Abgarbrief

Abgarbrief. Der A. fußt auf der Abgar-Legende, die von einem Briefwechsel König Abgars V. Ukama (4 v. Chr. -7 n. Chr. und 13-50 n. Chr. ) mit Jesus und der Gründung der Kirche von Edessa spricht. Die älteste Erwähnung dieses Briefes, angeblich aus dem Archiv von Edessa, findet sich bei Eusebius (h. e. I, 13; II, 1, 6-8): König Abgar V. sei krank geworden und habe sich über seinen Boten an Christus gewandt und um Heilung gebeten. Jesus versprach die Sendung eines Jüngers nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe. Der Bote habe dabei versucht, Christus zu malen, ohne Erfolg. Daraufhin habe Christus sein Gesicht gewaschen und in ein Handtuch abgedruckt, in dem dann seine Gesichtszüge erhalten geblieben seien. Dieses Handtuch, Mandylion genannt, wurde in Edessa während der Belagerung durch die Perser um 450 aufgefunden und habe wesentlich zum Sieg über die Belagerer beigetragen, wie eine der historischen Quellen, das Geschichtswerk des Evagrios, das um 544 verfasst wurde, berichtet. Das Handtuch sei dann über Konstantinopel nach Rom gelangt, wo es als „Veronika“ (vera, lateinisch und eikon, griechisch: wahres Abbild) in der von dem griechischen Papst Johannes VII. um 705 erbauten Kapelle aufbewahrt und 1600 zum letzten Mal der breiten Öffentlichkeit gezeigt wurde. Beim Abbruch der alten Peterskirche verschwand es aus Rom.
Seit 1646 wird nun im Kapuzinerkloster von Manoppello bei Pescara das > Volto Santo verehrt, das ein männliches Antlitz darstellt und auf dem durchsichtigen Schleier wie ein Diapositiv wirkt, zumal es keinerlei Farbspuren enthält. Neuere Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass sich dieses Volto Santo mit dem Antlitz auf dem Turiner Grabtuch vollständig deckt. Diese und weitere Eigenschaften lassen den Schluss zu, dass es sich beim Volto Santo um die römische Veronika, also um das aus dem Orient stammende > Mandylion, das > Acheiropoeta (= nicht von Menschenhand gemacht), handelt.
Eine abgewandelte Form der Abgarlegende ist der Bericht von der Heilung Abgars durch den von Thomas beauftragten Jünger Thaddäus (Addai). Diese Ende des 4. Jh. entstandene Doctrina Addai ist von besonderer Wichtigkeit: Segensspruch Jesu über Edessa, Gottesdienstordnung, authentisches Christusbild (Acheiropoeta: nicht von Menschenhand gemacht, Kreuzauffindung).

Lit.: Desreumaux, Alain: Histoire du roi Abgar et de Jésus / présentation et trad; du texte syriaque intégral de La doctrine d'Addai. Turnhout: Brepols, 1993 (Apocryphes; 3); La leyenda del rey Abgar y Jésus. Madrid: Ciudad Nueva, 1995; Oppenheim, Max von: Höhleninschrift von Edessa. Berlin, 1914; Peregrinatio Aetheriae. 19.9 16 f.; Philipp, G.: The doctrine of Addai; London, 1876; Prokop: De bello Persico. II,12; Schlömer, Blandina P.: Das Grabtuch von Turin und der Schleier von Manoppello. Innsbruck: Resch, 1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1