Ägypten

Ägypten. Als Inbegriff der wohl ältesten Hochkultur der Menschheit ist Ägypten auch Symbol für alles Uralt-Geheimnisvolle. Die Einordnung dieser magischen Begebenheiten kann jedoch nur anhand eines kurzen Zeitrasters erfolgen. Die wissenschaftliche Erschließung der Geschichte Ägyptens hat eigentlich erst die Entzifferung der Hieroglyphen durch den Franzosen François Champollion 1822 ermöglicht.
Im Mittelpunkt des politischen Interesses des Alten Ägypten steht die Reichseinigung der einzelnen Dynastien:
Thinitenzeit (um 3000-2740: 1.-2. Dynastie); Altes Reich (um 2740-2180: 3.-6. Dynastie): Hauptstadt: Memphis; Nekropolen: Sakkara und Gizeh mit den bekanntesten Pyramiden. 1. Zwischenzeit (um 2180-1990: 7.-10. Dynastie); Mittleres Reich (um 2081-1759: 11.-12. Dynastie). 2. Zwischenzeit (um 1759-1539: 13.-17. Dynastie): Fremdherrschaft der Hyksos; Neues Reich (um 1539-1069: 18.-20. Dynastie): Hauptstadt Theben; Nekropolen: z. B. das Tal der Könige). Es regieren u. a. die bekannten Pharaonen Thutmosis III. (Palästinafeldzug), Amenophis III., Amenophis IV. (Echnaton), Sethos I. und Ramses II. (Großarchitektur in Karnak, neue Reichshauptstadt: Piramesse im Ostdelta). 3. Zwischenzeit (um 1069-720: 21.-23. Dynastie): Hauptstädte zunächst Tanis und Bubastis, Theben als Zentrum eines Gottesstaates: u. a. mit den Pharaonen Siamun, Schoschenk I., Taharka; Spätzeit (um 727-330: 24.-31. Dynastie) u. a. mit den Pharaonen Necho II. und Apries (Hofra).
Es folgen die Ptolomäer (Gründung der Stadt Alexandrien) und die römischen Imperatoren (Ä. als Kornkammer, Festung Babylon, Alt-Kairo). Anschließend kommen die Byzantiner, nach der islamischen Eroberung (640 n. Chr.) die Omajjaden und Abbasiden (640-935), die Fatimiden und Ajjubiden (935-1250), die Mamluken und Osmanen (1250-1798), die Franzosen (1798-1801), der Vize-König (Khedive) Mohammed Ali und dessen Nachfolger, sodann die Engländer (1805-1952) und schließlich die heutige Arabische Republik.
Kosmogonie
Die ägyptische Vorstellung von der Erschaffung der Welt fußt auf mehreren Mythen, die einander aber nicht ausschließen. Nach einigen Beschreibungen ist die Welt aus dem Urwasser, dem > Nun, entstanden. Die entscheidendsten Taten des Schöpfers sind jedoch Trennung, das Setzen einer Ordnung in Natur und Leben sowie die Überwindung des Todes durch die Auferstehung (Osiris).
Ein mehrmals in Wort und Bild überlieferter Mythos lehrt, dass der Pharao vom Geistgott > Amun gezeugt und von einer Jungfrau geboren wurde. Dies macht die gottmenschliche Doppelnatur des Pharao evident: er ist zwar sterblich, erfährt aber den Willen der Götter, den er auf Erden zu verwirklichen hat.
Religion

Die ägyptische Religion ist eine polytheistische Nationalreligion, die auch die Verehrung anderer Götter ermöglicht, da es niemals zu einem festgefügten System religiöser Anschauungen kam. Trotz aller Vielfalt bietet sich eine Gliederung in Götter und Fortleben (Mensch) an.
Unter den Göttern seien hier nur jene genannt, die unter dem einen oder anderen Namen im ganzen Land verehrt wurden. Auf die unendliche Zahl von Geistern und Dämonen, die beinahe alles belebten, mit dem der Mensch in Verbindung kam, kann nur verwiesen werden. Eine besondere Stellung nahm auch der Tierkult (> Zoolatrie) ein, der in Ägypten dermaßen entwickelt war, dass er fast als Charakteristikum der ägyptischen Religion gelten kann.
Zu den allerorts verehrten Göttern gehören: > Amun (Ammon), > Atum, > Re, > Hathor, > Osiris, > Isis, > Horus und > Ptah. Jeder Gott hat seine eigene Geschichte und jedem ist ein Lebensbereich zugeordnet, so z. B. Osiris: Totengericht und Auferstehung; Ptah: Materie und Handwerk; Hathor: Liebe, Rausch und auch Totenreich.
Um 1365 ersann König Echnaton (Amenophis IV.) einen echten Monotheismus mit > Aton als Gott, der in der Sonnenscheibe verkörpert war. Die anderen Götter wurden verfolgt. Aton war ein guter Gott, und so fehlte eine Deutung des Bösen und des Todes. Mit dem Tod Echnatons erlosch jedoch diese Vorstellung.
Um 1200 kam es dann sogar zu einer Systematisierung von drei Göttern als Trinität: > Amun (verborgen), > Re (der sichtbare Amun), > Ptah (der Leib von Amun).
Tempel
Der Tempel ist Kultstätte und Abbild des Kosmos. In ihm wird der jeweilige Gott, dem der Tempel geweiht ist, von Priestern bedient, die seit etwa 2000 einen eigenen Stand bilden. Die Gottheit wird mit Nahrung und Kleidung versorgt und in Prozessionen unter das Volk geführt, das nur den vorderen Teil des Tempels betreten darf.
Pyramiden
Das nach außen hin eindrucksvollste und bis heute mit vielen Rätseln behaftete Kulturwerk Ägyptens sind zweifellos die Königspyramiden. Architektonisch ist die > Pyramide das Ergebnis einer Entwicklung, an deren Anfang bis zur III. Dynastie die Mastaba, das viereckige Grab, stand. Durch den pyramidenförmigen Grabbau sollte der Körper des Königs besser geschützt werden und das Grab sich von den übrigen abheben. Über die Errichtung der Königsgräber im Alten Reich, die fugenüberschreitenden Strukturen und die astronomischen Berechnungen gehen die Meinungen allerdings noch immer auseinander.
Jenseitsglaube
Eine eigene Stellung in der Religion der Ägypter hat der > Jenseitsglaube, der in seiner besonderen Bedeutung in den Gräbern der Alten Ägypter und in den als > Ägyptisches Totenbuch bezeichneten Manuskripten mit Texten aus einem Repertoire von etwa 175 Einzel-„Sprüchen“, von den Ägyptern als „Sprüche vom Herausgehen am Tage“ bezeichnet, zum Ausdruck kommt. Der Korpus stammt von den Sargtexten des mittleren Reiches und erscheint erstmals auf Särgen und Leichentüchern der königlichen Familien der 17. Dynastie. Unter der Bezeichnung „Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit“ wurden Totentextsammlungen der späten Ptolomäer- und frühen Römerherrschaft in die Totenliteratur aufgenommen, um den Verstorbenen einen sicheren Übergang in das Nachleben zu garantieren. Zu diesen Texten gehören auch die vorwiegend an den Innenwänden der Särge und Grabkammern angebrachten „Sargtexte“ sowie das „Zweiwegebuch“, die Karte und die Begleittexte, zumeist am Boden, zum Passieren der Widerstände gegen das Ewige Leben.
Dieser starke Glaube an das Fortleben der > Seele, die als aus drei Aspekten, nämlich > Ka, > Ba und > Ach, bestehend verstanden wurde, hat sich erst im Laufe der Zeit entfaltet. So war im Alten Reich das Ewige Leben ausnahmslos ein Vorrecht der Könige, während der normale Mensch in einer Art unterirdischer Jenseitswelt der Ahnen auf eine „Fortdauer über den Tod“ hinaus in der Natur hoffen durfte. Dies kam auch in den Grabformen von > Pyramide (Könige) und Mastaba (viereckiger Grabbau für die Bürger) sowie dem Bemühen zum Ausdruck, sich in unmittelbarer Nähe der königlichen Pyramiden begraben zu lassen, um Anteil am Ewigen zu haben.
Erst durch das Auftreten der > Osiris-Religion wurde das Unsterblichkeitsmonopol der Könige gebrochen und allen Ägyptern ein Ewiges Leben zuteil. Der Totengott > Osiris war nicht mehr ortsgebunden und so begannen ab der 5. Dynastie die Beamten sich am Ort ihrer Arbeit begraben zu lassen, da für die Fortdauer im Jenseits die Fürsprache des verklärten Königs nicht mehr notwendig war. Jedem wurde vielmehr überall im Lande seine eigene Rechtfertigung der im Leben vollbrachten Taten und Gesinnungen vor dem > Totengericht beim Gang der Seele vom Grab zur Schwelle des > Amenti ermöglicht. Werden die Aussagen als echt beurteilt, öffnet ihr Osiris den Eingang in sein Paradies, wenn nicht, stürzt sich die „Verschlingerin“, ein Monster, auf den Verstorbenen, um ihn zu vernichten.
Geister
Die Vorstellung, dass der > Ka oder das Doppel eines Menschen nach dem Tod umherstreife, entfachte den Glauben der Ägypter an > Geister und ihr Bemühen, diese durch Grabbeigaben in Form von Speisen an das Grab zu binden.
Magie
Wie alle anderen Systeme kann auch die > Magie in Ägypten in zwei Formen gegliedert werden: die für die Lebenden und jene für die Verstorbenen. Ihre Anfänge liegen in neolithischer Zeit. Wenngleich sich im Laufe der Jahrhunderte die Praktiken änderten, blieb die Grundbedeutung der magischen Wirkung dieselbe. So verband man magische Kräfte mit > Amuletten, Figuren, Bildern, Formeln, Namen, Riten und okkulten Praktiken. Die konkreten Anwendungen waren zahllos: > Bannen von Sturm, Schutz vor wilden Tieren, Schlangen, Krankheit, Wunden und vor den Geistern der Toten. Neben den Amuletten nehmen vor allem die > Zaubersprüche breiten Raum ein, wie sie im Papyrus Ebers und im Harris-Papyrus zu finden sind. Bei der Anwendung solcher Zaubersprüche wurden auch Gegenstände wie Wachsfiguren und andere als Symbole von Personen oder Tieren und sonstige Zielobjekte verwendet, denen man Glück oder Schaden zufügte. An der ersten Stelle aller magischen Handlungen stand jedoch der Ritus der > Einbalsamierung, wo jeder Griff mit bestimmten Sprüchen ausgeführt wurde, um die Konservierungsdauer zu erhöhen.
Alchemie
Ägypten ist auch die Geburtsstätte der > Alchemie. Sie entstand etwa im 1. Jh. n. Chr., als Ägypten unter dem Einfluss des Hellenismus stand, und endete ca. im 7. Jh. Zentren waren vor allem die Tempel, denn nur bei der hellenistisch gebildeten Priesterschaft waren alle für die Entstehung der A. notwendigen Voraussetzungen gegeben. Dabei weist die A. einen chemisch-technischen und einen spirituellen Aspekt auf, die beide miteinander verwoben sind. Zeugen dieses Tempelhandwerks sind der Papyrus Leiden und der Papyrus Stockholm, die um 1828 in einem Gräberfeld bei Theben in Oberägypten gefunden wurden. Beide sind griechisch geschrieben und datieren anscheinend aus dem Übergang zwischen 3. und 4. Jh. n. Chr. Sie befassen sich mit der Herstellung von Ersatzstoffen für natürliche Perlen und stammen wahrscheinlich nicht von Alchemisten, waren jedoch Wegbereiter der Alchemie.
Astrologie
Das frühere Ägypten kannte wohl eine Astronomie zur Bestimmung der Sterne und der Tage. Es gab 36 katalogisierte Sterne, von denen jeder einer Periode von zehn Tagen vorstand, was zusammen ein Jahr von 360 Tagen ergab.
Die Astronomie spielte auch eine Rolle bei der Ausrichtung der Tempel und Pyramiden.
Die > Astrologie und die Vorhersage der Zukunft nach der Position der Sterne am Tage der Geburt findet sich erst in der griechischen und römischen Zeit. Wohl aber kannte man nach Papyri aus dem Neuen Reich eine Art > Horoskop in Form eines Kalenders der Glücks- und Unglückstage. Die Stunden, Tage und Monate waren jeweils dem Schutz einer Gottheit unterstellt.
Traum
Eine weitere Besonderheit der Ägypter war ihr Umgang mit Träumen. Für jeden Ägypter gab es Träume in der Nacht und bei Tage, was wohl darauf verweist, dass mit > Traum auch die > Vision verbunden wurde. Am bekanntesten sind die königlichen Träume bzw. Visionen aus dem Neuen Reich mit Erscheinungen von Göttern. Doch nicht nur der König, sondern jedermann konnte bisweilen im Traum die Gottheit schauen. Zur Weckung von Träumen gab es zudem eigene Techniken.
Medizin
Was die Medizin betrifft, so wissen wir aus dem Papyrus Ebers, dass es drei Arten von Ärzten gab: die Ärzte, die nach den Büchern und einer reichen empirischen Erfahrung praktizierten; die Priester, die unter Eingebung der Götter eine Medizin religiösen Charakters anwandten; die Magier, Zauberer oder Heilkundigen, die Kranke durch magische Praktiken zu heilen versuchten.
Marienerscheinung
Von besonderer Eigenart war schließlich die > Marienerscheinung von 1982. Am 2. April 1982 sahen zwei Moslems in Kairo eine weiße Frau, die in der Nähe der koptischen Marienkirche von Zeitoum stand. Die Gestalt wurde dann bis Ende Mai als strahlende Figur auf dem Dom, und immer wieder vor dem Dom wahrgenommen. Tausende von Menschen konnten sie sehen. Das fotografische Dokumentationsmaterial spricht für ein echtes Ereignis. Bereits 1968, 1969, 1970 und 1971 wurde von kürzeren Erscheinungen berichtet, die nur von wenigen gesehen wurden, und auch der Bau der Kirche sei 1925 auf eine Marienerscheinung im Traum hin erfolgt.

Lit.: Les alchimistes Grecs: Tome I : Papyrus de Leyde; Papyrus de Stockholm; Fragments de recettes / Robert Halleux [Hg.]. Paris: LBL, 1981; Chabas, François Joseph: Notice du Papyrus médical Ebers. Paris, 1876 [Extrait du Journal d'Egyptol.]; Chabas, François Joseph: Le papyrus magique Harris. Chalon s-S, 1860; Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen: ägyptische Gottesvorstellungen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 51993; Forman, Werner: Die Macht der Hieroglyphen. Stuttgart: Kohlhammer, 1996; Haase, Michael: Im Zeichen des Re. München: Herbig, 1999; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999; Rogo, D. Scott: Miracles: A Parascientific inquiry into Wondrous Phenomena. New York: Dial Press, 1982, S. 250 - 257; Schütt, Hans-Werner: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen: die Geschichte der Alchemie. München: C. H. Beck, 2000.

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1