Ägyptische Freimaurerei

Ägyptische Freimaurerei. Von dem am 8. Juni 1743 zu Palermo geborenen Giuseppe Balsamo unter dem Namen Graf Alessandro > Cagliostro gegründeter magischer Ritus. Cagliostro, erfolgreicher Hochstapler und Schwindler des 18. Jh.s, der auf Kosten seiner Zeitgenossen lebte, erfand die Pseudo-Freimaurerei zu eigennützigen Zwecken. Die Ordensgründung tauchte zuerst um 1782 auf und wurde von Goethe im „Großkophta“ köstlich beschrieben. Cagliostro beschloss um 1775 mit seiner Frau Lorenza Feliciani, dem Hang zum Magischen innerhalb der Freimaurerei durch die Gründung neuer Logen nach dem von ihm entwickelten oder modifizierten Rite égyptien entgegenzukommen, und trat für die Gleichberechtigung der Frauen in der Freimaurerei ein. Nach Cagliostro besäße die ägyptische Freimaurerei den Schlüssel zum > Stein der Weisen und die Teilnehmer könnten ihre „ursprüngliche Unschuld“ entdecken. Zur Loge waren Männer wie Frauen zugelassen. Bei der Initiation der weiblichen Neophyten assistierte seine Frau, die diese anhauchte mit den Worten: „Ich hauche dir diesen Atem ins Gesicht, um in deinem Herzen die Wahrheit keimen und wachsen zu lassen, in deren Besitz wir sind; ich hauche hinein, um deine guten Absichten zu stärken und dich im Glauben deiner Brüder und Schwestern zu bestätigen...“.
Später nahmen die Frauen in weißen Gewändern an einer Zeremonie teil, bei der sie ermutigt wurden, die „schändlichen Bande“ ihrer männlichen Meister abzuwerfen. Darauf wurden sie in einen Garten und dann in einem Tempel geleitet, wo sie eine „einführende Begegnung“ mit Cagliostro selbst hatten. Dieser pflegte dabei nackt auf einer goldenen Kugel aus dem Tempeldach herabzuschweben und seine Neophyten aufzufordern, im Namen der Wahrheit und der Unschuld ihre Kleider abzulegen. Dann erklärte er ihnen die symbolische Natur ihres Strebens nach Selbsterkenntnis, ehe er wieder die goldene Kugel bestieg und in die Tempelkuppel emporschwebend verschwand. Diese Zeremonie verlangte auch ihren Preis. Viele der Teilnehmer stammten jedoch aus der Pariser Aristokratie und konnten sich dies somit durchaus leisten. Der Ritus verschwand mit Cagliostro.
Als „Ägyptischer Ritus“ bezeichnete sich auch das Freimaurersystem „Memphis-Ritus“ (frz. Rite de Memphis), das als Konkurrenzsystem gegen den „Misraim Ritus“ entstand.

Lit.: Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988; Frick, Karl R. H.: Licht und Finsternis II. Graz: Akadem. Druck- u. Verlagsanstalt, 1978, S. 135-136; Lennhoff, Eugen: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000. Marcello, Stefano Antonio: Vie de Joseph Balsamo, connu sous le nom de comte Cagliostro. Paris: Onfroy; Strasbourg: Treuttel, 1791.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1