Adler, Alfred

Adler, Alfred, geb. am 7.2.1870 in Rudolfsheim bei Wien; litt als Kind an Rachitis und einem wiederkehrenden Stimmritzenkrampf - eine Erfahrung, die wohl auch für seine spätere Konzeption der „Organminderwertigkeit“ von Bedeutung war. Er studierte Medizin, promovierte 1895 in Wien und arbeitete dann zunächst in einem Krankenhaus. 1897 eröffnete er eine Privatpraxis. A. stand dem Sozialismus nahe, ebenso wie seine Frau Raissa Timofejevna, die aus Moskau stammte und mit Leo Trotzkij befreundet war. 1902 begegnete A. Sigmund Freud, trennte sich aber 1911 von diesem, da er hinter dem Sexualtrieb den männlichen Protest und in der Neurose nicht einen Konflikt zwischen Bewusstem und Unbewusstem, sondern die Reaktion eines sich überfordert fühlenden Ichs, eines Konfliktes zwischen Gemeinschaftsgefühl und Überlegenheitsstreben sah. So seien Neurose und Psychose Produkte eines fehlgeschlagenen Suchens nach Überlegenheit. 1912 wollte sich Adler mit seinem Hauptwerk Über den nervösen Charakter habilitieren, scheiterte jedoch am Gutachten des Psychiaters Julius Wagner von Jauregg (1857-1940). 1929 wurde er Gastprofessor an der Columbia Universität und 1932 Professor am Long Island Medical College. 1934 wanderte A. nach Amerika aus, wo er 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen starb.
Einige Begriffe seiner „Individualpsychologie“ sind in die Volkssprache übergegangen, nämlich Minderwertigkeitskomplex und Minderwertigkeitsgefühl, die man durch Kompensation oder Überkompensation zu überwinden sucht.
Für die > Parapsychologie wird bei der Klärung von Spukfällen und anderen paranormalen Phänomenen auch die Frage der Kompensation und Überkompensation als psychologischer Motivation in Erwägung gezogen. Seine Traumdeutung kann ebenfalls hier Anwendung finden, gehört der Traum doch zu den Kunstgriffen, die dem Machtstreben zum Sieg verhelfen, denn der Mensch will nach A. immer oben sein. In der Deutung geht A. stets den kürzesten Weg zur jeweiligen Lebenssituation eines Menschen, denn: erreicht der Mensch seine Macht nicht im Wachbewusstsein, so sucht er sie im Traum.

Lit.: Adler, Alfred: Über den nervösen Charakter. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1997; Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1977; Adler, Alfred: Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verl., 1994; Adler, Alfred: Die Technik der Individualpsychologie. Fischer-Taschenbuch-Verl, o.J.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1