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REZENSIONEN

GW 2011/1

Hersperger, Patrick: Kirche, Magie und "Aberglaube": Superstitio in der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts. Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2010 (Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht; 31), 533 S., ISBN 978-3-412-20397-9, Brosch., EUR 64.90

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Doktorarbeit, die 2008 von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich angenommen wurde. Wie schon der Titel sagt, geht es um den Begriff der Superstition (Aberglaube) und deren Stellenwert in der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts. Als Quellen dienten dabei vor allem das Decretum Gratiani (vollendet 1140 / 45) und der Liber Extra (1234). Diese beiden Kirchenrechtssammlungen stellen die Hauptwerke der ersten Phase der sogenannten klassischen Kanonistik dar.
Nach Darlegung der Kanonistik und ihrer Schriften von ca. 1080 bis 1234 im 2. und 3. Kapitel sowie der Superstitionskritik der spätantiken und frühmittelalterlichen Kirche im 4. Kapitel bringt Hersperger im 5. und 6. Kapitel eine Darstellung und Interpretation ausgewählter Quellen über Superstition. Dabei gliedert er die eigentliche inhaltliche Auseinandersetzung der Autoren mit der Superstition in sieben Unterkapitel: Terminologie, Dämonologie, Lose, Astrologie und Observationen, Inkantationen und Phylakterien, Malefizium sowie Buß- und Strafpraxis.
Während die sehr akribisch ausgearbeiteten ersten vier Kapitel vor allem von rechtshistorischem Interesse sind, gestatten die Kapitel fünf und sechs einen Einblick in die vielschichtigen Inhalte von Superstition.
Zunächst wird darauf verwiesen, dass das Wort superstitio in seinen antiken lateinischen Quellen verschiedene Bedeutungen hat, wie Schwur, Beschwörung, abergläubische Scheu, Aberglaube, abergläubische Bräuche, abergläubische Gottesverehrung. Doch älter noch als das Substantiv superstitio ist das Adjektiv superstitiosus, dessen ältester Wortgebrauch in einem Zustand von religiöser Ekstase bzw. "wahrsagerisch" bei Plautus (254 –184 v. Chr.) und Ennius (209 –169 v. Chr.) bezeugt ist. In Verbindung mit Religion bekam der Begriff dann den Beigeschmack eines sittlich-moralischen wie intellektuellen Defizits. In dieser Bedeutung wurde superstitio schließlich von den Kirchenvätern, insbesondere von Augustinus, in der Auseinandersetzung mit dem Heidentum aufgenommen. Es war nämlich Augustinus, der die theoretischen Grundlagen der mittelalterlichen Dämonologie und die Lehre über die Geschichte und das Wesen des "Aberglaubens" legte. Seine Lehre und die Predigten des Erzbischofs Caesarius von Arles (um 470 –542) stehen am Anfang der wichtigsten Überlieferung der Aberglaubenskritik der mittelalterlichen Kirche.
Im deutschen Sprachraum kam der Begriff "Aberglaube" erst im 16. Jahrhundert als Übersetzung des lateinischen superstitio in Gebrauch. Die im Decretum Gratiani verwendete Terminologie zur Bezeichnung der einzelnen Magie- und Divinationsarten geht auf die von dem römischen Universalgelehrten Varro (116 –27 v. Chr.) enzyklopädisch zusammengestellten Begriffe zurück, die durch Augustinus, Isidor von Sevilla und Rabanus Maurus dem Mittelalter vermittelt wurden. Auf diesem Weg fanden die folgenden zwanzig Kategorien von Wahrsagern und Zauberern Eingang in die grundlegende Kirchenrechtssammlung: aeromantici, arioli, aruspices, astrologi, augures, auspices, divini, genethliaci, geomantici, horoscopi, incantatores, magi, malefici, mathematici, nigromantici, piromantici, p<h>itonissae, salisatores, sortilegi, ydromantici. Gratian kommentierte diese tradierten Definitionen allerdings nicht, weshalb nach Hersperger aus dieser Magierliste keine Schlüsse auf die im 12. Jahrhundert ausgeübten Superstitionen gezogen werden können. Daher beschreibt der Autor diejenigen Begriffe, die für das Verständnis der jeweiligen Quellenabschnitte wichtig sind.
Gratians Darlegung und Kritik der Superstition orientiert sich generell an der dämonologischen Interpretation des Kirchenvaters Augustinus. Dieser setzt die heidnischen Götter mit Dämonen gleich und verurteilt die Ausübung abergläubischer Praktiken, die nach herkömmlicher Meinung nur mit Hilfe von Dämonen möglich sei, als Götzenverehrung und Rückfall ins Heidentum.
Ferner befasst sich Gratian, wie Hersperger weiter ausführt, mit der Wahrsagepraxis des Losens (sors). Er bedient sich dabei der Definition, die auf Isidor von Sevilla zurückgeht und auf dem 42. Kanon des Konzils von Agde basiert. Nach dieser Definition sind Loswahrsager (sortilegi) Menschen, die unter dem Namen einer angeblichen Religion mit Hilfe von Dingen, die sie Lose von Heiligen oder Aposteln nennen, divinatorische Künste ausüben oder nach genauer Betrachtung gewisser Schriftstücke Zukünftiges verheißen. Es sei zwar grundsätzlich nicht sündhaft, Lose zu befragen, sofern es ein von Gott gebilligtes Mittel der Wahrheitsfindung ist. Trotzdem wurde dies den Gläubigen verboten, damit sie nicht unter dem Vorwand der Wahrsagung zum Kult des Götzendienstes zurückkehrten.
Ferner finden sich bei Gratian Texte, die astrologische Praktiken explizit verbieten, weil sie das christliche Seelenheil nicht fördern. Hingegen werden Beobachtungswahrsagungen wie die Kalenden (meist der Neujahrstag), die Beachtung der "ägyptischen Tage" und die Beachtung bestimmter Zeiten und Zeichen (etwa in der Landwirtschaft) differenziert beurteilt.
Gratian zitiert auch mehrere spätantike und frühmittelalterliche Kanones, die sich mit Zaubersprüchen befassen. Sie seien grundsätzlich abzulehnen, sofern sie nicht dem Glauben dienen und aus dem Glauben kommen. Außerdem enthält das Decretum Gratiani mehrere Texte, die sich ausdrücklich gegen das Maleficium, den Schadenzauber, wenden, sowie Texte, die sich auf die Ausübung wahrsagerischer Praktiken beziehen mit Nennung der dafür vorgesehenen Strafen für Laien und Kleriker. So sei Klerikern, die sich öfters magischer Praktiken bedienten, wie etwa der Befragung von Magiern, ein Klostergewahrsam aufzuerlegen.
Damit endet die von Hersperger gemachte Untersuchung der maßgeblichen kanonischen Schriften und Texte aus der Zeit von 1140 bis 1234 zur Wahrsagung (Superstitio), welche die ersten beiden Teile des Corpus Iuris Canonici, das Decretum Gratiani, den Liber Extra, verschiedene Dekret- und Dekretalenkommentare sowie einige Bußsummen umfassen.
Die Ausführungen sind sehr übersichtlich, reichlich ausgestattet mit Quellentexten in der Originalsprache (Latein) sowie in Übersetzungen und mit zahllosen Querverbindungen versehen, wie auch das über 50 Seiten umfassende Literaturverzeichnis belegt. Hier wird vor allem der Rechtshistoriker und Kirchenrechtler angesprochen. Für die Grenzgebiete der Wissenschaft sind vor allem die inhaltlichen Differenzierungen der Superstitio und ihrer gesellschaftlichen Verankerung im genannten Zeitraum als Niederschlag Jahrhunderte alter Praktiken von Interesse. Durch die juristische Verankerung der Superstitio im kirchlichen Bereich bekommt das Spannungsfeld von Glaube und Magie eine strukturelle Bedeutung, die bis heute Bestand hat.
Ein Verzeichnis der Siglen für Handschriften, die schon erwähnte Bibliografie mit Abkürzungsverzeichnis, Angaben ungedruckter und gedruckter Quellen, der Sekundärliteratur und ein Register der Personen, Werke und Stichwörter beschließen diese hervorragende Arbeit, die unter anderem auch aufzeigt, dass die Superstitio von heute ihre wesentlichen Aspekte bereits im 12. Jh. aufweist.
Andreas Resch, Innsbruck

Willin, Melvyn: Geister: unglaubliche Bilder auf dem Prüfstand; Fotografien des Übersinnlichen. Graz: Leopold Stocker Verlag, 2010, 158 S., ISBN 978-3-85365-243-5, Geb., EUR 19.90

Melvyn Willin, ehrenamtlicher Archivar der Society für Psychical Research legt hier in Kunstdruck und mit erläuternden Kommentaren eine Auswahl von Fotografien anomaler Erscheinungen vor, die der Society zugeschickt oder von ihr gesammelt wurden. Dabei stellt sich nach wie vor die Frage, ob es Fälle gibt, in denen die Kamera eine echte Erscheinung dokumentiert hat, die für die Anwesenden nicht sichtbar war. Willin überlässt es dem Leser, sich eine Meinung zu bilden, weist jedoch gleichzeitig auf erstaunliche Fälle hin, insbesondere auf die Ted-Serios-Bilder, die scheinbar allein durch die Macht des Gedankens auf den Film gebannt wurden.
Zur Klärung der Echtheit führt Willin folgende Fragen aus einer Kontrollliste an: Ist diese Fotografie eine absichtliche Fälschung? Hat ein Fehler im Film oder bei der Entwicklung diesen Effekt verursacht? Hat der Fotograf bewusst andere Personen und /oder Requisiten eingesetzt, um die Bilder zu erzeugen? Hat der Fotograf vergessen oder übersehen, dass sich andere Personen im Blickfeld der Kamera befanden? Ließe sich die Fotografie schlicht als Ergebnis eines unwiederholbaren oder allgemein bekannten Lichteffekts oder einer versehentlichen Störung vor der Linse erklären? Zeigt die Fotografie einen echten anomalen, aber dennoch natürlichen Effekt, für den es derzeit nur noch keine wissenschaftliche Erklärung gibt? Zeigt die Fotografie einen echten paranormalen Effekt, der nach unserem Verständnis außerhalb der Natur liegt und sich daher unserem Begriffsvermögen entzieht? Sofern ich überzeugt bin, dass die Fotografie etwas Paranormales abbildet: Wird dadurch mein Glauben an Religion, außerirdische Wesen oder andere übernatürliche Phänomene gestärkt, oder verhält es sich umgekehrt? Bin ich absolut sicher, dass ich die richtigen Antworten auf die vorangegangen Fragen gefunden habe? Schließlich stellt sich die Frage, woran man denn einen Geist erkennen sollte.
Mancher Leser mag überrascht sein, im vorliegenden Buch auch auf die eine oder andere allgemein anerkannte Fälschung zu stoßen. Meist werden solche Nachweise erst lange nach der Erstveröffentlichung des Bildes erbracht. Das Bild ist hier – nach Willin – abgedruckt, um zu zeigen, was die Betrachter seinerzeit für möglich hielten. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war die Mehrzahl der Menschen überzeugt, dass die Kamera nicht lügt. Derartige Bilder mit ihren Augen anzusehen, kann für uns heute durchaus lehrreich sein.
Inhaltlich ist das Buch gegliedert in: "Früheste Bilder", vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert; Die Fotografie des Unsichtbaren – Lassen sich Gedanken fotografieren?; Ebenbilder – Alles nur Zufall? Bilder, welche die Grenzen des Glaubwürdigen überschreiten; Alltägliche Anomalien; Berühmte Rätsel, die bis heute ungeklärt sind.
Die einzelnen Bilder sind jeweils mit einem ausführlichen Kommentar versehen, sodass man das eigene Auge für Fälschung, Paranormalität und Unerklärlichkeit schärfen kann. Ist es doch gerade bei Bildern, wie Willin bemerkt, unendlich schwierig, in solchen Grenzfällen ein sachbezogenes Urteil zu fällen.
So kann man dem Autor für die gebotenen Beispiele mit den Kommentaren und dem Verlag für die hervorragende Gestaltung nur danken, zumal durch diese Veröffentlichung eine Diskussion auf einem der umstrittensten Gebiete der Paranormologie möglich wird, an der sich auch der notorische Kritiker beteiligen kann.
A. Resch

Wittwer, Héctor/Daniel Schäfer/Andreas Frewer (Hg.): Sterben und Tod: Geschichte - Theorie – Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 2010, IX, 389 S., ISBN 978-3476-02230-1, Geb., EUR 49.95

Das vorliegende Handbuch stellt das erste interdisziplinäre Nachschlagewerk zum Themenbereich Sterben und Tod in deutscher Sprache dar. Die Herausgeber reagieren damit auf das verstärkte Interesse an der gesellschaftlichen Relevanz der Thematik, für das sie folgende drei Faktoren verantwortlich machen: den beschleunigten Wandel der Umgangsweisen mit Sterben und Tod, das rapide Wachstum der naturwissenschaftlich-technischen Erkenntnisse und Eingriffsmöglichkeiten am Ende des Lebens sowie die Diskrepanz zwischen technologischer Entwicklung und allgemeiner Akzeptanz.
In der Tat haben sich die konkreten Umgangsweisen mit Sterben und Tod nie zuvor in der Geschichte so verändert wie in den letzten Jahrzehnten. Die Herausgeber nennen dabei im Vorwort Organtransplantation, Hirntodkriterium, Veränderungen der Trauerformen, Wandel des Umgangs mit Sterben und Tod, Konservierung der Leichname bis hin zur generellen Infragestellung der Sterblichkeit durch Kryokonservierung, Gen- und Nanotechnik. Hinzu kommt die gesetzliche Verankerung der Patientenverfügung, mit der die Bedeutung der individuellen, sozialen und rechtlichen Aspekte der Behandlung am Lebensende unterstrichen wird. Schließlich hat die zunehmende Spezialisierung der thanatologischen Forschung den Überblick über die gewonnenen Erkenntnisse zu Sterben und Tod bedeutend erschwert.
Hier soll das Handbuch in die Bresche springen und die nötige Orientierung vermitteln.
So versucht das erste Kapitel durch Übersichtsbeiträge den Stellenwert von Sterben und Tod in Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, Philosophie, Medizin, Psychologie und Soziologie zusammenzufassen. Das zweite Kapitel befasst sich dann mit der Phänomenologie von Sterben und Tod, wie Sterbeprozess, Scheintod, Koma, Hirntod, Todesursachen, Todesfeststellung, Sterberate, Leiche, sozialem Todeskonzept bei Kindern und schließlich Tod, Sterben und Geschlecht.
Nach dieser Darstellung konkreter Situationen von Sterben und Tod beleuchtet das dritte Kapitel die allgemeinen Haltungen und Umgangsweisen im Umfeld von Sterben und Tod mit Beiträgen zu Lebensverlängerung, Ars moriendi, Todesfurcht als Thema der Philosophie, Abwehr und Bewältigungsstrategien gegenüber Sterben und Tod, Trauer, Glauben an das Fortleben nach dem Tod sowie Tod und Sterben in der Bildenden Kunst.
Auf diese sozialpsychologische Betrachtung folgen im vierten Kapitel Beiträge zu konkreten Ausdrucks- und Umgangsformen mit Sterben und Tod, wie Patientenverfügung, Sterbebegleitung, Sterbehilfe,
Hospiz, Obduktion, Leichenpredigten, Be-
stattungsformen, Grabinschriften, Todesanzeigen, Testament.
Zu Sterben und Tod gehören schließlich auch das Töten und das Erleiden des Todes, womit sich das Schlusskapitel anhand folgender Beiträge befasst: Abtreibung, Euthanasie, Kindstötung, Selbsttötung, Mord, Todesstrafe, Hinrichtung, Massenmord, Menschenopfer, Kannibalismus, freiwilliges Opfer des Lebens, Tötung durch terroristische Akte.
Die Beiträge sind durchwegs von Einzelautoren in einer beschreibenden und zusammenfassenden Form verfasst, ohne dabei wertend Stellung zu nehmen, was bei der Vielschichtigkeit der Themen der Sache nicht dienen würde. Somit ist der beschrittene informative und phänomenologische Weg zu begrüßen. Hervorzuheben sind auch die Literaturhinweise im Text mit dem angeschlossen Literaturverzeichnis, unterteilt nach zitierter und weiterführender Literatur.
Wie nicht anders zu erwarten, sind die Beiträge in der rein phänomenologischen wie in der rein naturwissenschaftlichen Beschreibung sehr kompakt und informativ, während sie im philosophischen und religionswissenschaftlichen Bereichen aufgrund der Komplexität der Meinungen zuweilen zu generalisierenden Aussagen neigen, die der Sache nicht immer gerecht werden. So ist vom Siegeszug des ursprünglich irischen, dann US-amerikanischen Halloween-Festes als Alternative zu den kirchlichen Festen wie Allerheiligen und Reformationstag die Rede (S. 26). Halloween ist, wie richtig bemerkt, ein reines Gruselfest mit zum Teil stark aggressiven Verhaltensmustern und marktorientierten Initiativen, die nach dem ersten Reiz der Neuheit in vielen Gegenden schon stark abklingen, zumal keine positiven Aussagen zu Sterben und Tod anklingen. Für den Menschen, der eine geliebte Person verloren hat, ist diese Art des Gedenkens geradezu verletzend. Es müsste daher zwischen Spektakel und Totenkult wohl unterschieden werden.
Anders ist dies in der Philosophie, die den Tod letztlich nur als unüberwindbare Grenze beschreiben kann, welche sowohl als Übel wie als Befreiung gewertet wird. Völlig anders ist die Situation in der Medizin, die das Leben zu retten und zu fördern hat. Ihr Einsatz endet mit dem Tod, es sei denn, verlängert durch das Intervall der Organentnahme. Ihr fällt es daher auch schwer, eine Definition des Todes zu geben. Ähnlich ist es mit der Psychologie, die letztlich nur die Reaktionen vor dem Tod und der Anverwandten nach dem Tod beschreiben kann, verbunden mit angemessenen Bewältigungsformen im Sinne eines erträglichen bis glücklichen Lebens.
Ohne näher auf weitere Themen einzugehen, sollen diese Hinweise dazu dienen, die Bedeutung des Handbuches hervorzuheben. Sein besonderer Wert liegt im Aufzeigen der vielfältigsten Themen zu Sterben und Tod in der Buntheit der historischen Denkformen, der sozialpsychologischen Implikationen, der Todesformen vom stillen Entschlummern bis hin zum Totschlag, des Totenkultes und der Beerdigungsriten. Ich muss offen gestehen, dass ich, obwohl selbst im Laufe des Lebens mit allen möglichen Formen des Todes und der Beerdigung konfrontiert, am Schluss der Lektüre sagen musste, dass der gebotene Überblick meinen diesbezüglichen Horizont noch bedeutend erweitert hat. Hinzu kommt noch, dass das vorliegende Buch durch die Einarbeitung der neuesten Literatur ein zur Zeit unübertroffenes Nachschlagewerk bei Fragen zu Sterben und Tod darstellt.
Autorenhinweise sowie ein Personen- und Sachregister beschließen diese einmalige und wertvolle Arbeit mit ihrer klaren Gliederung und Beiträgen in fließender Sprache, die in der Qualität sehr nahe beieinanderliegen und inhaltlich eine konzentrierte Information aufweisen.
A. Resch

GW 2011/2

Ludwiger, Illobrand von: Burkhard Heim: das Leben eines vergessenen Genies. Berlin / München: Scorpio, 2010, 477 S., ISBN 978-3-942166-09-6, Geb., EUR 29.95

Die hier vorgelegte Biografie beschreibt das Leben und Werk einer der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zudem gehört der Autor des Buches sicher zu den derzeit besten Kennern nicht nur des Lebens, sondern auch der theoretischen und praktischen Bemühungen Burkhard Heims in Physik und Mathematik.
Heim zeichnete sich schon in seiner Kindheit durch einen besonderen Drang zu technischen Experimenten aus. Als 18-Jähriger beschäftige er sich bereits mit einer Atomrakete, einem Höhenraketenflugzeug, einer Fusionsbombe und einem neuartigen Sprengstoff, weshalb er 1944 vom Militärdienst in Italien nach Berlin gerufen wurde. Am 19. Mai 1944 kam es dann bei einem Experiment zu einer verheerenden Explosion. Arme, Augen und Ohren wurden dabei so schwer verletzt, dass Heim lebenslang nur mit Spaltarmen, äußerst schwerhörig und fast blind leben musste. Im Buch werden die Einzelheiten genau geschildert, insbesondere auch sein Studium, zunächst der Chemie, dann der Physik, das er mit dem Diplom abschloss.
Damit begann für Heim, der bereits auf dem 3. Internationalen Astronautischen Kongress im September 1952 in Stuttgart in einem Vortrag nach Bemerkungen zur damaligen Raumfahrt über seine neue sechsdimensionale Feldtheorie im nicht euklidischen Hyperraum und über eventuelle Anwendungen auf die Astronautik sprach, ein Spießrutenlauf zwischen Popularität, wissenschaftlichen Anforderungen und gesundheitlicher Obsorge, verbunden mit zahlreichen Operationen und Spitalsaufenthalten. Diese vielfältigen Herausforderungen werden im Buch bis hin zur Angabe der Kosten im Detail aufgelistet. Die Kosten spielten aber auch bei seinen experimentellen Untersuchungen bzw. beim Bau verschiedener Geräte für spezielle Experimente eine Dauerrolle. Da Heim aufgrund seiner Behinderung nur indirekt an den Geräten und Experimenten mitwirken konnte, kam es, wie kaum anders zu erwarten, zu keinen zielführenden Ergebnissen.
Die sicherste Stütze bei all diesen Arbeiten war dabei sein Vater. Als dieser starb, war für ihn das Fenster zur Außenwelt verschlossen, bis er in seiner Frau Gerda den notwendigen Ersatz fand. Im Buch wird auch darauf verwiesen, dass sich sowohl die Amerikaner als auch die Russen seiner bemächtigen wollten. Trotz vielfältiger Angebote entschied er sich aber dafür, in Deutschland zu bleiben.
Dieser lebensgeschichtliche und in vieler Hinsicht auch wissenschaftliche Krimi ist im Buch eingebettet in die Darlegung seiner theoretischen Arbeit. 1963 schrieb Heim an seiner Metronentheorie weiter, erkannte dabei die vier Hermetrieformen, erstellte die Gleichungen für die untere Schranke des ponderablen Massenspektrums, die Gleichungen für das ponderable Massenspektrum, die Gleichungen für die Elektronenmasse, Elektronenladung, Protonenmasse und die Sommerfeldkonstante. Dabei bemerkte er, dass der Heisenbergsche Ansatz nicht ganz korrekt ist. Heim errechnete die kleinste Masse, die noch in der Lage ist, eine elektrische Ladung zu tragen, und arbeitete – unter der ständigen Aufforderung, seine Erkenntnisse in Fachzeitschriften zu veröffentlichen – intensiv an seiner Sicht der Strukturen der materiellen Welt. Die Veröffentlichungen ließen auf sich warten, worüber im Buch eingehend berichtet wird. Es ist nun einmal so, dass wer nicht in Fachzeitschriften veröffentlicht, von der wissenschaftlichen Welt nicht beachtet wird. Daher überschreibt von Ludwiger das 14. Kapitel auch mit: "Heims fatale Fehlentscheidung und ihre Konsequenzen", denn: "In der Wissenschaft ist die Form wichtiger als der Inhalt. Burkhard Heim wollte uns darin nicht recht geben." (S. 371)
Nach dem Erscheinen eines Artikels von Heim in der Zeitschrift für Naturforschung konnten sich die Physiker noch nicht vorstellen, wie Heim zu der Massenformel gekommen war, und warteten daher auf Veröffentlichungen. Vor allem wartete man auf die Ableitung der einheitlichen sechsdimensionalen Feldtheorie, und zwar in Buchform in einem wissenschaftlichen Verlag. Dazu kam es jedoch nicht. Nach von Ludwiger haben sich Leute bereit erklärt, gegebenenfalls sein Buch ins Englische zu übertragen. Dem hätte eine korrigierte deutsche Fassung vorausgehen müssen. Das ist aber nicht geschehen. Vielleicht wollte oder war niemand in der Lage, die entsprechende Gegenlesung zu übernehmen. Von Ludwiger schreibt: "Da ich nicht wusste, dass Heim bereits früher um eine Veröffentlichung beim Springer-Verlag nachgesucht hatte, fragte ich am 23. September 1978 dort an, ob man bereit wäre, das Manuskript von Burkhard Heim anzunehmen und wie lange – einen positiven Bescheid vorausgesetzt – die Bearbeitung und Drucklegung dauern würde." (S. 377) Die Antwort war, dass man zuerst das Manuskript in der Hand haben müsste. Dann würde man nach Maßgabe andere Gutachter beiziehen. Heim wollte ein Manuskript jedoch nur einreichen, wenn er die Namen der Gutachter zur Kenntnis bekäme.
"Ich wusste", schreibt von Ludwiger weiter, "dass das nicht zugesagt werden konnte, sagte dies Heim und sandte Professor Beiglböck schließlich am 19. November 1978 Heims Manuskript und die Abschrift des »MBB-Vortrags«. Auch bot ich an, falls – aus Zeitgründen etwa – die Überset­zung ins Englische Schwierigkeiten machen sollte, dass unsere Firma die Übersetzung ins Englische durch einen amerikani­schen theoretischen Physiker … übernehmen würde.
Professor Beiglböck bestätigte uns am 12. Dezember 1978 den Empfang des Manuskripts und versprach, das Manu­skript vertraulich referieren zu lassen …
Es dauerte ein halbes Jahr, bis die Referenten bei Sprin­ger Heims Manuskript beurteilt hatten. Professor Beiglböck schrieb Burkhard Heim am 12. Juni 1979:
‚Bitte entschuldi­gen Sie, dass die Stellungnahme zu Ihrem Manuskript so lan­ge auf sich warten ließ. Es ist eben außerordentlich mühselig, sich in bisher nicht gekannte Gedankengänge eines Autors wenigstens in erster Näherung einzuarbeiten, zumal wenn sie so neu und vom Gewohnten abweichend sind.
Das Interesse, gegebenenfalls eine englische Fassung her­auszubringen, besteht nach wie vor, doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt will ich es noch nicht wagen. Die Beurteilung der Arbeit ist noch unsicher und zurückhaltend, was daran liegt, dass Ihr Konzept eben noch nicht genug durch das Feuer öffentlicher wissenschaftlicher Diskussion, wie sie über die Fachzeitschriften vermittelt wird, ging. Ich empfehle, das Echo auf die deutsche Ausgabe abzuwarten … Bitte halten Sie mich über die Reaktion auf die deutsche Fassung auf dem Laufenden. …
Ein gewisses Maß an Sicherheit gewinnt man, wenn man aus Zeitschriftenartikeln und dem Thema gewidmeten Tagungen das Echo der wissen­schaftlichen Öffentlichkeit kennt.
Ihre großartige Gedankenleistung habe ich bewundert... Leider komme ich nicht zu einem genauen Durcharbeiten einzelner Partien…
In der Hoffnung, wieder mit Ihnen in Kontakt treten zu können, bleibe ich mit freundlichen Grüßen Ihr W. Beiglböck.'
Der Springer-Verlag war also bereit, Heims Buch zunächst in Deutsch herauszubringen, und falls das Interesse groß sein sollte, dann auch auf Englisch. Welch eine Chance für Burk­hard Heim! Springer for Science ist immerhin einer der größ­ten Wissenschaftsverlage Europas, und sein Manuskript war zur Publikation angenommen worden." (S. 377 – 379)
Wäre der Springer-Verlag zur Herausgabe der deutschen Fassung bereit gewesen, hätte er nicht auf das Urteil über die deutsche Ausgabe von Heim zu warten brauchen, das hätte er selbst besser beurteilen können. Das Schreiben von Beiglböck ist vielmehr eine vornehme Absage, gleich der Formulierung des Herodes: "Wenn ihr das Kind gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich komme, um es anzubeten." Er wollte verständlicherweise kein Risiko eingehen. So hat es auch Heim verstanden, weshalb er mir gegenüber von einer Ablehnung sprach und nicht locker ließ, bis ich weich wurde, wie von Ludwiger treffend bemerkt. Richtig ist auch, dass diese Form der Herausgabe, wie schon oben geäußert, Nachteile hatte. Trotzdem wurde Band 1 in der Zeitschrift für Naturforschung vom 4. Juli 1990 ausführlich besprochen und positiv beurteilt, der 2. Band hingegen als außerhalb der Fachgebiete retourniert. Inzwischen waren von Heim die "Postmortalen Zustände" erschienen, was ihm – bis heute – den offiziellen "physikalischen" Gnadenstoß bescherte. Dennoch ist das Interesse auch zehn Jahre nach dem Tode Heims ungebrochen, selbst von Seiten vieler Physiker und trotz aller Negativpropaganda. Die Frage stellt sich: Was wäre, wenn ich die Arbeiten nicht herausgeben hätte? Die Antwort ist einfach: Nichts. Abgesehen davon interessierte Heim nicht so sehr die Raum-Zeit-Dimension als vielmehr die nichtmaterielle Seite der physikalischen Welt, worüber auf akademischem Boden seit der Kopenhagener Diktion nicht mehr gesprochen werden darf. Auch im vorliegenden Buch ist davon nur am Rande die Rede.
Im Schlusskapitel geht von Ludwiger noch kurz auf das UFO-Phänomen ein, um klarzustellen, dass er nie behauptet hat, dass in Ufos Außerirdische säßen, wohl aber das Phänomen als solches von der Heimschen Theorie her zu betrachten versucht.
Die Biografie endet mit der Feststellung, dass Heim, der am 14. Januar 2001 verstarb, vieles nicht verwirklichen konnte: "Die Experimente konnten nicht finanziert werden. Der kontrabarische Effekt wurde noch nicht nachgewiesen, das Rotationsexperiment noch nicht durchgeführt und seine aspektbezogene Logik noch nicht veröffentlicht." (S. 439) Eine Auflistung seiner erfolgten Verwirklichungen in Form einer gerafften Darstellung seiner Theorie und der vielen Denkansätze findet hingegen nicht statt. Bleibt zu hoffen, dass der Forschungskreis Heimsche Theorie, deren Leiter von Ludwiger ist, hier noch vieles klären und ergänzen kann.
Ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister beschließen die durch zahlreiche Abbildungen bereicherte, hervorragende Arbeit, die angesichts ihrer breiten Information offen gesprochen nur von Ludwiger in der vorliegenden Form machen konnte. Dafür sei ihm und dem Verlag ein voller Dank ausgesprochen.
Andreas Resch, Innsbruck

Günzel, Stephan (Hg.): Raum: ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart / Weimar: J. B. Metzler, 2010, XI, 372 S., ISBN 978-3-476-02302-5, Geb., EUR 64.95

Das hier vorgelegte interdisiziplinäre Handbuch "Raum" bietet einen Überblick über die gegenwärtige Raumdebatte mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Dabei verfolgt es einen doppelten Zweck: Beschreibung der seit den 1990er Jahren einsetzenden "Wende zum Raum" und Aufzeigen der fächerübergreifenden Forschungsperspektiven, die sich aus dieser Wende ergeben.
Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert, wobei im ersten Teil die Voraussetzungen, im zweiten die Durchführung und im dritten die Anwendungsfelder der Raumforschung beschrieben werden.
Im ersten Teil kommen die Grundlagen von Naturwissenschaften, Mathematik, Physik und Optik zur Sprache, gefolgt von den Geowissenschaften mit Kartographie und Geodäsie, Geologie und Evolutionstheorie, Kulturklimatologie und Geopolitik. Diese Beschreibungen bieten jeweils einen Überblick von der Antike bis zur Gegenwart. So hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Satellitentechnik die Raumauffassung der dritten Dimension grundlegend verändert, was nicht nur die Erforschung der Erdgestalt, sondern auch die Höhenvermessungen betrifft. In der Evolutionstheorie werden Biodiversität und Verbreitung der Arten in engem Zusammenhang mit räumlichen Faktoren und Lebensräumen betrachtet. In der bildenden und darstellenden Kunst erzwingen freiräumliche künstlerische Raumparzellen einen von der europäischen Sammlungsanthologie abweichenden Museumsstil und machen Containerhalden und riesige Stauräume erforderlich, während die Vielgestalt der Räume des Tanzes davon sprechen lässt, dass jeder Tanz einen eigenen Raum erzeugt.
Der zweite Teil befasst sich mit der heute als spatial turn bekannten "Kehre" oder Wende, die in kopernikanische, sprachliche und phänomenologische aufgefächert wird. Als kopernikanische Wende gilt die Denkart, die von Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft in Anspielung auf den kopernikanischen Wechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild angesprochen wird – eine Wende, die bereits durch die Kosmologie des Nikolaus Kopernikus und von Galileo Galilei eingeleitet wurde. Diese Wende findet ihren Niederschlag in der Sprache und in der Phänomenologie des Umfeldes des Menschen mit Auswirkungen in Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zur Rede von Humangeographie als Impulsgeberin für interdisziplinäre Debatten.
Der dritte Teil befasst sich mit Themen und Perspektiven. In der fortgeschrittenen Moderne versucht man Raum und Geschichte kritisch in ein neues Verhältnis zu setzen, mit Auswirkungen auf Politik, Ökonomie mit Globalisierung, einer Neubewertung des menschlichen Körpers, zumal das Weibliche von Platon an mit dem Körper assoziiert wurde. Die Raumfrage nimmt auch innerhalb der postkolonialen Studien zunehmend eine zentrale Stellung ein, zumal Raumfigurationen der Kolonialzeit nach wie vor wirksam sind. Auch in der Soziologie nimmt der Raum eine immer bedeutendere Stelle ein, während man in der Technik aufgrund von Digitalisierung und Fernsteuerung von einer "Enträumlichung" spricht, die nicht nur in der Globalisierung ihren Niederschlag findet, sondern auch in der historischen Gleichzeitigkeit und in der Raumvergessenheit. Dies schlägt nicht zuletzt auf die Medienwelt durch, doch bleibt dort in Bildern und Zeichen der Raum nicht nur erhalten, sondern wird durch die Dreidimensionalität zum persönlichen Erlebnis. In diesem Zusammenhang stehen auch Begriffe wie "Raumkognition" oder "Cognitive Maps".
Sichere Orientierungspunkte mit vielfältigen Möglichkeiten und reicher Geschichte bilden der landschaftliche und der urbane Raum. Aus diesem Grund sind vor allem für den Tourismus Raumkonzepte von besonderer Bedeutung. Auch in der Literatur ist von Raum die Rede, zumal die Sprache mit ihren graphischen Zeichen selbst eine Räumlichkeit darstellt. Schließlich hat sich der Raum als Analysekategorie in der Epistemologie der Wissenschaften und des Wissens als ein innovatives Instrument erwiesen.
Wie diese kurze Skizzierung des Inhalts des vorliegenden Handbuches zeigt, haben wir es hier mit einer Zusammenschau von raumbezogenen Themen zu tun, wie sie sonst nicht zu finden ist. Die einzelnen Beiträge sind übersichtlich mit Zwischenüberschriften gegliedert und mit Quellenangaben sowie einer Liste weiterführender Literatur versehen. Die vielfältigen Implikationen des Raumverständnisses in Naturwissenschaften, Philosophie und Künsten verlangt vom Leser allerdings ein hohes Maß an geistiger Wendigkeit, doch sind die Anregungen zu einem umfassenderen Verständnis des Raumes von hoher Qualität und Weite.
Ein Anhang mit einer umfangreichen Auswahlbibliografie, mit Autorenhinweisen, einem Person- und Sachregister beschließen diese hochwertige, informative und seltene Arbeit.
 A. Resch

Lutz, Wolfgang (Hg.): Lehrbuch Psychotherapie. Bern: Hans Huber, Hogrefe AG, 2010, 544 S., ISBN 978-3-456-84839-6, Geb., EUR 49.95, SFr 75.00

Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Lutz, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Trier, legt hier in Zusammenarbeit mit zahlreichen Autoren ein Lehrbuch der Psychotherapie und Therapieforschung vor, das sowohl die meistverbreiteten und bewährten Konzepte der Praxis als auch innovative Ansätze zusammenfasst, die in das psychotherapeutische Repertoire aufgenommen wurden. Als Zielgruppe gelten Studierende der Psychologie und all jene, die mit psychotherapeutischen Fragen zu tun haben, sofern sie über ein Mindestmaß an Fachkenntnissen verfügen, denn es handelt sich hier nicht um einen populären Einstieg in die Psychotherapie.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Dabei werden die einzelnen Beiträge meist von mehreren Autoren gestaltet.
Im ersten Teil wird das Basiswissen der Psychotherapie und der Psychotherapieforschung umrissen. Nach dem Versuch einer Definition der Psychotherapie geht der Herausgeber auf die allgemeinen Prozess- und Veränderungsmodelle der Psychotherapie ein, wobei der Qualitätssicherung ein besonderer Stellenwert zukommt. Damit eng verbunden sind Diagnostik und Therapieplanung im Blick auf die gewonnenen Patientenmerkmale und die gegebenen Merkmalen der Therapeuten. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die biologischen Grundlagen der Psychotherapie, wurde doch nachgewiesen, dass sowohl Psychotherapie als auch Pharmakotherapie wirksam sind, allerdings ist bei der Psychotherapie die Nachhaltigkeit größer. Auf diese grundsätzlichen Erwägungen folgt ein Überblick über theoretische Orientierungen sowie über neuere Positionen und Entwicklungen.
Der zweite Teil beschreibt die unterschiedlichen psychotherapeutischen Modalitäten und Personengruppen, wie Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Paartherapie, Therapie bei älteren Menschen, mit abschließender Darstellung des Weges zu einer empirisch fundierten und integrativen Psychotherapie.
Im dritten Teil, dem Hauptteil des Buches, wird der Versuch unternommen, die wichtigsten Interventionen der Psychotherapie und deren Anwendungen unter einer allgemeinen, über Störungsgruppen hinweg einsetzbaren Vorgangsweise aufzuzeigen. Auf die genuin strörungsspezifische Darstellung der Behandlung einzelner psychischer Störungen wird daher bewusst verzichtet. Zu diesen übergreifenden Therapieformen gehören Konfrontationsverfahren in der kognitiven Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, achtsamskeitsbasierte Ansätze, Hausaufgaben und Verhaltensverträge zur Nutzung der Therapiestunden-Intervalle, kognitive Techniken mit Erarbeitung, Einübung und dem Transfer funktionaler zielführender Kognitionen. Zu den übergreifenden Verfahren gehören ferner die Aktivierung der individuellen Ressourcen von Patienten und der Klärungsprozess, bei dem dysfunktionale Schemata von Klienten zu klären sind. Einen besonderen Stellenwert nehmen die Förderung der Emotionsregulation und die motivationalen Interventionen sowie die Beziehungsgestaltung in dieser störungsübergreifenden Psychotherapie ein. Schließlich wird noch auf die verhaltenstherapeutischen Standardverfahren und die intergrativ­-verhaltenstherapeutische und interpersonale Intervention eingegangen.
Die hier aufgelisteten Themen sind in einer didaktischen Form aufbereitet, mit zahlreichen Tabellen, Hinweisen, Prozessbeschreibungen und Vorgansprinzipien, welche beim konkreten therapeutischen Einsatz zu beachten sind bzw. den Zugang erleichtern können. Durch die Zweifarbigkeit des Druckes werden die einzelnen Auszeichnungen auch optisch besser gestaltet, vor allem auch durch die entsprechenden Randtexte und die nach jedem Beitrag angefügten Verständnisfragen. Das erhöht nicht nur den didaktischen Wert des Buches, sondern auch das Verständnis der einzelnen Abschnitte.
Ein Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Autoren mit Herausgeber und der Psychotherapieforscher, jeweils mit Porträts versehen, sowie ein Sachverzeichnis beschließen diese gelungen, übersichtliche und informative Arbeit, die den Titel "Lehrbuch" verdient. Falls sich die angebotene übergreifende Therapieform auch konkret bewährt, wäre dies eine begrüßenswerte Innovation. Vielleicht gelingt den Autoren aus dieser Perspektive auch die Erstellung des anvisierten Bandes einer genuin störungsspezifischen Darstellung der Behandlung einzelner psychischer Störungen. Damit könnte das vorliegende Lehrbuch sich auch in der Praxis bewähren.
A. Resch

Gasser, Georg / Josef Quitterer (Hg.): Die Aktualität des Seelenbegriffs: interdisziplinäre Zugänge. Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh, 2010, 362 S., ISBN 978-3-506-76905-3, Brosch., EUR 44.90

Die hier vorgelegte Arbeit zur Aktualität des Seelenbegriffes ist das Ergebnis einer interdisziplinären Kolloquien-Reihe zum Thema "Der traditionelle Begriff der Seele und die Neue Naturalistische Herausforderung", die in Innsbruck abgehalten wurde. In seiner ausführlichen Einleitung gibt Georg Gasser, Mitherausgeber des Bandes, einen aufschlussreichen Einblick in die Thematik und fasst darüber hinaus die einzelne Beiträge noch kurz zusammen.
Ausgehend vom Seelenbegriff des Aristoteles als Lebensprinzip stellt er die Frage, ob die vom sogenannten "Neuen Naturalismus" gestellte These, dass das Bild der Wirklichkeit, welches naturwissenschaftliche Theorien vertreten, wahrheitsgetreuer sei als jenes, das man in der Alltagserfahrung erlebt. Die unterschwellige Gleichsetzung des Strebens nach Wahrheit mit der Hirnforschung beinhaltet nicht nur eine Verengung der Dimension des Bewusstseins, sondern wirft sogar die Frage auf, ob Naturwissenschaften, die sich mit geistigen Vollzügen menschlicher Personen auseinandersetzen, überhaupt denselben Untersuchungsgegenstand vor Augen haben. Die Frage ist berechtigt, wenngleich überflüssig, da der Naturwissenschaft der Seele-Begriff und noch mehr der Begriff des Geistes unbekannt ist, es sei denn als Chiffre einer speziellen Funktionsbeschreibung. Diese "Chiffre" scheint dem Seele-Begriff von Gasser nicht so fern zu sein, versteht Gasser diesen doch auch als Funktionsbegriff vom Lebewesen, der die Einheit des Menschen betont, zwar ohne die Unterscheidung der geistigen und körperlichen Dimensionen zu vernachlässigen, jedoch auch ohne darin eine immaterielle und vom Körper unabhängige Entität zu sehen. "Als ‚Form des Körpers' verweist die Seele wesentlich auf den Körper und umgekehrt der Körper auf die Seele. Der Mensch lässt sich nicht in einen ‚wertvolleren' geistigen Teil und in einen weniger wertvollen oder gar zu vernachlässigenden körperlichen Teil auftrennen" (S. 19). Selbst eine Weiterexistenz nach dem Tode muss nicht immateriell, im Sinne einer vom Körper losgelösten, in sich subsistierenden geistigen Substanz gedacht werden, da dieselbe Seele und dieselbe leibliche Verfasstheit die Identität des Individuums über den Tod hinaus garantieren. Wer garantiert hier? Der Körper löst sich ja auf oder ist hier von einer Feinstofflichkeit bzw. vom unsterblichen Leib die Rede, von dem Paulus spricht.
Diese Diskussion zeigt, dass man vom Materiebegriff der Quantentheorie keine Ahnung hat, nach der, wie Peter Dürr formuliert, ein immaterielles, unauftrennbares Beziehungsgefüge an die erste Stelle tritt.
Thematisch ist der Band unter dem Aspekt der Philosophie der Physik, der Philosophie der Biologie, der Philosophie der Neurowissenschaften, des Hylomorphismus und der Theologie gegliedert, wobei Beiträge von folgenden Autoren zur Sprache kommen:
Georg Gasser: Die Aktualität des Seelenbegriffs; Brigitte Falkenburg: Zeit und Naturalismus; Klaus von Stosch: Gottes Handeln denken. Zur Verantwortung der Rede von einem besonderen Handeln Gottes im Gespräch mit den Naturwissenschaften; Uwe Meixner: Eine dualistische Konzeption mentaler Verursachung; Franz Mechsner: Die Freiheit der Person als wissenschaftliches Basiskonzept; Johannes Seidel SJ: Was konstituiert ein biologisches Individuum (nicht)?; Martin Kurthen: Neurowissenschaft des Selbst; Olaf Breidbach: Die Evolution des Gehirns und die Geschichte des Geistes – Bemerkungen zur Physiologisierung des Denkens; Dieter Sturma: Naturalismus, Selbstbewusstsein und das psychophysische Problem; Marianne Schark: Der aristotelische Begriff des Lebewesens; Tobias Kläden: Anima forma corporis. Zur Aktualität der nichtdualistischen Sicht des Menschen bei Thomas von Aquin; Josef Quitterer: Das Erklärungspotential des Seelenbegriffs; Ulrich Lüke: Seele – was ist das? – Ein interdisziplinärer Verständigungsversuch zwischen Biologie und Theologie; Peter Marinkovic: Seele – Geist ohne Körper? Exegetische Anmerkungen zum Person­verständnis im Judentum der persischen und hellenistischen Zeit; Theo K. Heckel: Die Seele im hellenistischen Judentum und frühen Christentum; Rudolf Christian Henning: Die protestantische Seele – Der Mensch vor Gott.
Gasser betont, wie gezeigt, die Seele in Einheit von Körper und Geist als Lebensprinzip, das dank Gottes Heilshandeln nach dem Tode weiterleben kann. Nach Falkenberg sind physikalische Zeit und subjektive Zeit als einander komplementär zu deuten. Stosch betont die Möglichkeit theologischer Erklärung gewisser natürlicher Vorgänge. Nach Meixner ist freie mentale Verursachung durch ein nicht-physisches Subjekt mit der Physik vereinbar. Für Mechsner müssen Menschen auch als autonom handelnde Personen ernst genommen werden. Nach Seidel umreißt eine geschlossene Außenschicht raum-zeitlich abgegrenzter und funktional organisierter Materie den Möglichkeitsrahmen der Individuation. Kurthen weist darauf hin, dass in der neurowissenschaftlichen Forschung ontologische Schlussfolgerungen nicht gezogen werden. Nach Breidbach hängt die Wahl der Interpretation biologischer Daten nicht unwesentlich von weltanschaulichen Vorentscheidungen des Interpreten ab. Sturma sieht die Lösung im integrativen Naturalismus, der davon ausgeht, dass es eine einzige Welt gibt, die durch verschiedene erkenntnistheoretische Zugänge erschlossen werden kann.
Nach Schark sind Lebewesen Kontinuanten, die am Leben sind. Allerdings ist es ein weiter Weg bis hin zum Vermögen, aktiv frei wählen zu können. Kläden entwickelt in seinem Beitrag die klassische anima-forma-corporis-Lehre des Thomas von Aquin, um die Einheit des Menschen zu denken, ohne die Unterscheidung von Geist und Materie zu vernachlässigen. Für Quitterer besteht die Eigenart des Seelenbegriffes darin, dass grundlegende Prozesse in größere funktionale Zusammenhänge eingebettet werden. Nach Lücke ist die Rede von der Seele als Chiffre zu deuten, welche auf das transzendente Gegenüber des Menschen sowie auf die bleibende empirische Unauslotbarkeit eines jeden Menschen verweist. In der Antike überwiegen nach Marinkovic solche Deutungen der Seele, die den Menschen als Einheit begreifen; dualistische Seelenkonzepte tauchen erst in späthellenistischer Zeit auf. Im hellenistischen Judentum kommt es, wie Heckel aufzeigt, zu einer klaren Differenzierung von Leib und Seele. Im Gegensatz dazu denkt Paulus in seiner Christus-Deutung monistisch. Hennings beschäftigt sich mit dem Begriff der Unsterblichkeit in der protestantischen Theologie, die mit der Ganz-Tod-Theologe auf den Begriff der Seele verzichtet, und tritt für eine Wiedereinführung des Seelenbegriffes ein.
Die einzelnen Beiträge sind jeweils mit Zwischenüberschriften, Anmerkungen und
einer Bibliografie versehen und bringen überzeugend zum Ausdruck, dass der "Neue Naturalismus" mit seiner Deutung der Dimension des menschlichen Bewusstseins zu kurz greift und den Eindruck einer ideologischen Fixierung hinterlässt, mit unabsehbaren Folgenden für das Verständnis des Menschen und seiner Kultur.
Ein Autorenverzeichnis beschließt diesen wertvollen Sammelband. Wie bei solchen Bänden üblich, macht sich kaum jemand mehr die Mühe, ein Personen- und Sachregister zu erstellen, was gerade bei derlei Sammelbänden hilfreich wäre.
A. Resch

Busch, Peter / Jürgen K. Zangenberg (Hg.): Lucius Annaeus Cornutus: Einführung in die griechische Götterlehre. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2010 (Texte zur Forschung; 95), 171 S., ISBN 978-3-534-21228-6, Geb., EUR 49.90, SFr 64.00

Das hier vorgelegte Kompendium der Überlieferung zur griechischen Theologie (Epidrome) des Lucius Annaeus Cornutus kann man gleich schon zu Beginn als ein Kleinod zur griechischen Literatur bezeichnen. Zunächst aufgrund der umfangreichen Einführung, die wie ein Netzwerk die Darlegungen der Götterlehre des Cornutus in die damit verbundene Geistesgeschichte mit unzähligen Quellenverweisen einbaut. Die Herausgeber – Peter Busch ist Privatdozent für Neutestamentliche Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Jürgen Zangenberg ist Professor für neutestamentliche Exegese und frühchristliche Literatur an der Universität Leiden – haben hier eine beeindruckende Arbeit geleistet.
Die Epidrome des Cornutus mit seiner Beschreibung der zahlreichen mythischen Gestalten von Uranos bis zum Hades ist für sich eine wahre Fundgrube griechischer Mythologie.
Dabei verwundert es, dass Cornutus nie ein vielgelesenen Autor war. Das Interesse für ihn erwachte erst in den letzten Jahren. So wissen wir bezüglich der Abstammung nicht einmal sicher, ob er Grieche oder Römer war. Sein einziges vollständiges Werk, die Epidrome, ist jedenfalls auf Griechisch verfasst und tief in griechischer Philosophie und Mythologie verwurzelt. Nach den Hinweisen in der Vita über den Satiriker Aules Persius (34 – 62 n. Chr.) dürfte Cornutus bereits einige Zeit vor 50 n. Chr. als etablierter Lehrer in Rom gewirkt und sich des Zugangs zu den besten Kreisen der Stadt erfreut haben. Damit war er keine Ausnahme, da die Stadt seit Mitte des 1. Jhs. v. Chr. als anerkanntes Zentrum stoischer Philosophie galt.
Neben der Epidrome sind in der Überlieferung eine Reihe anderer Schriften mit dem Namen Cornutus verbunden, die aber nur mehr in Zitaten anderer Autoren oder gar bis auf den Titel verloren gingen. Auch die Epidrome im vorliegenden Handschriftenbefund ist keineswegs unumstritten. Handelt es sich dabei um eine Verkürzung eines ursprünglichen längeren Werkes oder ist der vorliegende Text eine durch zahlreiche Glossen "aufgebesserte" Ausgabe? Die Herausgeber verzichten in dieser Ausgabe auf derartige literarkritische Vorentscheidungen und gehen bewusst von dem durch Handschriften dokumentierten Text als literarischer Einheit aus.
Philosophische Grundlage der Epidrome ist die stoische Physik im Sinne der Naturerklärung und "Theologie" als Reflexion über das Wesen der Götter. Dabei arbeitet sich Cornutus in seiner Darstellung von außen nach innen vor: Epidr. 1 beginnt mit dem Himmel als Grenzlinie und skizziert dann den – von der Erde aus gesehen – jenseits liegenden Bereich des feurigen Äthers. Dem folgt in Epidr. 3 die Besprechung der Luft und in Epidr. 4 die des Wassers. Die Erde (Ge oder Gaia) ist zwar erst am Ende von Kap. 6 expliziter Gegenstand der Erörterung, für den Leser jedoch schon ab Kap. 3 als fortlaufendes Thema erkennbar: Cornutus spielt hier nach den Herausgebern auf die in der Theogonie von Hesiod nachzulesenden Genealogien der Göttinnen und Götter an, vornehmlich auf Kronos und Rhea, die ja nach Hesiod alle Abkömmlinge der Gaia sind.
Dabei werden die vier Grundelemente Feuer (Äther), Luft, Wasser und Erde der Weltentstehung, die nach stoischer Philosophie am Anfang der Welt aus einem dynamischen Prozess hervorgegangen sind und an deren Ende wieder dorthin zurückkehren werden, bei Cornutus durch das Prinzip der Bewegung als Leitmotiv für die traditionelle Verbindung von Äther, den Sternen und Göttern gedeutet: Äther leitet sich ab von "ewig geben", die Sterne sind rastlos und die Götter sind benannt nach "bewegen". "Mit dieser Terminologie beschreibt Cornutus den Grundprozess der Entstehung allen Seins als Wandlung, durch die aus einer Ursubtanz alle Elemente entstanden sind" (S. 44–45). Dabei nimmt das Feuer (Äther) eine besondere Stellung ein. Zudem greift er bei seiner Darstellung der gängigsten Figuren der griechischen Mythologie auf ältere Autoren und einschlägige Lehrmeinungen zurück, die er zuweilen wörtlich zitiert.
Der angeführte griechische Text der Epidrome mit deutscher Übersetzung beschreibt folgende Gestalten der griechischen Mythologie:
Uranos, Zeus, Hera, Poseidon, Hades, Rhea, Kronos, Okeanos, Zeus, Erinnyen, Litai, Moiren, Musen, Chariten / Grazien, Hermes, Mythen, Prometheus, Hephaistos, Athene, Ares und Enyo, Poseidon, Nereus, Aphrodite, Eros, Atlas, Pan, Demeter und Hestia, Jahreszeiten, Dionysos, Herakles, Apollon und Artemis, Asklepios, Artemis und der Mond, Hades und pädagogischer Schluss.
Nach der Lektüre von Leben und Werk des Cornutus, der Einleitung in die Epidrome und der mythologischen Tradition bei Cornutus (S. 19 – 65) sowie der Beschreibung der angeführten Gestalten (S. 66 –157) stellte ich mir die Frage, ob man nicht die Einleitung als Kommentar zu den einzelnen Gestalten hätte erstellen sollen, was allerdings unnötige Wiederholungen und Verweise mit sich gebracht hätte. Man ist daher gut beraten, nach der ersten Lektüre die Einleitung nochmals zu lesen, um sie in ihrer Vielschichtigkeit als solche in das Verständnis der Texte einbauen zu können.
Ein Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Gestalten mit Literaturhinweisen und Stellenangabe, sowie ein Index der von Cornutus verwendeten Quellen beschließen diese hervorragende Arbeit, die durch die plastische Beschreibung der angeführten Gestalten auch für jeden an der Mythologie und Kulturgeschichte Interessierten von Interesse ist.
 A. Resch

GW 2011/4

Frietsch, Wolfram: Die Illuminaten: Geschichte, Herkunft, Ziele. Graz: Verlag für Sammler, 2011, 160 S., ISBN 978-3-85365-248-0, Geb., EUR 29.90

Dr. Wolfram Frietsch, Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift Gnostika, legt hier nach seinen Veröffentlichungen Die Geheimnisse der Rosenkreuzer (3. Aufl. 2010) und Die Zauberflötenwelt aus der Sicht der analytischen Psychologie C. G. Jungs (2010) ein Buch über Geschichte, Herkunft und Ziele der Illuminaten vor.
Die Illuminaten, die Erleuchteten, bilden zumindest seit dem Megaseller von Dan Brown, Illuminati, einen Hort der Verschwörungstheorien und Welterneuerer. Frietsch sieht im vorliegenden Buch von diesen zahlreichen Spekulationen ab und vermittelt einen sachbezogenen historischen Einblick in den so geheimnisumwobenen Orden, der am 1. Mai 1776 von Johann Adam Weishaupt als Bund der Perfektibilisten gegründet, später in Bienenorden und schließlich in Illuminatenorden umbenannt wurde. Die Gründung fand in Ingolstadt, einer früheren Jesuitenhochburg, statt, was mit den biografischen Daten Weishaupts zu tun hat.
Am 6. Februar 1748 in Ingolstadt geboren, besuchte Weishaupt dort das Jesuitengymnasium. Enttäuscht von der strengen Erziehung suchte er in den Schriften der Aufklärer über Religion und Staat nach Alternativen. Mit 15 Jahren begann er das Studium von Geschichte, Recht, Staatswissenschaften und Philosophie, das er, 20-jährig, mit dem Dr. phil. beschloss. Mit 25 Jahren wurde er bereits ordentlicher Professor der Rechte und ein Jahr später, 1774, für Kirchenrecht, was durch die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 möglich wurde. Weishaupt wandte sich der Freimaurerei zu und wurde 1777 in die Münchner Loge aufgenommen. Er lehnte jedoch die esoterische Ausrichtung ab, war von den Zusammenkünften enttäuscht und ging nun eigene Wege, was zur oben genannten Gründung führte, wobei ihm, paradoxerweise, der gerade erst verbotene Jesuitenorden als Vorbild diente. So ging es Weishaupt darum, "dem Menschen die Bemühung um die Verbesserung und Vervollkommnung seines moralischen Charakters interessant zu machen, menschliche und gesellschaftliche Gesinnungen zu verbreiten, boshafte Absichten in der Welt zu hindern, der bedrängten Tugend gegen das Unrecht beizustehen, auf die Beförderung würdiger Personen zu gedenken…" (S.39). Weishaupt schwebte ein Sittenregiment vor, verbunden mit einer Reformation der Gesellschaft. Seine Ideen stießen jedoch auf heftigen Widerstand, führten intern 1781 zu einem Neubeginn mit Einbezug esoterischer Tendenzen und schließlich zu seinem Ausschluss.
Der Aufbau des Illuminatenordens war ab 1782 folgender:
I. Klasse: Vorbereitungsklasse: 1. Novize,
2. Minerval, 3. Illuminatus minor oder kleiner Illuminat; II. Klasse: Freimauer: 1. Lehrling, 2. Geselle, 3. Meister, 4. Großer Illuminat oder Illuminatus maior, 5. Illuminatus dirigens (leitender, lenkender Illuminat; Schottischer Ritter); III. Klasse: Mysterien: 1. Priester, 2. Regent, 3. Magus (Meister), 4. Docet (Lehrer).
Aus dieser Einteilung ist klar ersichtlich, dass die Freimauergrade im Illuminatenorden nun fest verankert sind. In der Folgezeit wurden viele Freimauerlogen von Illuminaten geprägt, ohne dass es, wie Frietsch weiter ausführt, je einen offiziellen Anschluss der Freimaurer an die Illuminaten gegeben hat.
Vor allem stellten die publizierten Verschwörungstheorien die Illuminaten sogar als Initiatoren der Französischen Revolution hin. All diese Angriffe auf die Illuminaten, ihre internen Auseinandersetzungen und ihre zeitgeschichtlichen Implikationen werden vom Autor sehr übersichtlich und informativ beschrieben, so dass hier lediglich darauf verwiesen wird, dass es dafür eines Insiderwissens besonderer Art bedarf.
So kämpfte Weishaupt seit 1782 gegen das Eindringen mystischer Denkweisen und Rituale an, zumal sein Herausforderer, Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge, der unter dem Pseudonym "Josef Aloisius Maier", als ehemaliger Jesuit getarnt, der er nie war, 1781 die Streitschrift Über Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreuzter herausgab, für derlei Formen eintrat. Weishaupts Begeisterung für den Illuminatenorden zog in den folgenden Jahren zwar zahlreiche Mitglieder an, rief aber auch Gegner auf den Plan, was 1785 voll zum Tragen kam.
Am 2. März 1785 erließ Kurfürst Karl Theodor, Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Ober- und Niederbayern, das zweite Edikt gegen die Geheimgesellschaften, insbesondere die Freimaurer und Illuminaten. Am 18. Juni sandte Papst Pius VII. den ersten von zwei Briefen – der zweite folgte am 12. November – an den Bischof von Freising mit der Warnung vor der drohenden Gefahr der Illuminaten, bei denen keine Mitgliedschaft möglich sei. Am 16. August 1785 wurde das dritte Illuminatenmandat verhängt. Ehemalige Illuminaten wurden aufgefordert, von der "Secte" Abstand zu nehmen. Weishaupt nannte der Kurfürst einen Bösewicht und Volksverführer. Er musste die Heimat verlassen und reiste am 16. August 1785 nach Wien, um dort als Professor eine Anstellung zu finden. In Wien traf er den Kopf der Wiener Illuminaten, Ignaz Born, der als geistiger Anreger für Mozarts und Schikaneders Oper Die Zauberflöte gilt, in der Born selbst als "Sarastro" verewigt wurde. 1787 ging Weishaupt nach Gotha, wo er bis 1830 lebte. Herzog Ernst II., der den Illuminaten angehörte, verlieh ihm den Titel Hofrat, verschaffte ihm eine Rente und erwirkte zusammen mit dem Freiherr von Bode, dass Weishaupt als Ordensgründer und Oberster der Illuminaten seinen Orden verlassen musste, weil sein Verbleib diesem wohl geschadet hätte.
Nach diesen ordensgeschichtlichen Beschreibungen geht Frietsch auf die Aufnahmeformalitäten und die führenden Köpfe der Illuminaten ein. Von diesen seien hier nur Friedrich Adolph Freiherr Knigge, Johann Joachim Christoph Bode, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder, Herzog Ernst von Braunschweig und Herzog Ernst II. genannt. Inwieweit Mozart und Beethoven ebenfalls dem Orden angehörten, bleibt offen. Jedenfalls kamen sie mit den Illuminaten in Berührung.
Wie schon erwähnt, werden der Illuminatenbewegung große gesellschaftliche Umwälzungen zugeschrieben. So hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, dass die deutsche Illuminatenbewegung ihre Ziele nach Frankreich gebracht hätte und maßgeblich an der Französischen Revolution von 1789 beteiligt gewesen sei. Neben Weishaupt wird hier vor allem Bode genannt, der eine Verbindung zwischen Freimaurern und Illuminaten anstrebte. Allerdings geben nach Frietsch die Tagebücher und Aufzeichnungen Bodes keinerlei Hinweise darauf, dass er die Illuminatisierung der französischen Logen nach 1788 vorangetrieben hätte. (S. 117)
Frietsch gelangt in seiner abgewogenen Analyse der Aufklärung schließlich auch zur Feststellung, dass die Absicht einer abgeklärten Vernunft, Scharlatanerie, falsche Vorstellungen, Ungerechtigkeiten und Aberglauben aufzudecken und durch das "Licht der Vernunft" zu ersetzen, eine Demonstration von Macht darstellt, für die Glaube, Okkultismus und spirituelle Erfahrungen a-rational sind. Daher zählte die Aufklärung auch die Ideen und Lehren von Franz Anton Mesmer, Cagliostro, Louis Claude de Saint-Martin oder Emanuel Swedenborg zum Aberglauben.
Schließlich kommen noch die mit den Illuminaten in Zusammenhang gebrachten Bewegungen des Jacobinismus, Carbonarimus und Radikalismus in England zur Sprache. Ein Hinweis auf die Illuminaten in England und den USA, den Illuminatenorden von Reuß, die Symbolik der Illuminaten und die Illuminaten, die keine sein wollten, beschließt diese informationsreiche Arbeit.
Das Buch ist flüssig und fundiert geschrieben und mit zahlreichen Abbildungen und Grafiken ausgestattet, sodass man geradezu von einem Bildband sprechen kann, allerdings mit dem Unterschied, dass die Texte der bestimmende Faktor sind, die einen Hintergrund der Geschichte beleuchten, den man in der gebotenen Plastizität an Inhalt und Illustration sonst nicht findet. Ein Personen- und Sachregister sucht man allerdings vergeblich.
Andreas Resch, Innsbruck

Würtenberger, Sandra: Homöopathielegitimation aus wissenschaftsphilosophischer Sicht: vom vorwissenschaftlichen Phänomen zum technowissenschaftlichen Forschungsgegenstand. Marburg: Tectum Verlag, 2011 (DALPh: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie; 13), 173 S., ISBN 978-3-8288-2761-5, Brosch., EUR 24.90

So sehr die Homöopathie in aller Munde ist und bereits an verschiedenen Universitäten gelehrt wird, ist der seit 200 Jahren andauernde Streit zwischen ihr und der Schulmedizin immer noch in vollem Gange. Das hat nicht nur mit Wissenschaftlichkeit zu tun, sondern hängt vor allem mit dem Grundlagengegensatz von Kausalität und Entsprechung zusammen. Sandra Würtenberger unternimmt nun gerade in der vorliegenden Arbeit den Versuch, diesen Gegensatz historisch aufzuzeigen und wissenschaftstheoretisch zu hinterfragen.
Als Geburtsjahr der Homöopathie gilt 1796 mit der Veröffentlichung des Aufsatzes "Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf di bisherigen" im Hufeland Journal. Das neue Prinzip wurde später unter dem Begriff "Simile-Prinzip" zum grundlegenden Axiom der neuen Heilweise Homöopathie, die in ihrer klassischen Ausformung folgende axiomatische Grundthesen nennt:
Simile- oder Ähnlichkeitsprinzip: similia similibus curentur (Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden), was besagt, dass Arzneien, die am gesunden Menschen bestimmte Krankheitssymptome hervorrufen, Patienten mit ähnlicher Krankheitssymptomatik heilen können.
Potenzierung und Dynamisation: schrittweise und wiederholte Verdünnung einer Arznei und Verreiben oder Verschütteln des Gemisches.
Einzelmittel: Verabreichung eines einzigen Mittels, welches der Gesamtsymptomatik des Patienten am ähnlichsten erscheint.
Arzneimittelprüfung am Gesunden.
Diese Axiome gelten vor allem für die Klassische Homöopathie, nicht aber für alle Richtungen, insbesondere was das Einzelmittel betrifft. Dieser Mangel an Einheitlichkeit, verbunden mit dem Fehlen einer legitimierenden Vertretungsinstanz aller Gruppierungen, mindert die Durchsetzungskraft der Homöopathie im Ringen um medizinische Anerkennung vor allem im europäischen Raum, während sie in anderen Ländern wie Brasilien und Indien gesetzlich verankert ist. Hinzu kommt, dass eine der Hauptmaximen Samuel Hahnemanns nach wie vor Gültigkeit besitzt, nämlich: "Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man heilen nennt." Damit verbunden sind die induktive therapeutische Forschung, die regulative Therapie, die Signalsteuerung durch therapeutische Mittel und das vorwiegende Denken in Analogie und Netzstrukturen. Ein solcher Ansatz entzieht sich dem wiederholbaren Experiment.
Die große Bedeutung des Subjekts und der prozessorientierte Charakter legen, nach Würtenberger, zur Klärung einen Rückgriff auf Quantentheorie und systemische Konzepte nahe – allerdings nur auf Metaebene, denn Beweise lassen sich lediglich auf statistischer Ebene erbringen, wie etwa zwei Beobachtungstudien der Berliner Charité zeigen.
Was die Debatte um die Wissenschaftlichkeit der Homöopathie konkret betrifft, so ist diese durch das Ignorieren der jeweiligen Gegenargumente geprägt. Dabei scheinen die angeführten Forschungsbemühungen, wie Würtenberger treffend bemerkt, "unabhängig vom positiven oder negativen Resultat weder die Meinungen der Antagonisten zu ändern, noch besonderen Einfluss zu haben auf die Akzeptanz in Politik und Bevölkerung" (S. 141). Das größte Hindernis ist hier der Ähnlichkeitsgedanke. Denn selbst wenn es möglich wäre, eine Hochpotenzwirkung kausal und rational nachzuweisen, bliebe das homöopathische Hauptaxiom der Ähnlichkeit zu unbestimmt. Dies schon rein deshalb, weil die kausale Methode Qualität nicht einzufangen vermag. So sagt auch die Autorin: "Eine sich reduktionistisch auf das Herauspreparieren der Symptome beschränkende Homöopathie, wie die phänomenologischen Strömungen, vernachlässigen bedeutsame Erkenntnisse, die man aus der Arzt-Patient-Beziehung gewinnen kann." (S.143)
In einer Zeit, in der Einzelinteressen und Lebensqualität an Bedeutung gewinnen, kommt der Arzt-Patient-Beziehung und der Frage nach medikamentösen Nebenwirkungen neue Bedeutung zu, was die Akzeptanz der Homöopathie steigert. Der Versuch kausaler Beweise kann jedoch erst durch umfassende Wissenschaftstheorien aufgegriffen werden, wie etwa durch die Heimsche Theorie, wobei die angedeutete Quanten- und Systemtheorie in diese Richtung weisen.
Versucht man am Schluss die vorliegende Arbeit einer näheren Kritik zu unterziehen, so kann man den übersichtlichen Aufbau, die sachliche Argumentation, den historischen Überblick sowohl zu Homöopathie und Homöopathie-Forschung als auch zu deren Kritik sowie das Aufzeigen der Grundbegriffe und Kernstrukturen der homöopathischen Behandlung als durchaus informativ bezeichnen. Genaue Literaturhinweise in den Fußnoten und ein Literaturverzeichnis beschließen diese übersichtliche und abgewogene Arbeit zu einer 200-jährigen Diskussion über die Heilmethode "Homöopathie", die mittlerweile weltweit verbreitet ist. Ein Personen- und Sachregister hat man sich allerdings erspart.
A. Resch

James, William: Der Sinn des Lebens: ausgewählte Texte. Hg. Felicitas Krämer, Helmut Pape. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2010, 191 S., ISBN 978-3-534-22055-7, Geb., EUR 39.90

Der hier vorgelegte Band beinhaltet eine Auswahl jener Arbeiten von James, die von den Herausgebern als bedeutsam erachtet wurden. William James (1842–1910) gehört zu den wichtigsten Philosophen und Psychologen im angelsächsischen Sprachraum. Seine Bedeutung hat vor allem deshalb die Jahre überdauert, weil er bei aller Wissenschaftlichkeit in der Erforschung des Menschen zu seiner Zeit stets auch den individuellen Erlebnisraum des Menschen mit seinem Fühlen und Empfinden einbezogen hat, wovon die fünf hier ausgewählten Arbeiten zeugen.
Drei davon: Ist das Leben lebenswert?, Was gibt einem Leben Sinn? und Der Ethiker und das sittliche Leben lagen bereits in dem Band William James: Essays und Ethik (1948) vor, wurden hier aber in eine zeitgerechte Übersetzung übertragen. Der vierte Beitrag, Der Wille, ist die erste Übersetzung des größten Teils des 26. Kapitels "Will" aus dem zweiten Band der fast 1400 Seiten umfassenden Principles of Psychology von James. Der fünfte Beitrag, James' Ingersoll-Vorlesung, Die Unsterblichkeit des Menschen, in der überarbeiteten Form von 1897, ist hier erstmals und vollständig übertragen.
In einer 32 Seiten langen Einleitung beschreiben die Herausgeber das Leben von William James sowie die Entstehungsgeschichte und die wesentlichen Inhaltspunkte der einzelnen Beiträge.
Der Sinn des Lebens liegt nach James letztlich im Glauben an ein Leben, welches über das Leben hinausreicht. Zwar tendiert der Mensch von sich aus zu einem gewissen Naturalismus, für den nur greifbare Dinge zählen – eine Geisteshaltung, die sich die Wissenschaft zum Götzen erhoben hat. "Man kann diese Menschen am besten an ihrer Vorliebe für das Wort ,Wissenschaftler' erkennen. Ihr Totschlagargument, mit dem sie jede abweichende Meinung diskreditieren, besteht darin, sie als unwissenschaftlich zu bezeichnen" (S. 56). Die Frage, was lebenswert ist, hängt letztlich von dem ab, der lebt, wobei dessen Glaube an eine unsichtbare Welt das Leben lebenswert macht und ihm gleichzeitig einen Sinn gibt.
Dies macht den Menschen von Natur aus zum Ethiker. "Ein Gespür für die innere Würde bestimmter geistiger Haltungen wie Friede, Gelassenheit, Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit oder für die sich im Charakter anderer Menschen offenbarenden vulgären Züge wie Streitsucht, Furcht, rücksichtsloser Egoismus usw. lässt sich nur dadurch erklären, dass wir eine angeborene Vorliebe für eine edle moralischen Haltung rein um ihrer selbst willen haben" (S. 80).
Dabei ist der Wille selbst ein mentaler Zustand, den wie Begehren und Wünschen jeder kennt und den keine Definition klarer machen kann. Wenn wir glauben, dass die Verwirklichung eines Begehrens in unserer Macht steht, "dann wollen wir, dass sich das gewünschte Empfinden, Haben oder Tun wirklich einstellt" (S. 97). James befasst sich bei seiner Erörterung des Willens auch mit den ideomotorischen und überlegten Handlungen und nennt fünf Typen der Entscheidung, wobei das Gefühl eine besondere Rolle spielt. So können Freude und Schmerz Triebfedern des Handelns sein. Der Wille ist letztlich eine Beziehung zwischen dem Geist und seinen Vorstellungen und kann daher, nach James, durch Üben des moralischen und vorsorgenden Verhaltens geformt werden.
Auf das nachhaltigste Interesse stieß jedoch seine Vorlesung über die Unsterblichkeit des Menschen, versuchte man doch schon damals alle Formen des Bewusstseins auf hirnphysiologische Prozesse zurückzuführen, sodass mit dem Gehirn auch das Bewusstsein stirbt, ohne überhaupt sagen zu können, was eigentlich Bewusstsein ist. James vertritt daher die Auffassung, dass sich hinter der phänomenalen Welt eine geistige Welt in einer so individualistischen Form, wie man sie sich nur vorstellen kann, findet, der gegenüber das Gehirn als transmissives Organ zu sehen ist. Das Gehirn fungiert als eine unabhängige Variable. Der Geist verändert sich in Abhängigkeit zum Gehirn im Sinne der phänomenalen Äußerungsformen, ohne dabei hinter den Kulissen die Übernatürlichkeit aufzugeben. Wir sollten vielmehr darauf bestehen, "dass eine Leugnung der Unsterblichkeit, die sich einfach nur aus der Unkenntnis von Alternativen ergibt, nicht wirklich logisch sein kann. Wie viel mehr müssen wir als Freunde der Wahrheit darauf bestehen, wenn sich die Leugnung auf eine der zentralen Hoffnungen der Menschheit bezieht!" (S. 160 –161)
Mit diesem Aufzeigen der Begrenztheit des hirnphysiologischen Standpunktes in einer Zeit, in der eine solche Auffassung als größte Errungenschaft galt, hat James durch sein Hinhorchen auf die Erfahrungen der Menschen diese aus der Umklammerung einer lebensbegrenzenden Diktion befreit. Wenn nun gerade diese Lebenssinn stiftenden Arbeiten von James mit der vorliegenden Veröffentlichung wieder in Erinnerung gerufen werden, besagt das auch, dass die hirnphysiologische Eingrenzung des Bewusstseins immer noch aktuell, aber ebenso unbefriedigend ist.
Somit ist das vorliegende Buch ein Kleinod der wissenschaftsgeschichtlichen Auseinandersetzung mit der zentralen Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Fortbestand des Bewusstseins. Den Herausgebern und dem Verlag sei Dank! Ein Personen- und Sachregister fehlen.
A. Resch

Breil, Reinhold: Die Grundlagen der Naturwissenschaft. Zu Begriff und Geschichte der Wissenschaftstheorie. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2011, 450 S., ISBN 978-3-8260-4566-0, Brosch., EUR 74.00

Reinhold Breil, seit 2009 Gastprofessor am Humboldt-Studienzentrum für Philosophie in Ulm, versucht in der vorliegenden Arbeit die Wissenschaftstheorie als Methode zur Klärung echter Probleme darzustellen. Im Zentrum dieser Darstellung steht daher der Begriff der wissenschaftlichen Methode, zumal die Methode nach Breil in wissenschaftlichen Theorien dem Sprechen Ausrichtung und Bedeutung verleiht. Dabei sieht er sich in seinen Ausführungen in einer Reihe mit Kant, Frege, Russell, den Neukantianern, den Transzendentalpragmatikern, mit Thomas Nagel, Wagner, Flach und allen, die davon überzeugt sind, am Wahrheitsanspruch der Wissenschaften und am Letztbegründungsanspruch der Philosophie festhalten zu müssen. Letztlich gehe es um die Frage nach Bedingungen und Möglichkeiten der Erkenntnis selbst, weshalb sich die Wissenschaftstheorie mit den Wissenschaften befasst. So unterscheidet er zwischen Wissenschaft als theoretisch bestimmter Wissensform, welche die Produktion von wahren Sätzen, also Erkenntnisse über verschiedene Gegenstandsbereiche zum Ziel hat, und Wissenschaft als praktisch-historischem Faktum der modernen Lebenswelt.
Nach einem kurzen Hinweis auf die Geschichte der Wissenschaftstheorie zeigt Breil in einem ersten Teil, dass der Neopositivismus in seinen verschiedenen wissenschaftstheoretischen Varianten nicht Lösung, sondern Teil der wissenschaftstheoretischen Problemsituation ist. Daher sei eine neue Grundlegung der Wissenschaftstheorie zu unternehmen, welche die Beiträge des Neoempirismus zwar anerkennt, jedoch auf ihre erkenntnistheoretischen Voraussetzungen zurückführt.
In diesem Sinne diskutiert Breil die wissenschaftsphilosophischen Kernprobleme an exemplarisch vorgestellten philosophischen Richtungen wie Neopositivismus, Fallibilismus, Konstruktivismus, Wissenschaftshistorismus und anderen Ansätzen.
Die Schwächen des Neopositivismus, zu dem er den Wiener Kreis, Mach, Carnap, Stegmüller und Popper zählt, liegen darin, dass die Berücksichtigung der logischen Sprachanalyse zwar zu einer klärenden Diskussion der notwendigen Methoden führe, die apriorischen Elemente, die im Anschluss an Kant als "transzendental" bezeichnet werden, aber ausklammert. Der Konstruktivismus, der vernünftig begründete, methodische Anfänge der Wissenschaften sucht, findet seine Grenze an einer unzureichenden Begründung des theoretischen Fundaments. "Wissenschaft ist für den Konstruktivismus nichts anderes als eine Sprache, die konstruktivistisch-orthosprachlich ‚kritisch' wiederholt und dargestellt wird. Doch wovon hängen Geltung, Gegenstandsbezug und Bedeutung der behaupteten Sachverhalte des solchermaßen rekonstruiert Dargestellten ab?" (S.  128) Der Hermeneutik, deren Hauptthema aus wissenschaftsmethodischer Sicht die Substitution der Wissenschaftsmethodologie durch Wissenschaftsgeschichte ist, mangle es an methodisch-strukturellen Bestimmungselementen einer wissenschaftlichen Theorie. Nach diesen Kritikpunkten der angeführten Wissenschaftstheorien belegt Breil den Monistischen Evolutionismus, die Suche nach der Weltformel, den Naturalismus und den sprachanalytischen Ansatz mit dem Prädikat des Mythos, weil es diesen an Realitätsbezug fehle.
Im zweiten Teil sucht Breil Begründungsansätze an Sachproblemen der Naturwissenschaft aufzugreifen und auf ihre Grundlagen zurückzuführen. Dabei geht er von der Feststellung aus, dass Theorie und Praxis zusammengehören. "Weder erschöpft sich das methodische Verfahren der Naturwissenschaften in einer Analyse der experimentellen Bedingungen noch in einer bloßen Analyse der Theoriedynamik und Theoriengeltung." (S. 205) Durch die Analyse der Bedingungen, unter denen ein Gegenstand zu einem wissenschaftlichen Gegenstand wird, sollen experimentelle Methoden und die damit verbundenen Theorien auf eine gemeinsame Grundlage zurückgeführt werden, die ihren Zusammenhalt, ihre Besonderheiten und ihre Bezogenheit aufeinander ermöglichen.
Nach einer eingehenden Beschreibung der Gegenstände, Experimente, Theorien und Naturgesetze wird auf die verschiedenen Begründungen eingegangen, was u. a. nach Breil zu folgenden Konsequenzen führt:
"Keine bloß formallogische Begründung des Empirischen ist zureichend… Die Objekte der Wissenschaften sind als mögliche Objekte der Erfahrung überhaupt niemals evident einfach nur "da"… Die Orientierung an ideellen Konstruktionen und letztlich an der Idee der Wahrheit, garantiert den Wissenschaften ein kritisches Element… Wissenschaftliche Erkenntnis beruht auf der Isolation der Phänomene durch Experiment und Beobachtung. Relevantes wird aus dem Kontext der Erfahrung herausgelöst und untersucht… Wenn Wissenschaften ihre Objekte und die Erkenntnis dieser Objekte spezifischen Methoden verdanken, dann müssen Begriffe eingeführt werden, die sinnvoll durch die entsprechende Methode gefordert werden… Naturgesetze ermöglichen grundlegende Strukturierungen des Gegebenen… Die Analyse der transzendentalen Bedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnis führt zur Erkenntnis des Zusammenhangs wissenschaftstheoretischer und erkenntnistheoretischer Problemstellungen… Der transzendentalphilosophische Reflexionsabschluss erweist sich als Bestandteil einer fundierenden Theorie des Subjekts. Transzendentalphilosophie ist nur möglich als Theorie des Subjekts, seiner unbedingten und bedingten Leistungen und seiner Abhängigkeiten." (S. 417 – 421)
Wie diese Schlussfolgerungen zeigen, versucht Greil Experimente, Lebenserfahrung und Theorie zu verbinden und transzendentalen Prinzipien Raum zu geben, um so einen reinen Empirismus wie einen reinen Subjektivismus auszuschließen und der Wahrheit näherzukommen.
Das Buch ist sehr übersichtlich gestaltet, inhaltlich jedoch herausfordernd. Bedeutsam ist der Versuch, Verabsolutierungen bzw. Grenzen der gängigen Wissenschaftstheorien durch immanente Argumentation aufzeigen, um so eine objektivere Betrachtung wissenschaftlichen Bemühens zu ermöglichen und die Stellung der Philosophie im reflexiven Denken zu untermauern. Ein Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Sachregister beschließen diese anspruchsvolle und herausfordernde Arbeit.
A. Resch

Scharbert, Gerhard: Dichterwahn: über die Pathologisierung von Modernität. München: Wilhelm Fink, 2010, 291 S., ISBN 978-3-7705-5109-5, Brosch., EUR 39.90

Gerhard Scharbert, Kulturwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Freud und die Naturwissenschaften: um 1900 und um 2000", gibt in dieser Arbeit einen Einblick in das künstlerische Schaffen unter Drogen. Den Schwerpunkt bildet das 19. Jahrhundert, als man das Seelische in den Körper verlegte und mit Physiologie und Chemie zu steuern begann.
Die Anfänge sieht Scharbert bereits in der dialogischen Schrift Giordano Brunos, Vom Unendlichen, dem All und den Weltkörpern, mit der Antwort auf die Frage nach dem Verbleib der Ordnung: "Dort, wo die Träume, die Phantasien, die Chimären, die Verrücktheiten sind" (S. 29). Makro- und Mikrokosmos stehen in einer Einheit, wobei alles durch Bewegung bestimmt ist. Dies erlaubte nach William Harveys († 1657) funktioneller Darstellung des Blutkreislaufes und der von Albrecht von Haller (1708 –1777) postulierten Schnittstelle zwischen Anatomie, Biologie und Physiologie, die ganze verworrene Welt des Wahns in eine organische Ordnung zu bringen, nämlich die Nervenkrankheit.
Dieser Einstufung des Wahns als Nervenkrankheit stellte Philippe Pinel (1745 – 1826) bereits 1801 eine Analyse des Sichtbaren gegenüber: "Der Wahnsinn scheint mir vor allem die Aufmerksamkeit wahrer Beobachter aufzufordern, und man kann sich am bessten [sic] in den Irrenhäusern überzeugen, dass Aufsicht, gehörige Ordnung des Dienstes, zweckmässige Uebereinstimmung aller Gegenstände der Gesundheitspflege, glückliche Anwendung moralischer Mittel mit mehr Recht die Arzneywissenschaft ausmachen, als die weithergeholte Kunst zierliche Arzneyformeln zu schreiben" (S. 51).
Auf rein naturwissenschaftlicher Ebene forderte man eine Zusammenführung der Disziplinen von Chemie und Pharmazie, da die chemische Analyse der Körperflüssigkeiten oder der Gewebe zu einem besseren Verständnis von Krankheit und neue Methoden der Therapie beitragen könne. So sah man im Neuropharmakon ein Mittel, welches das Gehirn zur Vorstellungsproduktion und das Vegetativum zur Nahrungsaufnahme bewegt.
Nach Jacques-Joseph Moreau müsse man beim Studium der Krankheiten von der Gesundheit ausgehen und gerade die Bereiche der Physiologie des Schlafes, des Traumes und der Halluzinationen untersuchen, während der Einfluss der körperlichen Funktionen auf intellektuelle Fähigkeiten, Formen des Delirs durch psychoaktive Substanzen, insbesondere von Haschisch, zu erforschen seien. Zudem seien auch die Vererbung und der kulturelle Einfluss zu berücksichtigen. Halluzinationen, die durch den Rausch des Haschisch aufsteigen, sollen mit Buchstaben, Silben, Sätzen korrespondieren, die den Rausch zu beschreiben versuchen. Diese wiederum sind der Vorbote eines Aufzeichnens, dem dämmert, dass die Schwingungen und Schwankungen nicht bloße Abweichungen von der Normalität festhalten, sondern ein Faktum physiologischer Natur selbst.
Im zweiten Teil wird über Wahn und Träume in Gérard de Nervals Erzählung "Aurélia" und vorangegangenen Werken berichtet. De Nerval war nämlich der Einzige, der die im 19. Jahrhundert staunenswerte Fertigkeit besessen haben soll, aus dem Rausch heraus formvollendete Poesie zu improvisieren. Doch sobald diese Erfahrung ihren Niederschlag auf gedruckten Seiten fand, wurde er sehr schnell zum Gegenstand irrenärztlichen Interesses und die Freunde waren alarmiert. Sollen Dichter und Psychotiker nicht zusammenfallen, hieß es später, muss der Reim vom bedruckten Papier verschwinden. Deshalb nennt Baudelaire seine Dichtung vom Haschisch einfach Poème, obwohl sie ausschließlich aus gewählter Prosa besteht. Da sich der Gehörsinn als besonders beeinflussbar durch die Wirkung von Haschisch erweist, ist es zudem nicht verwunderlich, dass Baudelaire von der Musik Wagners tief beeindruckt war.
Fernab der Drogenerfahrungen des vergehenden 19. Jahrhunderts versuchte Stéphane Mallarmé nicht mehr mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen zu denken, indem er eine Erregung des Brustraums hervorrief, bis von ihm selbst nur mehr die schreibende Hand und das schlagende Herz übrig blieb, die den Entwurf eines Gedichtes bewerkstelligten. Allerdings hatten diese Erregungen zwei Jahre später zu einer derartigen Krise von Hand und Gehirn geführt, dass er fällige Briefe nicht mehr schreiben konnte. So zog man diesem psychischen Ansatz weiterhin den Verlust des Ichs durch Drogen vor.
Am Ende des Buches "Dichterwahn" angelangt, hat man das Empfinden, selbst einem Wahn entronnen zu sein. Die Ausführungen sind nämlich mit so vielen Querverweisen versehen und sprachlich so beschrieben, dass man an dichterische Prosa erinnert wird. Die darin verwobene vielfältige Information ist oft nur schwer zu erfassen. Ihre Dynamik fördert jedoch die Neugier, dass man wie in einem dichten Wald, wenngleich mühsam, so doch unentwegt weitergeht, weil jeder Baum einen neuen Reiz birgt.
Ein Anhang mit Abbildungen zur Stereographie von Gérard de Nerval, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister beschließen diese informative Arbeit zum Dichterwahn des 19. Jahrhunderts, vor allem in Frankreich.
A. Resch

Meier, Esther: Handbuch der Heiligen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2010, 400 S., ISBN 978-3-89678-692-0, Geb., EUR 49.90

Das hier von PD. Dr. Esther Meier, ehemals wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Kunsthistorischen Instituten der Universitäten Heidelberg und Dortmund, vorgelegte Handbuch der Heiligen, wendet sich vor allem an kunsthistorisch und theologisch interessierte Leser. Es stellt eine repräsentative Auswahl von 150 Heiligen aus Märtyrern, Mystikern, Visionären, Eremiten, Ordensgründern, Seelenrettern, Büßern und Bekehrten vor, die nach Typen in Gruppen geordnet sind. Jeder Heilige wird anhand eines aussagekräftigen Bildbeispiels erklärt. Wie nämlich die Heiligen von kulturellen Ereignissen beeinflusst sind, so geben im Umkehrschluss die Heiligenverehrung und Ikonografie über die Zeit Auskunft, in der ihr Kult blühte oder auch dahinschwand. So versucht das Handbuch die vielfältigen Verknüpfungen zwischen Heiligen, Ikonografie und Bild aufzuzeigen. Aus diesem Grund ist es auch nicht alphabetisch, sondern in Zeitabschnitten gegliedert.
Der erste Abschnitt umfasst die Zeit vom frühen Christentum bis zur Reformation. Den Beginn der Heiligverehrung verbindet die Autorin mit dem Bericht des Kirchenmannes Gaius (2. Jh.) von einer Gedenktafel des Apostels Petrus in der Nähe des Alten Zirkus von Nero. Die Grabverehrung hatte allerdings den Nachteil, dass sie an einen Ort gebunden war. Der Wunsch, die Kraft der Heiligen auch anderswo zu erfahren, führte zur Entnahme von Körperteilen oder anderen Gegenständen, die mit dem jeweiligen Heiligen in Verbindung standen, was den Reliquienkult und die Pilgerfahren nach sich zog. Damit verbunden ist die Heiligenverehrung, die dann später zur Heiligsprechung und zur Hagiografie führte, musste doch für eine solche ein Heiligenleben vorliegen. Zur Heiligenverehrung kamen nach 400 die Heiligenbilder hinzu, wobei die plastische Darstellung erst im 9. Jh. einsetzte. Mit der Reformation und dem Verdrängen der Heiligenverehrung kam es in den Jahren von 1520 bis 1530 zu Bilderstürmen, bei denen viele wertvolle Darstellungen vernichtet wurden.
Nach dieser kurzen Einleitung, die in einer sehr allgemeinen Form abgefasst ist, folgt die eigentliche Beschreibung der Heiligen, beginnend mit den Märtyrern, die eine erste Gruppe bilden. Sie leiden im Blick auf die Auferstehung ohne Widerspruch. Ihr Todestag ist nach den heutigen Normen auch ihr Gedächtnistag. Die Darstellung der einzelnen Märtyrer endet nach einer kurzen Lebens- und Kultbeschreibung mit der speziellen Charakterisierung, bei Johannes dem Täufer mit: "Johannes ist asketisch hager und trägt üblicherweise einen Kamelhaarmantel. Er ist barfuß, seltener in Sandalen. Seine wichtigsten Attribute sind Lamm, Buch und Stab sowie eine Schale oder Muschel, da er Jesus bei der Taufe daraus Wasser übergoss, und die Schüssel mit seinem Haupt" (S. 27.). In dieser Form werden auch die weiteren Märtyrer dargestellt.
Neben den Märtyrern wurden schon früh die Eremiten verehrt, geschichtlich mit Pachomius an der Spitze. Meistens wurden sie mit einem Bündel von Legenden umgeben, wie insbesondere die berühmte Darstellung des Antonius von Matthias Grünewald zeigt. "Das Attribut des Antonius ist das T-Kreuz, das auf seinem dunklen Mantel aufgestickt sein kann. Üblicherweise aber hat seine Krücke diese Form. Zudem trägt er häufig eine Glocke mit sich, deren Klang die Dämonen vertreiben soll. Ein Schwein verweist auf das Recht der Antoniter, ihre Tiere frei herumlaufen zu lassen" (S. 69). Zu den Eremiten, zu denen nur wenige Frauen gehören, zählt Meier auch Maria Magdalena, weil sie ihre letzten Lebensjahre als Eremitin verbracht haben soll.
Eine weitere Gruppe bilden die Ordensgründer und Ordensangehörigen. Insbesondere die Ordensgründer wurden, wenn schon nicht gleich heiliggesprochen, so doch innerhalb ihrer Gemeinschaft als Heilige verehrt. Der Reigen wird mit Benedikt von Nursia eröffnet und reicht über Franziskus bis zu Bruno von Köln und Franziska Romana.
Zur Gruppe der Visionäre und Mystiker gehört natürlich an erster Stelle der Evangelist Johannes, der Mystik und Vision exemplarisch in sich vereint. Es folgen Cäcilia, deren Leben vor allem mit musikalischen Legenden umwoben ist, Hildegard von Bingen und Brigitta von Schweden; den Schluss bilden Eustachius und Hubertus von Lüttich.
Die Gruppe Helfer für Leib und Seele umfasst auch jene Heiligen, von denen berichtet wird, dass sie beim Sterben versprachen, nach ihrem Tod in Nöten zu helfen. Seit 1200 konkretisiert sich die Hilfe von einer allgemeinen Bitte um Errettung zu einer Bitte um Erlösung aus dem Jenseits. Zu diesen Heiligen zählt die Autorin unter anderen Kosmas und Damian, Florian, Martin von Tours, Genovefa von Paris, Wolfgang von Regensburg, Elisabeth von Thüringen, Walburga, Jakobus d.  Ä., Christophorus und Ottilia von Hohenberg.
Zur Gruppe Heilige Herrscher und Herrscherinnen zählen Konstantin der Große, Helena, Karl der Große, Hedwig von Andechs, Heinrich II. und Kunigunde sowie die Drei Könige.
Der Gruppe Heilige und das Sakrament werden u.a. Ulrich von Augsburg, Barbara und Maria Gravida, Maria als Schwangere zugeordnet.
Unter Heilige und das Bild nennt die Autorin jene Heiligen, bei denen Bildwerke eine große Rolle in der Gottesbeziehung spielten. Dazu zählt Bernhard von Clairvaux II., der an und für sich ein Gegner von Bildern in der Kirche war, persönlich aber eine große Bildbegegnung gehabt haben soll; weiters Katharina von Siena mit ihren zahlreichen Visionen, Veronika, womit in Rom das Bild auf dem Tuch bezeichnet wurde, das sich heute in Manoppello befindet, und Lukas, der nicht nur Arzt und Evangelist, sondern auch Maler gewesen sein soll.
Die Gruppe Heiligengruppen und Gruppenheilige greift die im späten Mittelalter zunehmend auftretende Häufung von Heiligen um den Altar der Kirche und der Fürsprecher auf, die auch besondere Namen erhielten Dazu zählen die Siebenschläfer, die vierzehn Nothelfer, Achatius und die 10.000 Märtyrer vom Berg Ararat, Allerheiligen, die vier Evangelisten, die vier großen lateinischen Kirchenväter und die Dreifaltigkeit. Eine besondere Stellung nimmt schließlich die Heilige Familie ein.
Im Abschnitt Vom Tridentinum bis zur Aufklärung wird zunächst darauf verwiesen, dass das Konzil von Trient an bildlichen und plastischen Darstellungen der Heiligen festhielt, während in den protestantischen Ländern Maler und Bildhauer zusehends arbeitslos wurden. Eine Begründung für die Rechtmäßigkeit der Bilder sah man in den Darstellungen in den Katakomben Roms. Mit der Reformierung des Heiligsprechungsverfahrens ging eine Überarbeitung des Martyrologium Romanum einher, wie Meier näher ausführt. Im Barock wurde schließlich der Heiligenhimmel in die Kirchen geholt. Die einzelnen Heiligen werden auch in diesem Abschnitt in den Gruppen Märtyrer, Ordensgründer und Ordensangehörige, Visionäre und Mystiker, Seelsorger und Seelenretter, Büßer und Bekehrte, die Heilige Familie, beschrieben.
Im dritten Abschnitt, Von der Aufklärung bis zur Gegenwart, wird einleitend darauf verwiesen, dass Aufklärung und Säkularisierung mit ihrer Religionsfeindlichkeit und Kirchenkritik einen weitreichenderen Wandel der Heiligenverehrung und des Bildgebrauchs verursachten als die Reformation. Man suchte nach der wahren christlichen Kunst. Es entstand u.a. die Malerei der Nazarener. Mit dem Erstarken des Marienkultes kamen zugelassene Wallfahrten zu neuer Blüte mit neuen Heiligtümern. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte eine Betonung der Gestalt Christi, was dann nach dem Zweiten Weltkrieg in einen großen Bildverzicht im Sakralraum mündete. Seit den 1980er Jahren ist nach Meier wiederum ein Trend zu verspüren, Bilder in die Kirchenräume zurückzubringen.
Wie aus dieser kurzen Inhaltsangabe hervorgeht, liegt das Besondere an der vorliegenden Arbeit nicht so sehr in der biografischen Darstellung der Heiligen, sondern in der Darstellung ihres kultur-, gesellschafts- und kunsthistorischen Stellenwertes, verbunden mit dem historischen Wandel ihrer Verehrung. Daher ist der Titel "Handbuch der Heiligen" irreführend, zumal die 150 ausgewählten Personen der oben genannten Typisierung dienen und nur einen kleinen Bruchteil der Heiligen darstellen. So sind auch in der Literatur die sechs Bände des Rez. aus der Reihe "Selige und Heilige Johannes Pauls II." gar nicht erwähnt. Der besondere Wert der Arbeit liegt eben gerade in der gebotenen Typisierung und Charakterisierung der Heiligen auf dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Stellung in Verehrung und künstlerischer Darstellung. Um dies auch optisch zu untermauern, sind die Texte und die zahlreichen Schwarz-Weiß-Bilder auf Kunstdruckpapier abgedruckt, wobei diese allerdings in den Tiefen nicht selten die Zeichnung einbüßen. Ein Farbdruck wäre zu kostspielig und für die vorgenommene Charakterisierung der Heiligen auch nicht notwendig.
Ein Glossar, ein Literaturverzeichnis, gegliedert nach Quellen, Nachschlagewerken und Sekundärliteratur, ein Namens- und Ortsverzeichnis sowie ein Verzeichnis der Attribute, jedoch ohne Sachregister, beschließen diese vornehme, einmalige und aufschlussreiche Arbeit.
A. Resch

Van Dijk, Lutz: Auf Leben und Tod: wie in der Welt gestorben wird. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2010, 187 S., ISBN 978-3-579-06875-6, Geb.,EUR 22.95 [D]

Der Schriftsteller Dr. Lutz van Dijk, der bereits durch mehrere Veröffentlichungen in Erscheinung getreten ist, berichtet hier in einer lebendigen Reise um die Welt über Tod und Sterben in den verschiedenen Kulturen. Den Anfang nimmt die Reise in Australien mit Berichten über die Totenkultur der Ureinwohner, denen zufolge Tod und Sterben in einen immerwährenden Kreislauf eingebettet sind. Einen besonderen Stellenwert hat der Tod bei den Ägyptern, wo die größten Bauwerke der Menschheitsgeschichte geschaffen wurden, um den Verstorbenen einen Zugang zum Reich der Toten zu ermöglichen. Im Christentum bildet die Auferstehung der Toten bzw. das Fortleben nach dem Tode von Anfang an, nicht erst seit dem Mittelalter, einen wesentlichen Hoffnungspunkt. Auch hat die Vorstellung von Himmel und Hölle schon vor Augustinus bestanden.
Nach dem Buddhismus, der vor allem im asiatischen Raum weit verbreitet ist, ist alles Leben Leiden und kann nur durch das Rad der Wiedergeburt in Befolgung des heiligen, achtfachen Pfades überwunden werden. Im Hinduismus, dem etwa 95% aller Inder angehören, hat die Wiedergeburt eine ganz besondere Bedeutung, da jedem Menschen sein Platz in der Gesellschaft aufgrund seines vorherigen Lebens festgeschrieben wird. In China sind nach offizieller Version 90% religionslos und glauben nur an den Kommunismus. In Wirklichkeit aber spielen dort die Geister der Verstorbenen eine große Rolle. Eine Wiedergeburt gibt es nicht.
Nach dieser völkerbezogenen Betrachtung von Sterben und Tod befasst sich der Autor mit den damit verbundenen persönlichen Lebenseinstellungen. Für die Agnostiker bleibt die Frage nach Gott und damit auch die Möglichkeit des Fortlebens offen, während für den Atheisten mit dem Tod alles zu Ende ist. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist nach Ländern verschieden. So glauben nach van Dijk in Frankreich 33% weder an Gott noch an eine spirituelle Kraft, in den USA lediglich 7%.
Einen besonderen Einschnitt im Leben bildet der Tod von Kindern, weil die Hinterbliebenen, Eltern wie Geschwister, damit am schwierigsten fertig werden. Einen völlig anderen Aspekt hat das Sterben hingegen im Alter, wie van Dijk weiter ausführt.
Wenngleich die Todesursachen vielfältig sind, so ist die Armut gerade bei Kindern die Hauptursache. Hinzu kommen Infektionskrankheiten, Mord und Totschlag, Selbstmord, Herz- und Kreislaufstörungen. Schließlich soll auch noch die Welt untergehen, durch atomare Selbstvernichtung, Naturkatastrophen oder andere kosmische Ereignisse.
Bei der Darstellung der angeführten Themen verbindet der Autor historische und aktuelle Hinweise mit konkreten Beispielen, welche seine Ausführungen eindrucksvoll untermauern. Ein Anmerkungsverzeichnis, ein Namen- und Sachregister sowie ein Fotonachweis beschließen diese lebendige, erzählende Darstellung von Leben und Tod, die mit einer Reihe von Abbildungen ausgestattet ist.
A. Resch

Fartacek, Gebhard: Unheil durch Dämonen? Geschichten und Diskurse über das Wirken der Ǧinn; eine sozialanthropologische Spurensuche in Syrien. Wien u. a.: Böhlau, 2010, 215 S., ISBN 978-3205-78485-2, Ebr, EUR 39.00

Mag. Dr. phil. Gerhard Fartacek, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Lektor an der Universität Wien, legt hier das Ergebnis einer ausgedehnten ethnologischen Feldforschung zu Unheil durch Dämonen in Syrien vor. In einer ausführlichen Einleitung beschreibt der Autor den Forschungsstand, die methodische Vorgangsweise und die Kriterien der Populationsauswahl, die Datenerhebung und Datenauswertung, verbunden mit Hinweisen zur Theoriengenerierung, sowie die Gütekriterien der Untersuchungen. Was die Untersuchungsgebiete betrifft, so wurden die Erhebungen größtenteils in rural geprägten Dorfgemeinschaften durchgeführt, während Interviews unter Angehörigen von (semi-)nomadisierenden Gruppen lediglich im Rahmen der Fallkontrastierung geführt wurden. In diesem Zusammenhang werden dann die mit den Ǧinn verbundenen Tabus und Rituale sowie deren Bedeutung für das alltägliche und religiöse Handeln auf der Grundlage sozioanthropologischer Theorien analysiert.
Die dafür notwendige Datensammlung in der heutigen Arabischen Republik Syrien, wo neben Arabisch auch Kurdisch, Aramäisch, Armenisch, Türkisch und Tscherkessisch gesprochen wird, stellte schon rein sprachlich eine Herausforderung dar. Zudem sind, wie auf einer Karte dargestellt, 68% der Gesamtbevölkerung sunnitische Muslime, 12% Christen und die restlichen 20% verteilen sich auf Alawiten, Drusen und Ismaeliten. Dazu kommen noch kleinere Sprach- und Religionsgemeinschaften wie die Jeziden.
Den eigentlichen Inhalt des Buches bilden die Geschichten und Diskurse über das Wirken der Ǧinn, der Geister und Dämonen. Mit Hilfe von exemplarischen Beispielfällen wird dabei der Versuch unternommen, einen ethnographischen Überblick über die verschiedenen Formen von Geistern und Dämonen zu geben und auf die Wirkung des Bösen Blickes einzugehen, der im Untersuchungsgebiet meist als ῌasad (Neid) bezeichnet wird. Zudem wird das Phänomen der sog. Kabsa, einer Art "übernatürlichen Krankheit" und der Schwarzen Magie beschrieben. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Frage, an welchen Orten, zu welchen Zeiten und bei welchen Handlungen die Ǧinn und damit verwandte Phänomene auftreten und auf welche Art und Weise dadurch das Alltagsleben der Menschen in der syrischen Peripherie geprägt wird.
Bei der konkreten Durchführung der Feldforschung kamen verschiedene Arten von Interviews und Diskussionen zum Einsatz, um einschlägige Geschichten und Diskurse über die Ǧinn und deren Wirkung zu sammeln. So lautet ein Bericht: "Gott formte den menschlichen Körper aus feuchtem Lehm. Nachdem er dies vollendet hatte, blickte er der Statue ins Angesicht. Er nahm sie und blies ihr den Lebensgeist [rüh] ein. Um dem menschlichen Leben Respekt zu zollen, befahl Gott allen Geistwesen, sich vor dem Menschen niederzuwerfen. Einer widersetzte sich. Sein Name war Iblīs. Dieser sprach zu Gott: ,Warum sollte ich mich vor dem Menschen niederwerfen? Ich bin aus Feuer, und ihn hast Du aus feuchtem Lehm geschaffen. Und das Feuer ist viel wertvoller! Das Feuer ist der Erde übergeordnet! Nein, vor diesem Adam werde ich mich ganz sicher nicht nieder­werfen!' Gott wurde zornig und warf Iblīs aus dem Paradies. Letzterer schwor Rache und wurde zum Vater aller Ǧinn." (S. 55)
Neben diesen Befragungen wurden auch sozialanthropologische Überlegungen zur Relevanz des Dämonenglaubens für das Volk in der syrischen Peripherie angestellt.
Nach Fartacek belegen seine Untersuchungen, dass vor allem unter den Sunniten personalisierte Dämonen eine besonders wichtige Rolle spielen. Sie treten in erster Linie dort in Erscheinung, wo Arabisch gesprochen wird, während sich die kurdisch-sprachige Bevölkerung und ebenso die Alawiten, Drusen und Ismaeliten davon abzugrenzen scheinen. Demgegenüber finden sich bei Christen, insbesondere in ländlichen Gebieten, zahlreiche Erzählungen vom Auftreten personifizierter Dämonen, bisweilen sogar mit Koranzitaten belegt.
Die Untersuchung hat ferner gezeigt, "dass der sogenannten Dämonenglaube nicht ‚isoliert', für sich alleine genommen, untersucht werden kann, sondern als fixer Bestandteil eines in sich weitgehend kohärenten Weltbildes analysiert werden muss" (S. 187). Begegnungen mit Ǧinn werden überall dort vermutet, wo etwas aus der bestehenden Ordnung fällt. Dabei werden die personalisierten Dämonen als "Mahner" empfunden, die dort erscheinen, wo Menschen vom "geradlinigen Weg" abkommen.
Überblickt man am Schluss noch einmal die Ausführungen dieser Arbeit, so kann man sagen, dass es sich um einen sehr aufschlussreichen Forschungsbericht handelt. Neben der übersichtlichen Einführung in die Untersuchungsmethoden beeindrucken besonders auch die zahlreichen Fallbeispiele, die in ihren Aussagen erst so richtig verständlich machen, was unter Ǧinn zu verstehen ist und inwieweit Volksglaube und Volksverhalten dadurch geprägt werden. Das vermittelt zudem einen Einblick vor allem in die sunnitische Lebensgestaltung und Vorstellungswelt bei der ruralen Bevölkerung in Syrien. Die Darlegungen werden ferner durch zahlreiche Grafiken und 32 Farbbilder aufgefächert und bereichert. Ein Literaturverzeichnis, Bemerkungen zur Transliteration und Transkription sowie ein Glossar beschließen diese fundierte und einmalige Arbeit. Ein Personen- und Sachregister hat man sich allerdings erspart.
A. Resch

Reiter, Peter: Der Seele Grund: Meister Eckhart und die Tradition der Seelenlehre. Neuaufl. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1993 (Epistemata: Würzburger Wissenschaftliche Schriften: Reihe Philosophie; 139), 559 S., ISBN 978-3-88479-807-2, Brosch., EUR 55.00

Die hier vorliegende Neuauflage der 1993 erfolgten Veröffentlichung von "Der Seele Grund: Meister Eckhart und die Tradition der Seelenlehre" ist die Doktorarbeit von Peter Reiter. Es geht dabei nicht nur um die Frage der Seele und ihrer Beziehung zu Gott im Mittelpunkt des ganzen Denkens von Meister Eckhart, sondern auch um seine Stellung als Philosoph, Theologe und Mystiker.
Wer Eckhart und seine schwierige Lehre vom Seelengrund verstehen will, muss zunächst bedenken, dass für ihn Erkenntnis kein bloßes äußeres Annehmen und Übertragen, sondern letztlich ein Seinszustand ist, der durch Angleichung des Wesens des Menschen an die gegebene Wahrheit bis hin zur Vereinigung mit ihr entsteht.
"Und dies ist immerfort und meine ganze Klage, dass grobsinnige Leute Gottes Geistes bar sind und nicht davon besitzen, nach ihrem groben menschlichen Verstand beurteilen wollen, was sie hören oder lesen in der Schrift, die gesprochen und geschrieben ist vom Heiligen Geist" (DW 5.487 M43). Der wirklich erkennende Mensch "hat" nicht, sondern "ist" die Wahrheit, so wie der Gerechte bei Eckhart Gerechtigkeit ist. Die Seele erfasst nämlich all unser Tun.
"Warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle unsere Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch geworden… Ich würde sagen, darum, auf dass Gott in der Seele geboren werde und die Seele (wiederum) in Gott geboren werde" (DW 2, 679 M 227-28).
Dieses Einswerden des Seelengrundes mit dem Grund Gottes ist daher auch der zentrale Inhalt der Werke Eckharts. Sie werden üblicherweise in ein lateinisches Werk, welches mehr den Geist scholastisch-theologischer Gelehrsamkeit atmet, und in ein deutsches mit seinen Predigten, Traktaten und Verteidigungsschriften eingeteilt. Dabei wird seine Lehre von der Seele am offensten und auch kühnsten in seinen Predigten ausgesprochen. So kann nach Reiter als Ergebnis seiner Untersuchung festgehalten werden: "dass, was wir heute gemeinhin als Eckharts Philosophie oder Lehre ansehen, und der Einfluss auf die folgende Philosophie, Theologie, auf die mystischen Strömungen wie auch auf das Denken und Wissen unserer Tage, nur auf Eckharts deutschem Werk basiert" (S.  43) Dabei ist noch zu bemerken, dass Eckharts Originalsprache nur von Geübten zu verstehen ist, weshalb der Autor, mit wenigen illustrativen Ausnahmen, die Texte in der heutigen Sprache bringt. Neben dieser sprachlichen Erleichterung versucht Reiter das inhaltliche Verständnis über eine Textinterpretation hinaus durch das Aufdecken von Anleihen und Anregungen aus der Geschichte und den Hinweis auf die Nachhaltigkeit Eckharts bis in die gegenwärtige Geistesgeschichte zu erhellen.
Die geistesgeschichtlichen Impulse findet Reiter in der Stoa, in der platonisch-neuplatonischen Strömung, in der Lehre von der Seelenspitze bei Proklos, in der negativen Theologie bei Dionysius, in der Seelenlehre des Augustinus, in der Gottesgeburt und im Seelenfunken in der Patristik sowie im frühen Mittelalter, in der Scholastik, bei Richard und Hugo von St. Viktor, bei Bonaventura und der franziskanischen Mystik, im Einfluss von Aristoteles und Thomas von Aquin, bei Maimonides und dem jüdischen Einfluss wie in der Beziehung zu Dietrich von Freiberg.
Nach dieser Ausleuchtung des geschichtlichen Hintergrundes folgt die Darlegung des Seelenbegriffes bei Eckhart, der nicht immer eindeutig ist, sondern einerseits den unter "Geist" stehenden Seelenbereich, andererseits aber die Gesamtheit von Seele und Geist, am häufigsten jedoch die Seele im engeren Sinn als Geistseele beinhaltet. "Geistige Dinge und körperliche Dinge können nicht (miteinander) vereint sein. Soll göttliche Vollkommenheit in der Seele wirken, so muss die Seele ein Geist sein, wie Gott ein Geist ist" (DW 3.590 M.469). Dieser Geist als reiner Intellekt ist der tragende Urgrund allen Seins, während der Gottesgrund die "reine Seinsheit" beinhaltet.
Diese Eigenart des Seelenbegriffs bei Eckhart fasst der Autor am Schluss seiner Abhandlung in der Sprache Eckharts wie folgt unübertrefflich zusammen:
"Gegen die ‚opinio communis' jener, ‚die noch nie in den Grund gekommen sind' (Vgl. Q.423), fordert E. die Seele zur Erlangung ihrer Vollkommenheit und Seligkeit (DW 2.696 M.309) auf, dieses Einssein im Grund, damit die Gottesgeburt, die Vereinigung mit Gott und das ‚Heimkommen' zum Innegebliebenen der Seele zu vollziehen, und zwar im ‚Durchbruch' mittels der Hinwendung der Vernunft einzig zu ihrem Innersten, zu jenem reinen intellectus des und zugleich ihres Grundes – also durch Übergehen der noch ‚suchenden Vernunft' in die wesenhafte, reine ‚andere Vernunft, die da nicht sucht, die da in ihrem lauteren, einfaltigen Sein steht, die sich selbst ein lauteres Licht ist' (DW 3.544 M.215) – durch geistiges Abscheiden, Abkehr von Objekten, ‚Vergessen aller Dinge und Bilder' (Q.420); durch Schweigen, ‚in Finsternis stehen', Bildlosigkeit und Stille" (S. 544).
Wer sich also in der Seele Grund und damit in die die Vorstellungswelt von Meister Eckhart vertiefen will, findet in diesem Buch einen hilfreichen Einstieg – zum einen durch die geschichtliche Einbettung, zum andern durch die breitgefächerte Klärung des Seelenbegriffes bei Eckhart mit steter Untermauerung durch Originaltexte.
Zu kritisieren verbleibt für den Rez. nur das Fehlen eines Abkürzungsverzeichnisses, welches man erst mühsam im Text suchen muss, sowie das Fehlen eines Personen- und Sachregisters. Formell positiv ist hingegen die Hervorhebung wichtiger Inhalte zu bewerten. Doch, abgesehen von diesen kleinen formellen Mängeln, ist die Arbeit ein echter Beitrag zum Grundverständnis der Ureigenheit von Meister Eckhart, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
A. Resch


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