Adler

Adler (12. Jh., adelare, zus.ges. aus "Adel" und "Aar"). Unter allen Vögeln, im Märchen wie in der religiösen Symbolik, ist der Adler der König. Er soll das einzige Tier sein, das direkt in die Sonne blicken kann (Dante, Par. I, 48). Den Assyrern galt er als Symbol der Sonnengottheit und war Sinnbild hoher Geistigkeit. Im AT ist der A. Symbol von Jugend und Kraft (Ps. 102, 5; Is 40, 31), Schnelligkeit und Stärke (Ez 17, 3f; 2 Kg 1, 33; Jr 4, 13), Fürsorge (Ex 19, 4) und zuweilen auch Bild und Erscheinungsform Gottes. Im NT steht er als Symbol des Evangelisten Johannes (Offb 4, 7) und als Künder von Unheil (Offb 8, 13). Bei den Griechen begleitet er den Gott > Zeus, bei den Römern den Jupiter; in Rom wurde er zudem zum Symbol des Kaisers und des Sieges.
Symbolprägend sind hierbei vor allem seine Kraft und Ausdauer, seine Zielstrebigkeit und sein mächtiger Flug gen Sonne und Himmel. Dies macht ihn zum Symbol der Sonne, des Himmels und der göttlichen Herrschaft. Als solares Tier ist der A. dem Sonnengott von Palmyra geweiht und repräsentiert den aztekischen Sonnengott > Tonatiuh. Bei den Jakuten ist er der Gebieter der Sonne. Als Wesen, das die Natur zum Leben erweckt, ist der A. auch in den Vorstellungen anderer Völker Sibiriens und der nordamerikanischen Indianerstämme in den > Schamanismus eingebunden.
In der christlichen Literatur und Kunst wird er zu einem Symbol Christi, der Taufe und gelegentlich der Himmelfahrt. Auch kommen ihm vornehmlich positive Bedeutungen zu, wie Kraft, Erneuerung, Kontemplation, Scharfsichtigkeit, königliches Wesen. In der mittelalterlichen Mystik spielt der A. in den Visionen der flämischen Mystikerin > Hadewijch eine besondere Rolle. In der > Kabbala wird er zum Beschützer Israels.
Als Töter von Schlangen und Drachen ist der A. Symbol des Sieges des Lichts über die dunklen Mächte. Diese Vorstellung geht auf den indischen > Garuda, den Fürst der Vögel und Feind der Schlangen zurück. In Altchina war der A. ein Symbol von Kraft und Stärke. Die ihm zugeschriebenen Vorzüge veranlassten viele Fürsten, Könige und Länder, ihn als Wappentier zu führen.
Im > Okkultismus symbolisiert der A. Höhe, Transzendenz, Vorstellungskraft und Macht. So soll er den Wind schaffen, vor Blitz und Sturm schützen, die Heuschrecken fernhalten und mit seinen Federn die Wanzen vertreiben. Man setzt ihn auch mit den vier Buchstaben des > Tetragrammatons (JHWH) gleich. In der > Astrologie soll der A. unter den > Tierkreiszeichen ursprünglich den Platz des Skorpions eingenommen haben. Auch von Geheimgesellschaften wird die Symbolik des A. häufig verwendet. So ist er im > Alten und Angenommenen Schottischen Ritus zum Abzeichen des Ritus geworden.
Einen besonderen Stellenwert hat der A. schließlich in der Alchemie. Der A. (> Aquila) ist dort Symbol für > Merkur, den > Stein der Weisen, für Salmiak und für zahlreiche andere Substanzen. So steht aquila magna für Ammoniaksalz, aquila alba für das, was aus dem Ammoniaksalz bereitet wird, aquila nigra für Antimon, und aquila coelestis, sonst auch Sulphur oder Tinctura Mercurii genannt, soll von unbeschreiblicher Wirkung sein und alle Krankheiten heilen können.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Biedermann, Hans: Lexikon der magischen Künste. Bd. 1. Graz: Adeva, 31986; Hofmann, Gerald: Hadewijch: Das Buch der Visionen. 2 Bde. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 1998; Korn, Johannes Enno: Adler und Doppeladler: ein Zeichen im Wandel der Geschichte. Göttingen, 1969; Maier, Johann: Die Kabbalah. München: Beck, 1995. Rech, Photina: Inbild des Kosmos: eine Symbolik der Schöpfung. Bd. 1. Salzburg-Freilassing: Otto Müller,

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1