Adonis

Adonis (semit. adon, "Herr"). Ursprünglich phönizisch-syrischer Gott, in der griechischen Mythologie als schöner junger Mann gerühmt, um dessen Herkunft viele Sagen kreisen. So wird er etwa als Sohn von > Phoinix und Alphesiboia bezeichnet, auch als Sohn aus dem Vater-Tochter-Verhältnis von Theias und Smyrna, oder er soll sogar von > Zeus persönlich geboren worden sein. Statt des syrischen Königs Theias wird später fast immer der kyprische König Kinyras genannt, dessen Tochter > Myrrha ist. In der antiken Literatur wird einstimmig Myrrha für den Inzest verantwortlich gemacht - sie soll z. B. mit ihren schönen Haaren so sehr angegeben haben, dass > Aphrodite sie in den gleichnamigen Baum verwandelte. Aus dem Myrrhenbaum wurde also A. geboren, wozu nach einer Version ein Eber mit seinem Zahn die Rinde spalten musste. Unter der Pflege von > Nymphen wuchs er zu göttlicher Schönheit und zum Geliebten der Liebesgöttin Aphrodite (lat. Venus) heran, mit der er einen gemeinsamen Tempel hatte. Als er auf der Jagd von einem Eber getötet wurde, ließ Aphrodite aus seinem Blut Anemonen oder Adonisröschen wachsen, während seine Seele in den Hades kam. Die Liebesgöttin erreichte jedoch bei Zeus für die Hälfte des Jahres seine Auferstehung aus der Unterwelt, die mit Festen und Liedern sowie der Anlegung von „Adonisgärtchen“ (in Schalen oder Kästen) gefeiert wurde. Dem A. ist die Pflanze > Myrrhe geweiht.
So wurde A. in der griechisch-römischen Mythologie zum alljährlich sterbenden und wieder auferstehenden göttlichen Repräsentanten der im Sommer verdorrenden und im Frühling neu erstehenden Vegetation. In dieser Funktion entspricht er Göttern wie > Balder, > Tammuz, > Osiris, > Attis und > Dionysos. Der jährliche Vegetationszyklus wurde in vielen Kulturen durch in die Unterwelt sinkende und periodisch wieder auferstehende Gottheiten als Hinweis auf Tod und Leben symbolisiert. Die Anhänger des Adonis waren zumeist Frauen, und seine Feste, die Adonien, hatten keinen öffentlichen Charakter. Von den Etruskern wurde Adonis als Atunis übernommen. Zur Verehrung des Adonis bildete sich die religiöse Gemeinschaft der Adoniastai.

Lit.: Atallah, Wahib: Adonis dans la littérature et l'art grecs. Paris: Klincksieck, 1966; Detienne, Marcel: Die Adonis-Gärten. Darmstadt: Wiss. Buchges, 2000; Nötscher, Friedrich: Altorientalischer und alttestamentlicher Auferstehungsglauben. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1970, S. 85-95; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, ²1989; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1