlechthin. A. wurde als Sohn des Dyaus (Rigveda I, 26,10) im Himmel geboren, von wo er in Gestalt eines Blitzes herniederfährt. Er ist jedoch nicht nur im Feuer, sondern auch im Holz und in den Pflanzen sowie im Wasser gegenwärtig. Zudem wird er mit der Sonne gleichgesetzt. Wie das > Opfer der Mittelpunkt der vedischen Religion ist, ist A. der Mittelpunkt des Opfers und als solcher Mittler zwischen den Menschen und den Himmlischen, indem er das im Opferfeuer Verbrannte zu den Göttern bringt. Alle Opfergaben müssen daher durch das heilige > Feuer gehen, um ihre göttlichen Ziele zu erreichen. So ist A. in gewissem Sinne die Kraft des Göttlichen, das allen Dingen immanent ist, die Quelle des Wissens, der Gott der Priester, Priester der Götter und mächtiger Feind der Dunkelheit. Im Veda wird A. mit sieben Zungen, goldenen Zähnen, 1000 Augen und flammendem Haar, schwarz gekleidet und mit flammendem Wurfspieß in einer von vier Händen beschrieben. Als sein Reittier oder Begleittier gilt ein Widder oder Ziegenbock. A. ist ewig jung, denn er wird in jedem Feuer wiedergeboren und verleiht daher > Leben und > Unsterblichkeit. Als „Herr des Hauses“ vertreibt er die Finsternis, hält die > Dämonen fern und schützt vor > Krankheit und > Zauberei. In der > Mythologie, wo er keine besondere Ausprägung erfährt, nimmt er neben der Sohnschaft des Dyaus auch die anderer Götter an, wie jene von > Kashyapa und > Brahma. Zahlreiche Helden und spätere Nachkommen werden unter der Bezeichnung Agneya oder Agnivesha mit ihm in Verbindung gebracht. Agni ist das erste Wort des Veda und als das weltverzehrende unterirdische Feuer oder die Flamme des Begräbnisscheiterhaufens der elementarste Ausdruck menschlichen und göttlichen Lebens. In diesem Zusammenhang hat A. in der indischen Religion zahlreiche kosmisch-biologische Meditationen und Spekulationen ausgelöst und Synthesen ermöglicht.
In der Esoterik ist A. Symbol der mentalen Ebene und der Kraft des einwohnenden Höheren Selbst.
Im Rahmen des > Ayurveda wird A. im Plural als Agnis zur Bezeichnung für einen der fünf elementaren Zustände im grobstofflichen Körper des Makrokosmos. Zudem werden 13 biologische Feuer unterschieden, von denen das so genannte große Verdauungsfeuer, > Jatharagni, im Magen-Darmtrakt, das wichtigste ist.

Lit.: Bailey, Alice A: Initiation: menschliche und solare Einweihung. New York; London: Lucis Publishing Co., 1952; Oldenberg, Hermann: Die Religion des Veda. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51970, S. 103-132; Staal, Frits: Agni: the Vedic Ritual of the Fire Altar. Berkeley: Asian Humanities Press, 1983; Verma, Vinod: Ayurveda: der Weg des gesunden Lebens. München; Wien: O. W. Barth, 1992; Pschyrembel Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren. Berlin; New York: de Gruyter, 1996.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1