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Bohlken, Eike / Christian Thies (Hrsg.): Handbuch der Anthropologie. Der
Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 2009, VII, 460 S., ISBN 978-3-476-02228-8, Geb., EUR 49.95
Die vorliegende Arbeit versucht einen Überblick über die vielfältigen Kenntnisse und die einschlägigen Vorstellungen vom Menschen zu gegeben, eben eine Anthropologie. Diese, ursprünglich fast ausschließlich theologisch und philosophisch bedacht, hat sich seit dem 19. Jahrhundert in eine Vielzahl von Richtungen aufgeteilt, wie historische, literarische, medizinische, pädagogische, philosophische, biologische usw. Eine derart vielfältige Sichtweise hat allerdings auch dazu geführt, dass man den Menschen in seiner Ganzheit aus dem Blick verlor, sodass von Anthropologie kaum noch die Rede ist. Daher sprechen die beiden Herausgeber, Eike Bohlken und Christian Thies, von integrativer Anthropologie als Zusammenführung der verschiedenen Disziplinen zu einem umfassenden Mosaik Mensch, zumal in der Vielschichtigkeit der Betrachtungen von einem eigentlichen Menschenbild nicht mehr die Rede sein kann. Der Mensch wird in diesem Buch daher in seiner Natur, Kultur und Technik beschrieben.
Nach einem kurzen Bericht über die Geschichte der Anthropologie von den metaphysischen Ansätzen bis zur rein empirischen Betrachtung beschreiben die Autoren das Konzept ihres Handbuches der Anthropologie. Dieses fußt auf einem universalistischen, transkulturellen Verständnis von Wissenschaft, wobei sie die genannten Aspekte Natur, Kultur und Technik angemessen zu ihrem Recht kommen lassen.
Nach der Einleitung (Teil I) werden in Teil II die sogenannten Klassiker der Anthropologie von der Aufklärung bis zur Gegenwart von einzelnen Fachautoren in ihrer Bedeutung für die Anthropologie vorgestellt, nämlich: Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Charles Darwin, Karl Marx, Sigmund Freud, Marcel Mauss, Ernst Cassirer, Max Scheler, Martin Heidegger, Helmuth Plessner, Norbert Elias, Arnold Gehlen, Claude Lévi-Strauss, Clifford Geertz und Michel Foucault. Diese Auswahl ist, wie die Autoren einleitend bemerken, etwas willkürlich und enthält auch Gegner der Anthropologie, wie Karl Marx, Sigmund Freud oder Norbert Elias, doch finden sich in ihren Werken wichtige anthropologische Gedanken. Auffallend ist das völlige Fehlen von Vertretern der theologischen Anthropologie.
Auf diesen historisch-biografischen Abschnitt folgen in Teil III systematisch ausgerichtete Artikel zu einigen Grundthemen, Forschungsansätzen und Disziplinen der Anthropologie: Behaviorismus; Enhancement, Entwicklungspsychologie, Ethnologie, Evolutionspsychologie, Hirnforschung, Historische Anthropologie, Kognitivismus, Kulturphilosophie, Künstliche Intelligenz /
Künstliches Leben, Literarische Anthropologie, Medizinische Anthropologie, Pädagogische Anthropologie, Paläoanthropologie, Phänomenologie, Philosophische Anthropologie, Pragmatismus, Primatologie, Soziobiologie, Theologische Anthropologie, Tiefenpsychologie, Transhumanismus und Verhaltensgenetik. Diese Beiträge umfassen ein breites Spektrum der Anthropologie und veranschaulichen, was die Autoren unter integraler Anthropologie verstehen. Einzelne Themen wie Strukturalismus oder Existentialismus kamen bereits in Teil II zur Sprache, weshalb man die Themenwahl als umfassend bezeichnen kann.
In Teil IV werden 41 Grundbegriffe der Anthropologie dargestellt, wobei vor allem politikwissenschaftliche, soziologische und historische Aspekte zur Geltung kommen, als da sind: Aggression, Alter, Anerkennung, Animal rationale, Arbeit, Bewusstsein, Emotionen, Empathie, Entfremdung, Erinnerung / Gedächtnis, Familie, Freiheit, Geschlecht, Gesundheit / Krankheit, Homo faber / Technik, Homo oeconomicus, Homo sociologicus, Identität, Kindheit, Kunst, Lachen und Weinen, Leib / Leiblichkeit, Lernen, Macht, Menschenwürde, Mode, Moral, Person, Rausch, Religiosität, Rituale, Schrift, Sexualität, Sinne, Speziesismus, Spielen, Sprache, Tod, Unmenschlichkeit, Zeit, Zoon politikon. Die Begriffe decken ein breites Feld der Eigenschaften und Handlungsformen des Menschen ab. Vermisst wird der Begriff Ethik und neben dem Homo faber müsste vor allem auch noch der Homo ludens stehen, da der "spielerische Mensch" heute den Homo faber um Längen übertrifft. Doch das sind Randbemerkungen.
Die einzelnen Beiträge, zum Teil von renommierten Fachkollegen, sind durchwegs flüssig, sachbezogen und allgemein verständlich geschrieben, wenngleich einzelne Themen, wie z. B. der Begriff Bewusstsein, auf vier Seiten lediglich angeschnitten werden können. Dennoch geben die angeführten Beschreibungen einen sehr plastischen Einblick in Definition und Geschichte der genannten Begriffe. Außerdem bekunden sie die Vielschichtigkeit der Natur, Kultur und Technik des Menschen, wie man dies in der dargebotenen Form und Vielfalt sonst nicht findet. Bedeutsam sind ferner die zu jedem Beitrag angeführten Literaturangaben, die zu einer weiterführenden Beschäftigung einladen.
In einem Anhang finden sich kurze biografische Daten der Herausgeber und Autoren. Besonders wertvoll ist neben dem Personenregister das Sachregister, das einen gezielten Zugriff auf einzelne Themen ermöglicht.
Insgesamt macht das Buch in Inhalt und Form einen sehr angenehmen Eindruck. Man kann es jedem empfehlen, der einen breiteren Blick in das heutige Verständnis und wissenschaftliche Bemühen um den Menschen werfen will. Es geht dabei nicht um fertige Menschenbilder oder um fixe Handlungs- und Lebensrezepte, sondern um eine beschreibende Darlegung, dessen, was man heute zum anthropos, dem Menschen, zu sagen hat und sagen kann.
Den Herausgebern und Autoren und nicht zuletzt dem Verlag gilt der Dank für die saubere Arbeit, aber auch für den Mut, ein solches Thema aufzugreifen, ist doch nicht nur die Anthropologie, sondern der Mensch in seiner Ganzheit in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergrund geraten.
A. Resch, Innsbruck
PHILOSOPHIE
Hénaff, Marcel: Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Philosophie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009, ISBN 978-3-518-58518-4, 635 S., Geb., EUR 39.80
Als eine Gesandtschaft der Anemolier Amaurotum, die Hauptstadt der Utopier, erreicht – die hohen Würdenträger zum Staatsbesuch mit Gold und Silber reichlich geschmückt –, erwartet sie eine herbe Enttäuschung: Die Einwohner Utopias, die Gold und Silber nur für ihre Nachttöpfe, das Spielzeug ihrer Kinder und die Fesseln ihrer Sklaven benutzen und von materiellem Reichtum nicht viel halten, die ohne jeden Prunk und untereinander ohne Geld auskommen, überschütten die hohen Herren mit Spottgelächter – so lange bis diese, beeindruckt von den Sitten der Utopier, beschämt die Zeichen ihres Reichtums ablegen und bei den Utopiern in die Lehre gehen.
So und anders karikiert Thomas Morus in seiner Utopia die Macht des Reichtums und steht damit in einer langen Reihe von philosophischer Kritik am Mammon, die schon bei Sokrates beginnt. Spätestens seit Aristoteles die nützliche Haushaltungskunst, die "Ökonomie", abtrennte von der "Chrematistik", dem Streben nach dem Geld um des Geldes willen, gehört die Skepsis gegenüber den Verlockungen des magischen Tauschmediums bei den Gelehrten zum guten Ton. Geld und Philosophie – es ist offenbar eine unglückliche Beziehung, deren Geschichte Marcel Hénaff in seinem 2009 auf Deutsch erschienenen Buch aufarbeitet, ähnlich heikel wie die Liaison zwischen dem Geld und der Kunst oder dem Geld und der Religion, die als Nebenerzählungen in seiner Untersuchung mitlaufen. Zwar ist heute Bezahlung im Bereich von Wissenschaft und Kunst üblich und die Maßstäbe der Ökonomie sind in mannigfacher Form in die Welt des Schönen, Wahren und Guten eingedrungen. Trotzdem gibt es bis in unsere Zeit ein Unbehagen gegenüber dieser Verbindung von Geld mit Tätigkeiten, in denen es um Wahrheit geht – und um den Menschen; besteht doch laut Kant seine Würde gerade darin, kein Äquivalent zuzulassen, mithin über jeden Preis erhaben zu sein. Doch handelt es sich bei dieser Aversion gegen das Geld um die übliche kulturkritische Polemik oder verbirgt sich mehr dahinter? Betrachten wir zunächst den Begriff des Geldes, wie Marcel Hénaff ihn einführt.
Etwas, das kein Äquivalent hat, ist in der universellen Logik des Geldes nicht vorgesehen. Seine Bestimmung besteht gerade darin, alles miteinander vergleichbar zu machen, indem es jede qualitative Besonderheit eines Gegenstandes nivelliert und auf einen quantitativen Ausdruck bringt. Geld kann als Substitut für schlechthin alles fungieren, es hat "die Macht, alles zu verwandeln" (29) und somit erlaubt es auch die Bezahlung der wissenschaftlichen, künstlerischen, schriftstellerischen Tätigkeit – womit wir wieder bei dem Unbehagen angelangt wären, das sich angesichts der Verbindung von Geld und Erkenntnis, Wahrheit und Gewinnstreben einstellte.
Aus diesem Unbehagen heraus fragt Marcel Hénaffs Studie nach der Beziehung zwischen Wahrheit und Geld. Ausgehend von der sokratischen Skepsis gegenüber dem Geldbesitz und Platons Kritik an der Lohnforderung der Sophisten verfolgt er dieses Thema bis in gegenwärtige philosophische Debatten und stellt sich der Frage, ob und wie sich heute noch sinnvoll von bestimmten Gütern sagen lässt, sie könnten oder dürften nicht mit dem Maßstab des Geldes gemessen werden. Dazu ordnet er die Frage nach der Wahrheit in die Traditionslinie einer Ordnung ein, die sich der wirtschaftlichen Tauschlogik entzieht, nämlich derjenigen der Gabe. Diese andere Ordnung des Austauschs, die weder als Vorform noch als simple Alternative zum Handel zu verstehen ist, liefert den Hintergrund, vor dem Hénaff den Siegeszug des ökonomischen Tausches, dessen universelles Werkzeug das Geld ist, verfolgt. Er orientiert sich dabei an Marcel Mauss, der die Gabenbeziehung in seinem berühmten Essai sur le don erstmals systematisch ausgewertet hat und dessen Gedanken in Soziologie und Philosophie in Frankreich seit den 1990er-Jahren verstärkt diskutiert werden. Aus dem weiten historischen Bogen, den Hénaffs Text beschreibt, darf man jedoch nicht darauf schließen, die symbolische Ordnung der Gabe sei nur eine historische Erscheinung: "Das, was keinen Preis hat, bleibt allgegenwärtig. Es ist nicht die Vergangenheit der Handelsbeziehung; es ist weder ihre archaische Form noch ihre Alternative; es weist eine andere Ahnenreihe auf und entspricht anderen Forderungen." (37) In einem Parforceritt führt Hénaff den Leser durch die gesamte Philosophiegeschichte hindurch, wobei man freilich nicht bei jedem Text, der gestreift wird, eine erschöpfende Interpretation erwarten darf. Dafür glänzt das Buch mit feinsinnigen Beobachtungen zu den oft verborgenen Quellen unseres Denkens, die gerade dort, wo sich der Text mit Andeutungen begnügt, zum Weiterdenken reizen.
Der erste Teil des Buches setzt mit Platons Vorwurf an die Sophisten ein, sie verkauften Wissen für Geld. Wenn Sokrates die Bezahlung für seinen Unterricht ablehnt, dann mit der Begründung, das Lehrer-Schüler-Verhältnis werde von anderen Regeln bestimmt als das Verhältnis des Verkäufers zum Käufer. In den Regeln des Umgangs zwischen Lehrer und Schüler, die auf Dankbarkeit und Anerkennung beruhen, sieht Hénaff nun einen Hinweis auf das Verhältnis, das in traditionellen Gesellschaften durch die Gabe konstituiert wird. Das zweite Kapitel widmet sich daher der Welt der Gabe und ihren Modifikationen, wobei die Phänomene des Opfers, der Schuld und der Gnade hinzukommen. Zuerst wird die zeremonielle gegenseitige Gabe beschrieben, die Mauss im Hinblick auf Austauschpraktiken im Pazifikraum und in Nordamerika untersucht hat. Kurz gesagt, geht es im Handelsaustausch um den Erwerb von Gütern, die in einer arbeitsteiligen Gesellschaft produziert wurden, in der zeremoniellen Gabenbeziehung dagegen um das Etablieren einer sozialen Beziehung, eines Anerkennungsverhältnisses mithilfe eines rituellen Gabenaustausches. Hénaff warnt vor zwei Missverständnissen der Gabenbeziehung. Die zeremonielle Gabe ist weder moralisch noch ökonomisch zu verstehen, "weder ein gewinnbringender Tausch noch eine bloße wohlgefällige Opfergeste" (170), sondern ein "Verfahren der Anerkennung unter Menschen" (579).
Nun etabliert sich neben dem Gabentausch unter Clans ein anderes System, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Göttern geht. Diese vertikale Gabenbeziehung wird in manchen traditionellen Gesellschaften durch das Opfer geregelt. Mit der Opfergabe ist aber die Übernahme einer Schuld verbunden, die auf dem Gedanken beruht, der Mensch habe sich an der ursprünglichen Gabe der Natur vergangen, indem er sie sich unterwarf. Die monotheistische Religion nennt den Geber der immerwährenden, unendlichen Gabe, der gegenüber wir schuldig sind, schließlich "Gott", und seine Gunst der einseitigen Gabe "Gnade". Das horizontale System der gegenseitigen rituellen Gabe verschwindet damit zugunsten des Gedankens einer einseitigen, von einer transzendenten Macht stammenden, senkrechten Gabe. In einer interessanten Auseinandersetzung mit Max Weber beleuchtet Hénaff, wie der Protestantismus sich auf der Ebene der sozialen Gemeinschaft von der Idee einer gegenseitigen Gabenbeziehung auf Grundlage der caritas löst und die Erwiderung auf die göttliche Gnade zu einer Frage des Individuums macht. In der Neuzeit verbinden sich dann "auf der einen Seite eine Spiritualisierung der Gabe, auf der anderen eine Ausdehnung des utilitaristischen Tauschs" (378), der die zwischenmenschlichen Beziehungen ökonomischen Maßstäben unterwirft. Was in der modernen Praxis von der Gabe übrig bleibt, ist nicht mehr Teil einer ritualisierten Austauschbeziehung, sondern ein Akt der persönlichen Moralität im Sinne eines großzügigen Geschenks, das keine Gegengabe erwartet.
Der Preis der Wahrheit lässt sich schon als Einführung in die Problematik der Gabe mit Gewinn lesen. Es lohnt sich aber auch, der Frage nach dem Verhältnis von Geld und Wahrheit weiteres Nachdenken zu widmen. Ein großes Verdienst Hénaffs besteht darin, das Geld als genuin philosophischen Gegenstand wie die Technik oder die Sprache zu exponieren. So kritisch er die moderne Hegemonie des Ökonomischen auch betrachtet, so ist die philosophische Auseinandersetzung mit dem Geld doch wichtig, um es auch nicht zu unterschätzen. Der dritte Teil behandelt folglich die Welt des ökonomischen Tauschs und des Handels und die Rolle, die das Geld dabei spielt. Das Geld erlaubt es, im Austausch nützlicher Güter gerechte Äquivalente festzusetzen, es regelt aber nicht die Anerkennung der Partner untereinander. Dafür gibt es in der Moderne den Vertrag als Antithese der zeremoniellen Gabenbeziehung, der aber nicht ihren persönlichen Charakter hat. Das soziale Band, das der gegenseitige Gabenaustausch stiftet, ist im modernen Staat nur noch rein formal vorhanden. Hiermit ist Hénaff bei der Frage nach der sozialen Integration im modernen Rechtsstaat angelangt, aber auch bei ethischen Fragen der Anerkennung des Anderen. Das Buch beschließt daher u. a. ein Ausblick auf die Ethik des Anderen bei Emmanuel Levinas. An diese Fragen, welche die Perspektive des Buches auf gesellschaftliche Zusammenhänge ausweiten, lässt sich sowohl von Seiten der Ethik als auch der Soziologie gewinnbringend anknüpfen.
Annika Schlitte, Eichstätt
Honneth, Axel / Beate Rössler (Hrsg.): Von Person zu Person. Zur Moralität persönlicher Beziehungen. Frankfurt / M.: Suhrkamp, 2008 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1756), 361 S., ISBN 978-3-518-29356-0, Tb, EUR 13.00
Der Frage "wer wir sind und wie wir leben wollen" [S. 24], möchten sich Axel Honneth und Beate Rössler mit der Aufsatzsammlung "Von Person zu Person. Zur Moralität persönlicher Beziehungen" annähern, indem unser praktisches Selbstverhältnis dort beleuchtet wird, wo es sich im Verhältnis zu anderen Personen befindet und entwickelt. Betrachtet werden die Beziehungen der Liebe, der Freundschaft, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sowie im Rahmen der Familie.
Zu jedem dieser Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen finden sich jeweils zwei Aufsätze, in denen kontroverse Perspektiven aufeinandertreffen, die zu einer weiterführenden Diskussion einladen. Vorab erörtern Honneth und Rössler die Grundbegriffe und den Stand der aktuellen philosophischen Debatten über die Rolle interpersonaler Beziehungen in Moral und Ethik, die insbesondere in den Entwicklungen der angewandten Ethik, der Tugendethik, des Kommunitarismus und der Fürsorgeethik zentral geworden sind. Dabei eröffnen sich Spannungen zwischen erklärenden Motiven und rechtfertigenden Gründen von Handlungen, zwischen der Universalität abstrakter moralischer Regeln und der Partikularität ihrer Anwendung in konkreten Situationen, sowie Fragen nach besonderen Pflichten, Erwartungen oder Rechten innerhalb bestimmter Beziehungen. Honneth und Rössler skizzieren drei Modelle des Umgangs mit diesen Problemstellungen: Persönliche Beziehungen werden entweder als Ausdruck moralischer Beziehungen verstanden; es wird angenommen, dass persönliche Beziehungen in moralischen verankert sind; oder aber persönliche Beziehungen werden als Widerspruch und im Konflikt zu moralischen Beziehungen aufgefasst. Mit der Darstellung dieser Modelle, bieten die Herausgeber dem Leser ein hilfreiches Instrumentarium, um die folgenden Beiträge zu den verschiedenen Beziehungsformen nicht nur inhaltlich zu verstehen und in ihren Positionen zu verfolgen, sondern in ihnen Muster verschiedener Arten des moralischen Denkens zu erkennen.
Eingeleitet ist zudem jedes Themenfeld durch eine kurze Einführung einer der beiden Herausgeber (von Axel Honneth zu Liebe und Freundschaft, von Beate Rössler zu Eltern und Kindern sowie zur Familie), die jeweils sehr prägnant auf die zentralen Fragestellungen und Perspektiven der folgenden Aufsätze verweisen und dabei zum Teil eingängig durch ein kleines Beispiel aus der Literatur oder dem Film illustriert sind, ohne zu viel von dem vorwegzunehmen, was folgt. Die Wahl der narrativen Beispiele ist kein Zufall, da die Thematik der Lebensgeschichtlichkeit in fast allen Positionen als ein zentraler Aspekt sowohl der individuellen Identität und des Selbstverständnisses von Personen als auch der Beziehungen zwischen Personen herausgearbeitet wird, die sich in Lebensverläufen entwickeln und nicht auf spontane Begegnungen zu reduzieren sind. Was hier als persönliche Beziehung verstanden und untersucht wird, impliziert stets eine Bindung, die über einen flüchtigen Händedruck hinausgeht. Diese Voraussetzung prägt auch die Leitfrage nach der Moralität persönlicher Beziehungen, nach den Verpflichtungen und Erwartungen die sich aus dem Zusammen-Leben in seinen verschiedenen Formen ergeben. Vorangestellt ist dementsprechend den Abhandlungen über die verschiedenen Beziehungstypen eine allgemeine Reflexion Samuel Schefflers über "Beziehungen und Verpflichtungen" [S. 26 –51]. Schefflers Aufsatz bietet einen ersten Überblick über die Problematik der Begriffe "Beziehungen", "Verpflichtungen" und der Idee eines Handelns aus Gründen. Besitzt beispielsweise ein Ehemann die Verpflichtung bei einem Schiffsunglück vor anderen gefährdeten Personen zunächst seine Frau zu retten? 1 Setzt hier die Partikularität einer Beziehung zwischen Individuen einer kantisch geprägten unparteiischen Moral ihre Grenzen? Oder lassen sich die Parteilichkeit, die insbesondere die Liebe einfordert, und die Universalität moralischer Maßstäbe durchaus verbinden? Dem Vorhaben eines solchen Drahtseilaktes zwischen der kantischen Universalisierung und dem Bedürfnis, als man selbst in seiner Individualität geliebt zu werden und zu lieben, widmet sich J. David Velleman in seinem Aufsatz "Liebe als ein moralisches Gefühl" [S 60 –104]. Velleman gelingt es, die Liebe zur kantischen Achtung vor Gesetz und Person parallel zu setzen, ohne ihre phänomenologische Fülle zu ignorieren. In der Achtung und in der Liebe geht es für Velleman gleichermaßen um die Anerkennung der Würde der anderen Person, welche wiederum in ihrer reziproken Befähigung zur Würdigung und Wertschätzung besteht und in ihrer Fähigkeit der Würde aller anderer Personen durch das Handeln gemäß dem moralischen Gesetz gerecht zu werden. Im Unterschied zur Achtung, die hierfür die Orientierung an unseren eigenen Interessen hemmt, hemmt die Liebe unseren emotionalen Selbstschutz und macht uns zur Hingabe und Offenheit gegenüber dem anderen fähig. Geht es hierbei um einen universalen Liebesbegriff, so betrachtet Neil Delaney in seinem Aufsatz "Romantische Liebe und Verpflichtung aus Liebe. Die Artikulierung eines modernen Ideals" [S. 105 –140] die Liebeserwartungen von Personen in einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kulturkreis. Wir erwarten, so Delaney, gerade nicht immer ‚als Person' und allein ‚um unser selbst willen' geliebt zu werden, sondern wir erwarten in unserem Selbstbild und den Kerneigenschaften, die wir uns zuschreiben, bestätigt und erkannt zu werden. Der Übergang von der romantischen Liebe zu einer Verpflichtung gegenüber dem anderen erfolgt dann unter anderem auch aufgrund der gemeinsam erlebten Geschichte. Zwar differenziert Delaney, dass eine Person auf Grund ihrer Eigenschaften zu lieben eben nicht bedeutet, diese Eigenschaften, sondern immer noch diese Person zu lieben. Offen bleibt allerdings, was die Person für Delaney eigentlich ist, wenn nicht der Träger ihrer Eigenschaften. Velleman entwickelt zwar einen klaren Personenbegriff, reflektiert aber nicht, inwiefern auch seine sehr ähnliche Beschreibung der Liebe einem bestimmten zeitgenössischen Ideal entspricht. Die Ansätze Delaneys und Vellemans lassen sich demnach nicht nur als Kontrapunkte, sondern auch als gegenseitige Ergänzungen verstehen.
Eine ähnliche produktive Spannung zwischen gegensätzlichen Blickwinkeln und Denkweisen und gleichen Beobachtungen und Problemstellungen eröffnet sich auch in den weiteren Aufsätzen des Bandes. Marilyn Friedman und Arne Johan Vetlesen skizzieren ausgehend vom aristotelischen Freundschaftsbegriff verschiedene moralische Implikationen der Freundschaft. Friedman legt einen Schwerpunkt auf die Andersheit des Freundes, der immer auch einen anderen moralischen Standpunkt eröffnet, während Vetlesen die Freundschaft als dauerhafte wechselseitige Beziehung betrachtet, die nicht nur zwischen den Freunden Kritik erlaubt, sondern insgesamt als eine kritische Gegeninstanz zu den Entwicklungen einer ökonomisierten Gesellschaft wirken kann. Verlangt wird von uns eine zunehmende Mobilität und Flexibilität, Eigenverantwortung und ein Ideal von Authentizität, dem wir oft nur schwerlich gerecht werden können. So wird zugleich ein immer unbefriedigteres Bedürfnis nach einer nicht-ökonomischen Anerkennung geweckt, in der wir auch dann noch angenommen werden, wenn wir scheitern. Das Ideal der Freundschaft Tugendhafter wird also immer erstrebenswerter und dennoch fast verunmöglicht.
Insbesondere im Hinblick auf familiäre Beziehungen wächst auch angesichts der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte das Konfliktpotential der vertretenen Positionen. Diane Jeske vertritt im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kind die These, dass Verpflichtungen erwachsener Kinder gegenüber ihren Eltern nur freiwillig erfolgen können und zwar auf Basis andauernder liebevoller Beziehungen und Vertrautheit, nicht aber aus natürlichen Gründen oder aufgrund sozialer Erwartungen. Es geht Jeske in ihrem voluntaristischen Ansatz darum, die Autonomie der einzelnen Personen zu schützen. Warum allerdings Vertrautheit im Gegensatz zu den übrigen Gründen, eine moralische Verpflichtung hervorbringen kann, wird nicht genauer erläutert. Jeskes Kernpunkt bleibt die Freiwilligkeit der wie ein Versprechen gegebenen Verpflichtung.
James Rachels plädiert für ein gesünderes Gleichgewicht zwischen den Verpflichtungen, die Eltern gegenüber ihren eigenen Kindern und die alle Erwachsenen gegenüber allen Kindern besitzen. Eine "teilweise Voreingenommenheit" [S. 274] soll es erlauben, die eigenen Kinder bestmöglich zu versorgen, sie aber nicht auf Kosten anderer Kinder, die nicht weniger wert sind, sondern lediglich weniger Glück haben, mit Luxus zu überschütten.
Pauline Kleingeld und Joel Anderson entwerfen das Modell einer gerechtigkeitsorientierten Familie. Anstatt familiäre Liebe und soziale Gerechtigkeit, insbesondere im Hinblick auf Geschlechterrollen, politisch gegeneinander auszuspielen, soll Gerechtigkeit als ein gemeinsam geplantes Projekt in das familiäre Zusammenleben integriert werden. Dabei gilt es allerdings nicht, nur aus Pflicht füreinander einzutreten, sondern genug Raum für eine Gemeinschaft aus Liebe offenzuhalten.
Iris Marion Young wendet sich schließlich aus feministischer Perspektive radikal gegen die Institution der Ehe, die für sie eine willkürliche Grenze zwischen legitimen und illegitimen Beziehungen zieht und dabei die nicht legitimierten Beziehungen benachteiligt. Stattdessen soll Familie neu definiert werden als Gemeinschaft Zusammenlebender, die ihre Ressourcen teilen, füreinander sorgen und sich selbst als Familie verstehen.
Es gelingt in der Sammlung verschiedene, mehr oder weniger gegensätzliche und polarisierende Perspektiven zu kombinieren und zu kontrastieren, sodass der Kern der Fragestellungen, die sie zu erfassen versuchen, besonders gut greifbar wird. Die Einleitungen der Herausgeber bleiben unparteiisch genug, um jedem einzelnen Text – über deren unterschiedliche Qualität und Tiefe durchaus gestritten werden könnte – Raum zur Entfaltung seiner Thesen zu geben. Der jeweils lesenden Person bleibt es freigestellt, zu entscheiden, welche ‚Beziehung' sie mit den dargestellten Thesen und Sichtweisen eingehen will. Auch wenn sich insgesamt ein ausgewogenes Bild verschiedener Denkansätze ergibt, impliziert die Auswahl der Autoren sicherlich gewisse Tendenzen, beispielsweise im eher progressiven und kritischen Umgang mit dem Begriff der Familie.
Vorauszusetzen ist wohl insgesamt der Anspruch, das Dilemma zwischen einer kantischen Tradition und ihrem universalen, rationalen Personenbegriff und dem modernen Blick auf die Individualität, Besonderheit und teilweise auch Irrationalität der jeweils einzelnen Person wenn nicht aufzulösen, so doch zu erhellen. Ist nicht der Anspruch unser praktisches Selbstverständnis in der Frage "wer wir sind und wie wir leben wollen" – und zwar miteinander – mittels philosophischer Betrachtungen quasi über sich selbst aufzuklären, bereits ein durch und durch kantischer Anspruch? Die Aufsätze und Einführungen zeichnen sich insgesamt durch eine gute Lesbarkeit und Verständlichkeit aus und sind für ein breites, philosophisch interessiertes Publikum geeignet, wenn auch vielleicht zum Teil die philosophiehistorische Einordnung und die zugrundeliegenden Theorien beispielsweise Kants oder Aristoteles' dann einer weiteren Einarbeitung oder Anleitung bedürfen. Wesentlich erscheint mir, dass dieser Band dem Anspruch einer Philosophie gerecht wird, der es darum geht, in aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung zu beziehen. Eine solche Philosophie trägt dazu bei, die zutiefst menschlichen Fragen danach zu stellen, was uns zu uns selbst macht und was jeden Einzelnen von uns auf unterschiedliche Art und Weise eben dadurch betrifft, dass er niemals ein Einzelner ist.
Philosophie kann dann – ebenso wie die Beziehung zwischen Personen und möglicherweise sogar als spezifische Form der Vermittlung einer solchen dialogischen Beziehung – dazu beitragen, zu erklären, "wie wir uns praktische moralische Identitäten aneignen, die allererst moralisches Denken – auch unparteiisches moralisches Denken – ermöglichen" [S. 10]. In diesem Sinne steht für Honneth und Rössler mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen der Moralität und der Beziehung von Person zu Person stets "der Modus des moralischen Denkens selbst zur Diskussion" [S. 25].
1 Dieses Beispiel einer moralischen Situation jenseits einer rationalen, unparteiischen Rechtfertigung stammt von Bernard Williams, aus dem Text: "Personen, Charakter und Moralität", in: ders.: Moralischer Zufall. Philosophische Aufsätze 1973 –1980, Königstein/Ts. 1984, S. 11–29.
Katharina Bauer, Dortmund
Krobath, Hermann T.: Werte. Ein Streifzug durch die Philosophie und Wissenschaft. M. e. Vorw. v. Hans Albert. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009, ISBN 978-3-8260-4088-7, 665 S., Brosch., EUR 88.00
Dr. Hermann T. Krobath, Leiter des "Instituts für philosophische Grundfragen", philosophischer Praktiker und psychologischer Berater in Wien, legt hier, angeregt durch seine Erfahrungen als philosophischer Berater und Psychotherapeut, einen Fachdisziplinen übergreifenden Einblick in das Werteverständnis seit Beginn des 19. Jahrhunderts vor.
Werte gibt es nicht, sagt man in wissenschaftlicher Aufklärung, doch ohne Orientierungsrichtlinien ist der Mensch zur radikalen Freiheit und damit zur ebenso radikalen Einsamkeit verurteilt. Dies veranlasste den Autor zur Frage: "Was sind also ‚diese nicht-existierenden Gebilde', die dennoch ‚Etwas' sind – was ist dieses Etwas, das Werte kennzeichnet, was sind Werte, woher kommen sie, und was haben sie mit unserem Leben zu tun?" (S. 14) Bei der Beantwortung dieser Frage befasst sich Krobath mit dem Werteverständnis in Philosophie, Naturwissenschaft, Psychologie und Soziologie, während er das Werteverständnis in der Ökonomie für eine spätere Arbeit ausklammert.
In der Philosophie hat es zwar stets das Bestreben einer begrifflichen Fassung und Formulierung dessen gegeben, was im individuellen oder gesellschaftlichen Leben Wert hat oder Wert haben soll. Dabei kreisen das antike griechische und später das christliche Denken um die Fragen des guten Lebens und des Guten an sich. Doch wenngleich es bereits in der Antike subjektivistische und objektivistische Auffassungen vom "Guten" gab, so wurde der Begriff des Wertes nach Kahort erst in der tiefen Krisenzeit um die Wende zum 19. Jahrhundert zu einer wesentlichen Kategorie der Philosophie. Metaphysische Ansichten über das Sein oder das Gute und vor allem die teleologische Auffassung von der Zweckhaftigkeit des Seienden verloren an Überzeugungskraft und man wandte sich als Alternative der Vorstellung zu, dass das Gute nicht "ist", sondern nur "gilt". So machten die deutschen Philosophen 1840 den Vorschlag, statt von den verschiedenen Vorstellungen über das Gute von den verschiedenen Werten zu sprechen, zumal es kein vom Menschen völlig unabhängiges Gutes gibt. Der Wert ist somit etwas rein Subjektives.
Daher befasst sich Krobath im philosophischen Teil seiner Ausführungen mit Ansichten, Darstellungen und Theorien darüber, was Wert hat oder haben soll. So sagt P. Menzer: "Wert ist ,ein von den Menschen gefühlsmäßig als übergeordnet Anerkanntes, zu dem man sich anschauend, anerkennend, verehrend, strebend verhalten kann" (S. 30). "Werte sind Messgrößen für schwankende Zustände elementarer Lebensformen" (S. 31), sagt Hermann Lübbe. Von einer religiösen ontologischen Fundierung der Werte ist keine Rede mehr. "Religion ist ... nichts anderes als die Anerkennung der Realität der Ideen in der Natur. Und diese Anerkennung lebt nur in den Gefühlen des Schönen und Erhabenen" (S. 44). Dem gegenüber betont allerdings Joseph Bochenski, "dass das Reich der Werte von sehr großem Reichtum ist und kein Mensch es ganz ausschöpfen kann, – ja, kein Mensch kann auch nur einen einzelnen Wert voll durchschauen" (S. 49). Nach diesen einführenden Hinweisen zur Vielfalt des Wertverständnisses bringt Kobarth Beispiele klassischer Wertephilosophie, befasst sich dann mit den Werten als Geltung von Heinrich Rickert, den Werten als Wollen von Hugo Münsterberg, den Werten als ideales Sein von Max Scheler und Nicolai Hartmann, den Werten als Lebensformen von Eduard Spranger und der radikalen Wertephilosophie von Kant, Nietzsche und Heidegger. Während sich nach Kobarth in den angeführten Formen der Wertephilosophie noch eine Systematisierungsabsicht finden lässt, fehlt diese in den von ihm unter " Moderne Wertephilosophie" angeführten Richtungen. Dazu zählt er die wertphilosophischen Auffassungen von Karl R. Popper, die Wertphilosophie des Pragmatismus, die Werte in der analytischen und in der gegenwärtigen Philosophie.
Für die genanten Philosophen war das Thema der Werte jedoch lediglich ein Anhängsel und nicht die Hauptbeschäftigung, obwohl es bereits seit Beginn des 19. Jhs. die Idee einer wissenschaftlichen oder philosophischen Disziplin gab, die ganz dem Thema Werte gewidmet sein sollte, die sogenannte Axiologie (griech. axia, "Wert"). Ein mit Sitz in Österreich gegründetes "Institut für axiologische Forschung" sieht in der Axiologie ein grundlegendes Sachgebiet der Philosophie, das fast alle Bereiche der Philosophie durchdringt und in Zusammenhang mit anderen Gebieten des Wissens und der Kultur steht. Als Vertreter dieser Disziplin werden der Ansatz des amerikanischen Philosophen Robert S. Hartmann, die Axiologie des amerikanischen Philosophen Archie J. Bahn und die radikale Axiologie von Hugh P. McDonald vorgestellt. Den Abschluss dieses philosophischen Teils bildet ein Exkurs zur Wertephilosophie von Viktor Kraft, zur marxistischen Theorie der Werte von Agnes Heller und zur Wertephilosophie von Peter Rinderle.
Den folgenden Abschnitt "Werte und Wissenschaft" leitet Krobath mit den Aussagen von Karl Jaspers ein, dass die Wahrheit der Wissenschaft nicht zugänglich ist, wir durch das wissenschaftliche Weltwissen vielmehr an die Grenze zum Nichtwissen gelangen, in dem eine Quelle unseres Seinsbewusstseins liegt. In der näheren Betrachtung der Wertvorstellungen in den empirischen Wissenschaften unterscheidet Krobath zwischen Werten als erkennbaren Entitäten und Werten des Verhaltens. So komme der Wahrheit ein intrinsischer Wert zu, doch sind nicht alle Philosophen dieser Ansicht, so Friedrich Nietzsche, der vorschlug, den Wert der Wahrheit versuchsweise in Frage zu stellen; Richard Rorty, der die Wahrheit für einen Abkömmling eines gefährlichen "metaphysischen Realismus" hielt, oder Donald Davidson,
der grundsätzlich bezweifelt, dass die Dinge, die wir erkennen, auch wahr sind. Was hingegen die Werturteilsfreiheit der empirischen Wissenschaften betrifft, womit sich der zweite Teil befasst, so gilt nach dem Philosophen Edgar Morscher folgende Einschränkung: "1. In einer empirischen Wissenschaft sollen nur Sätze vorkommen, die wissenschaftlich überprüfbar sind. 2. Werturteile (präskriptive Sätze) sind nicht wissenschaftlich überprüfbar. 3. In einer empirischen Wissenschaft sollen keine Werturteile (präskriptive Sätze) vorkommen" (S. 294).
Der dritte Teil befasst sich mit "Werten in der Psychologie", wo Werte als kognitive Konstrukte bezeichnet werden, die individuelle Präferenzen bezüglich Lebenszielen, Prinzipien und Verhaltensprioritäten erklären. Von einer einheitlichen, empirisch abgesicherten Theorie der Werte kann allerdings keine Rede sein, zumal die Psychologie eine beschreibende Wissenschaft ist und sich somit mit Werten in ihrem sozialen und personalen Kontext befasst, wie Krobath in Auflistung der einzelnen Vorstellungen, Untersuchungen und Klassifizierungen untermauert und veranschaulicht. So wurde z. B. die Psychotherapie, vor allem unter dem Einfluss von Siegmund Freud, lange Zeit für wertfrei befunden, eine Absicht, die in jüngster Zeit gründlich revidiert wurde.
Gleich der Psychologie befasste man sich auch in der Soziologie in wissenschaftlichen Untersuchungen erst seit Mitte des 20. Jhs. mit dem Thema "Werte", wie etwa der gesellschaftlichen Funktion von Werten, der Entstehung von Werten, dem Wertewandel und dem Wertverständnis in den einzelnen Ländern und Kulturen.
Am Ende dieses Streifzuges durch das Wertverständnis von Philosophie, Wissenschaft, Psychologie und Soziologie muss man zunächst bemerken, dass eben nur diese Gebiete behandelt werden. Das Wertverständnis in anderen Wissenschaften, wie etwa der Theologie, wird nicht angesprochen. Dies hätte allerdings beim gegebenen Ansatz den Rahmen gesprengt. Zudem ist noch darauf hinzuweisen, dass die gebotenen Darlegungen nicht in Form von Beurteilungen erfolgen, sondern als Auflistung der verschiedenen Theorien und Vorstellungen im Sinne einer Überblick vermittelnden Information. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass die verschiedenen Aussagen mit Originaltexten der betreffenden Autoren angereichert werden, was dem unmittelbaren Verständnis besonders entgegenkommt. Dazu tragen vor allem auch die Gliederung der einzelnen Abschnitte, die genauen Stellenangaben im Text und in den Fußnoten sowie die zahlreichen Querverbindungen zu einzelnen Autoren und die vielen Übersichtstabellen und graphischen Darstellungen bei. Zudem ist die Arbeit trotz aller notwendigen Formalität flüssig geschrieben. Ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister mit einer speziellen Angabe von Werteübersichten beschließen diese einmalige Arbeit, die auch als Handbuch zur Entwicklung des Werteverständnisses seit dem 19. Jahrhundert bezeichnet werden kann.
A. Resch, Innsbruck
ETHIK ALLGEMEIN
Fenner, Dagmar: Einführung in die Angewandte Ethik. Tübingen: Francke,
2010, VIII, 446 S., ISBN 978-37720-8347-1, kart., EUR 24.90 [D], 25.60 [A]
Dagmar Fenner hat mit der"Einführung in die Angewandte Ethik" den Nachfolgeband zu ihrer 2008 erschienenen "Ethik" vorgelegt, einer Einführung in ethische Grundbegriffe und Theorien für Studierende der Philosophie und andere philosophisch Interessierte. Beide Bände treten mit dem Anspruch an, komplexe philosophische Sachverhalte in verständlicher und noch dazu ansprechender Form darzustellen und sie erfüllen ihn. Ist es im Band "Ethik" die interne Aufteilung der Kapitel in Kurz- und Langfassung mit anschließenden Fragen zu Rekapitulation und Vertiefung, so sind es in der "Einführung in die Angewandte Ethik" die Gliederung und die Abbildungen, die in vorbildlicher Weise den Text strukturieren und den Lesern zugänglich machen.
Fenner beginnt mit einer Darstellung des Verhältnisses zwischen Ethik und Angewandter Ethik, das je nachdem, ob man angewandte Ethik als rein akademische Betätigung oder als Prozess deliberativer Politikberatung versteht, sehr verschieden bestimmt werden kann. Hier versteht sie es, die verschiedenen Positionen darzustellen und einen gangbaren Weg zu skizzieren, wie Angewandte Ethik zu verstehen ist. Sie argumentiert überzeugend für die Notwendigkeit einer theoretischen Begründung und Fundierung anwendungsorientierter Ethik und bringt zugleich das Kunststück fertig, angesichts des bestehenden Theorienpluralismus den Wert ethischer Theoriebildung sowohl zu retten, als auch das Geschäft der Angewandten Ethik als lösungsorientiertes nicht aussichtslos erscheinen zu lassen. Dies gelingt mit der Reverenz an das reflexive Begründungsverfahren der Diskursethik. Die Diskursethik stellt das Rahmenkonzept dar, unterhalb dessen die unterschiedlichen Theorien in Gestalt von Argumenten wieder auftauchen und ihren Platz finden.
Fenner führt in die Vielfalt der begrifflichen Unterscheidungen und inhaltlichen Überschneidungen der Bereiche Angewandter Ethik ein. Sie erläutert die von ihr gewählte Gliederung in Medizinethik, Naturethik, Wissenschaftsethik, Technikethik, Medienethik und Wirtschaftsethik und beginnt mit der Medizinethik, der ältesten und etabliertesten Bereichsethik. Einleitend begründet sie die Bedeutung einer rationalen Prinzipien- oder Pflichtenethik für diesen Bereich, Tugend- und Care-Ethik werden als – sinnvolle – Ergänzungen ins Spiel gebracht.
Fenner wendet sich zunächst der Arzt-Patient-Beziehung zu und bestimmt diese – in Abgrenzung zu einseitig paternalistischen oder kundenorientierten Modellen – als partnerschaftlich-deliberativ. Bei der nun folgenden Diskussion ethischer Probleme am Anfang und am Ende des menschlichen Lebens (Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch und Reproduktionsmedizin sowie Organtransplantation) taucht dieses Konzept immer wieder auf, wenn Wege zu einer rationalen Problemlösung beschrieben werden. Fenner kommt, sowohl in Bezug auf diese bioethischen Anwendungsfragen als auch in Bezug auf das Allokationsproblem im Gesundheitswesen zu wohldurchdachten, eigenständigen Positionen.
Im Kapitel zur Naturethik führt Fenner mit Engagement in die aktuellen Fragen der Umweltethik und der Tierethik ein. Sie erläutert Anthropozentrismus und Physiozentrismus und stellt für die Spielarten des Physiozentrismus die Stärken und Schwächen der epistemisch-anthropozentrischen Perspektive einerseits und der Perspektive des moralischen Realismus andererseits dar. In epistemisch-anthropozentrischer Perspektive werden Wertzuschreibungen durch die moralischen Subjekte vorgenommen, für den moralischen Realismus liegen Werte in der Natur unabhängig vom Menschen vor. Sympathisch ist, dass immer auch dann, wenn Fenner ihre dezidierte Position zu den Fragen der Bereichsethiken vertritt, die argumentativen Gegner pfleglich behandelt werden. So werden die Anliegen einer holistischen Ethik wertschätzend ausgeführt, auch wenn Fenner klar andere Argumentationen als überlegen ansieht. Sie optiert für einen universalistischen Anthropozentrismus, in dem die Interessen aller Menschen auf der Welt sowie diejenigen zukünftiger Generationen berücksichtigt werden, ergänzt durch die direkten Pflichten zum Schutze des Wohls von Pflanzen und Tieren, die in einem epistemisch-anthropozentrischen Biozentrismus begründet werden.
Die Kapitel zu den Themen Wissenschaftsethik und Technikethik beginnen mit einem historischen Abriss, wie sich, nach mehr oder weniger langer unhinterfragter Entwicklung unabweisbar Verantwortungsfragen im jeweiligen Bereich stellen. "Verantwortung" wird als mehrstelliger Relationsbegriff eingeführt, der – begründete – Werte und Normen voraussetzt. Interne und externe Verantwortung von Wissenschaftlern werden präzisiert und angesichts der Vielfalt der Akteure und der Verantwortungsverteilung sowohl für den Bereich der Wissenschaft als auch für den der Technik die Notwendigkeit einer die Akteursethik ergänzenden Institutionenethik beschrieben. Fenners ausführliche und sorgfältige Argumentation gegen die vermeintliche Neutralität der Wissenschaft bzw. der Technik ist hilfreich für Lehrende, die sich in heterogenen Studierendengruppen immer wieder der Behauptung stellen müssen, (Natur-)Wissenschaften seien schließlich objektiv und Technik erst je nach Gebrauch gut oder schlecht. Dies gilt in gleicher Weise für ihr Plädoyer wider ein reduktionistisches Wissenschafts- bzw. Technikverständnis und für eine gesellschaftliche Zusammenhänge einbeziehende Verantwortungswahrnehmung. Die Schlüsselkategorie eines integrierten Techniksteuerungskonzepts erkennt Fenner im Begriff der Partizipation.
Im Teil Medienethik geht Fenner auf die ethischen Fragestellungen bei Produktion, Bereitstellung und Rezeption der sog. Massenmedien ein und sieht die Medienschaffenden als "Anwälte der Öffentlichkeit" in der Verantwortung. Die Vermittlung von Nachrichten und Meinungen, so zeigt sie, unterliegt den Qualitätszielen der Vollständigkeit, der politischen Unabhängigkeit ergo Unbestechlichkeit, der Aktualität und Relevanz und schließlich der ethischen Vertretbarkeit hinsichtlich von Präsentation und Recherchemethoden. Die Sparten Unterhaltung (sowohl die "seichte" als auch die "gehobene") und Werbung werden wohlwollend, aber keineswegs unkritisch auf die ethische Vertretbarkeit ihrer Methoden hin untersucht. Belesen zeigt sie sich im Hinblick auf Theorien und Thesen zur Veränderung von Werthaltungen beim Konsum z. B. von Gewaltdarstellungen in den Medien und beurteilt diese differenziert. Insofern schließt sich an die Produzentenethik logisch eine Rezipientenethik an, in der es um verantwortungsvollen Medienkonsum geht. Im Internet schließlich fallen Produzenten- und Rezipientenrolle häufig zusammen. Neue ethische Probleme stellen sich durch Anonymität bzw. Annahme fiktiver Identitäten und sog. "Als-ob-Handlungen" in virtuellen Welten, die ethisch verwerflich sein können, auch wenn real niemand zu Schaden kommt.
In dem ausführlichen Kapitel zur Wirtschaftsethik erläutert Fenner die zwei grundsätzlich unterschiedlichen Konzepte der Wirtschaftsethik im deutschsprachigen Raum. Einleuchtend beschreibt sie zum einen, wie Verantwortungswahrnehmung im Konzept der Wirtschaftsethik im weiteren Sinne – der sogenannten Moralökonomik – nicht einmal vorgesehen ist, wenn sozial entbundene Eigennutzenmaximierer der Spezies Homo oeconomicus marktförmig agieren (sollen) und zur Kooperation nur durch wirtschaftliche Anreize zu gewinnen sind. Diese zu schaffen sei Aufgabe einer Rahmenordnung. Zum anderen stehen für die Wirtschaftsethik im engeren Sinne bzw. integrative Wirtschaftsethik handelnde
Subjekte als verantwortliche Urheber im Mittelpunkt. Ethische Reflexion, Kritik und rationale Begründung der handlungsleitenden Normen werden folgerichtig nicht nur auf der Ebene der Wirtschaftsordnung, sondern auch der Unternehmen und der Akteure in ihren Rollen als Konsumenten, aber auch als Mitarbeiter und Vorgesetzte in Unternehmen verortet. Fenners Sympathie gilt diesem Ansatz, der moralkonformes Verhalten von genuin moralischem zu unterscheiden vermag und Letzterem den Vorzug gibt.
Anders als die meisten Publikationen zum Thema "Angewandte Ethik" ist diese kein Sammelband, in dem ExpertInnen der jeweiligen Bereichsethiken den jeweiligen Diskussionsstand und ihre eigene Position darlegen. Der Vorteil der Monographie liegt ohne Zweifel darin, dass der Text aus einem Guss ist, durchgehend auch von Nicht-Philosophen gut lesbar ist und gleichzeitig dem Anspruch einer ausgewogenen und wohlbegründeten philosophischen Argumentation gerecht wird. Wenn dabei fachliche Kontroversen nicht bis ins Letzte ausgelotet werden, kann man dies gerne in Kauf nehmen.
Barbara Skorupinski, Freiburg i. Br.
INFORMATIK
Weber-Wulff, Debora et al.: Gewissensbisse. Ethische Probleme der Informatik. Biometrie – Datenschutz – geistiges Eigentum. Bielefeld: transcript, 2009, 140 S., ISBN 978-3-8376-1221-9 Br, EUR 16.80
Der angehende praktische Informatiker wird, wohl mehr noch als sonst ein Ingenieur, mit Fragen konfrontiert, die nur ein geschultes Gewissen bewältigen kann. Das hat damit zu tun, dass er, um seine Arbeit erledigen zu können, oftmals tief hinter die Kulissen schauen kann und muss. Inwieweit er dann verwerfliche Managemententscheidungen mittragen möchte, kann er sicherer beurteilen, wenn er sich schon während des Studiums mit entsprechenden Fragen auseinandergesetzt hat. Hier setzt der zu besprechende Band an: In über zwanzig Fallbeispielen werden moralische Konflikte, wie sie in der EDV am Arbeitsplatz auftreten können, in großer Varianz und Realistik dargestellt. Die Leser, gedacht ist das Buch vor allem für den Gebrauch im Rahmen von Lehrveranstaltungen, sollen daraufhin Konfliktlinien erkennen, moralisch relevante Fakten und Einschätzungen isolieren lernen und, darauf legen die Autoren besonderen Wert, notfalls den Widerspruch zwischen verschiedenen Einschätzungen aushalten lernen. Die Autoren wollen keine "Abhandlung zur Ethik" liefern, sondern etwas zur Diskussion über den Begriff der Verantwortung in der Informatik beisteuern. Damit wollen sie zugleich einen Beitrag für die Fachgruppe "Informatik und Ethik" der (deutschen) "Gesellschaft für Informatik" leisten. Eine der Autorinnen ist zugleich Sprecherin des durch öffentlichkeitsaufklärende Aktionen bekannt gewordenen "Chaos Computer Clubs", was sicher der Weite des Themenspektrums gedient hat.
Da die Autoren keine Ethiker von Profession sind, erscheinen die abgehandelten Themen in etwas willkürlicher Auswahl und Reihenfolge. Dabei hätte es sicher auch dem selbst gesetzten pädagogischen Ziel gedient, wenn die technischen und rechtlichen von den eigentlichen, moralischen Problemen klarer getrennt worden wären. Viele der genannten Probleme sind entweder rein rechtlicher Natur oder verdienen eine rein technische Lösung, so etwa Fragen der Datensicherheit beim Betreiben des Onlinebankings. Moralisch interessant, und das nicht nur für den Ingenieur sondern auch für den Philosophen, sind allerdings die für den Außenstehenden ungewohnten Perspektiven: Ein junger Informatiker sieht sich möglicherweise illegalen Praktiken gegenüber, die nicht rechtens, dennoch aber üblich sind. Er selbst vermag vielleicht harmlose oder auch weniger harmlose Übergriffe auszuführen im sicheren Bewusstsein, dass er nicht zu überführen sein wird: Hier kommen also Fragen nach dem gesetzlichen Handeln in quasi gesetzlosen Räumen auf. Deshalb greift wohl die gewählte Orientierung an der Verantwortung des Informatikers zu kurz, da vielmehr die Achtung des Gesetzes hier oftmals der Schlüssel zum Problem sein wird.
Insgesamt ist der Band, der die neuere amerikanische Literatur zum Thema nur streift, für die ethische Unterweisung von Informatikstudenten sicher hilfreich, eine tiefergehende Beschäftigung mit der Besonderheit der angerissenen Themen kann und will er aber nicht leisten.
Joachim Comes, Frankfurt am Main
PHILOSOPHIE
Droesser, Gerhard et al. (Hrsg.): Konkrete Identität. Vergewisserungen des individuellen Selbst. Frankfurt / M. u. a.: Lang, 2009 (Moderne Kulturen, Relationen; 10), 302 S., ISBN 978-3-631-58384-5, kart., EUR 51.50
Dem theologischen Ethiker Gerfried W. Hunold geht es in seinen Arbeiten zum Zusammenhang von Ethik und Identität vor allem darum, das Subjekt in seiner Individualität ernst zu nehmen. Individuen dürfen in theologisch-ethischer Perspektive nicht als generalisierte Größen wahrgenommen werden. Dies in einer Moraltheorie am Gegenstand des Problemzusammenhangs "Identität" zur Geltung gebracht zu haben und zu bringen, prägt und befruchtet die christliche Moraltheologie in entscheidender Weise. In dem vorliegenden Sammelband nehmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieses Projekt auf und denken es in verschiedenen Hinsichten weiter. Alle Beteiligten verdanken Hunold wichtige Impulse für ihr eigenes wissenschaftliches Schaffen. Den Band widmen die Herausgeber Gerfried W. Hunold zum 70. Geburtstag.
Im grundlegenden ersten Teil versammeln sich die systematisch anspruchsvollsten Beiträge. Ralf Lutz ("Identität und Ausdruck") nimmt sich die Kategorie des Ausdrucks vor, um sie im Hinblick auf theologisch-ethische Implikationen für die Frage nach der "Identität" zu befragen. Er wählt das Vorgehen, "anthropologische Hintergründe der Ausdruckskategorie insbesondere unter philosophischer und psychologischer Perspektive" (17) zu erhellen. Dass das nur "exemplarisch" (17) geschehen kann, ist bei der in Frage kommenden Literatur klar; leider werden aber keine Kriterien entwickelt und angegeben, die diese "anthropologische Annäherung an die Identität" (18) begrenzen und dadruch stringenter erscheinen lassen könnte. Eine Konzentration etwa auf die Kategorie ‚Ausdruck' "als spezifische Form der Rationalität" (27, in Anlehnung an Brandom) und als "Erkenntnisform" (45) hätte noch intensiver zeigen können, wie sehr "Ausdruck" gerade in Zeiten einer partizipativen Kultur zum auch ethischen Schlüsselbegriff der Identitätsthematik wird.
Ähnlich breit angelegt ist die Studie von Jochen Sautermeister ("Selbstwahrnehmung und Empathie") zur Relevanz und Problematik der Wirklichkeitserfahrung für handelnde und reflektierende Subjekte. Damit wird das Anliegen Hunolds, konkrete Individuen konzeptionell zu berücksichtigen, unterstützt durch eine Klärung der "Subjektkontextualität einer jeden Ethik" (50). Sautermeister geht davon aus, dass es keine ungebrochene und "von allen geteilte Wirklichkeitserfahrung" (50) gibt und stellt von dort aus die Frage, wie ein ethischer Diskurs möglich ist. Er weist die ethische Relevanz und die konstitutive Funktion der Wahrnehmung und eine sittliche Pflicht zur Entwicklung von Wahrnehmungskompetenz nach und schildert die daraus entstehenden Konsequenzen für eine theologische Ethik.
Der Herausforderung einer philosophisch-theologischen Grundlegung der Theorie Hunolds stellt sich Elmar Kos ("Identität und Autonomie"). Dafür steigt er recht tief und sehr lehrreich in die Diskussionen um transzendentale Freiheitsanalyse und Sollensevidenz (Pröpper) und die Subjektphilosophie (Manfred Frank, Pannenberg, K. Müller) ein. Die spezifische subjekttheoretische Grundlegung und der transzendental-freiheitsanalytische Ansatz werden als Stützung von Hunolds Position ausgewiesen.
Weitere Texte in diesem Abschnitt sind die sehr verständlich gehaltenen "Reflexionen zum Rückgriff auf die Geschichte [...] für das Selbstverständnis der Moraltheologie" von Sigrid Müller, die souveräne, klare und politisch-ethisch relevante Abhandlung über "Aggressionen und Identität" von Thomas Laubach und die "Texturen mit Akzent – Näherungen an die Idee ethisch-selbstbewusster Praxis" von Gerhard Droesser, die im Modus formulierenden Tastens oder als gleichsam akzentuierte Textur zu vielen geglückten alternativen Beschreibungen führen.
Im zweiten Teil des Bandes ("Positionierungen") wird die konkrete Identität anhand von verschiedenen thematischen Feldern untersucht. Bernd Seidl ("Fernsehgeschichten") untersucht die Strukturanalogien von Fernsehen und Identität. Er erkennt den Vergleichsgesichtspunkt in der Narrativität beider Phänomene. Besonders der Zusammenhang von Sozialisation und Identität in der Medienwelt wird anhand neuer Literatur überzeugend rekonstruiert. Damit etabliert er zugleich einen "anthropologischen Zugang zu einer sachimmanenten Medienethik" (179). Er verweist dabei auch auf die medienethischen Forschungen Hunolds. Obwohl Seidl zuzustimmen ist, dass diese Ansätze nach wie vor aktuell sind (vgl. S. 191), muss hinzugefügt werden, dass die (theologisch-)medienethische Diskussion seitdem auch an anderer Stelle weitergeführt worden ist.
Schließlich sei noch auf den Beitrag von Philippe Bordeyne ("Die Liturgie und die Bildung moralischer Identitäten") hingewiesen. Der französische Moraltheologe analysiert äußerst informativ und mit großer analytischer Kraft die nordamerikanische Erneuerung der Tugendethik und die Herausforderungen einer theologisch-ethischen Rezeption kommunitaristischer Entwürfe. Besonders die Unterscheidung zwischen einer Tugendethik, die "den Akzent mehr auf die Formation der Moralsubjekte in der und durch die Tradition" (267) sieht, und einer, die versucht, "die ethischen Subjekte zu befähigen" (267), stellt sich als hilfreich dar. Bordeyne macht sich hier implizit für eine anti-deterministische Sichtweise der menschlichen Person stark. Der für die Thematik um Identität und Ethik doch entscheidende Begriff des Charakters, der in anderen Beiträgen des Bandes fehlt, wird von ihm theologisch-ethisch geschärft und in den Zusammenhang von Liturgie und Ethik eingewoben. Der Text ist ein Beispiel für das ideale Verhältnis von luzider Rekonstruktion wissenschaftlicher Debatten und eigener systematischer Fortführung und Anwendung.
Die weiteren Beiträge in diesem Abschnitt: Andreas Greis ("Identitätsbildung als Zielperspektive schulischer Evaluation") überprüft die schulische Evaluation anhand der Unterscheidung von Vermittlung und Verständigung und fordert bei der schulischen Qualitätssicherung die Berücksichtigung von Identitätsbildungsprozessen. In anthropologisch-ethischer Hinsicht überzeugender Weise untersucht Alfons Maurer die "Versehrte Identität im Kontext einer Ökonomisierung des Sozialen". Stephan Ernst und Thomas Brandecker reflektieren die Frage, ob "die ärztliche Suizidbeihilfe auch aus ethischer (bzw. theologisch-ethischer) Sicht eine vertretbare Alternative zur aktiven Sterbehilfe" (214) darstellt. Michael Pindl sieht die "Zeit der Trauer" zwischen "Verlust und Neugewinn von Identität". Anhand der faszinierenden Person des christlichen Mystikers Thomas Mertons (1915 – 1968) zeigt schließlich Iris Mandl-Schmidt unter Rückgriff auf die Theorie der Glaubensentwicklung von James W. Fowler den Zusammenhang von religiöser Entwicklung und Identitätsentwicklung.
Entsprechend dem Anlass des Sammelbandes haben sich die Autorinnen und Autoren durchweg stark engagiert: Diese Festschrift unterscheidet sich in Anspruch und Niveau der Beiträge deutlich von üblichen Konferenz- und Tagungsbänden. In großen Teilen setzen die Texte identitätstheoretische Ansätze voraus und treiben die Diskussionen akribisch und wissenschaftlich gründlich voran. Die Leser sollten also mit den Diskussionen um Ethik und Identität vertraut sein und die wissenschaftliche Anstrengung nicht scheuen. Dann verspricht der Forschungsband viele interessante Anregungen, vor allem für die theologisch-ethische Wissenschaft.
Alexander Filipovic, Bamberg
Pauen, Michael / Gerhard Roth: Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008 (Edition Unseld; 12), 191 S., ISBN 978-3-518-26012-8, kart., EUR 10.00
Die Debatte um Freiheit, ihre Bestreitung wie auch Verteidigung ist in vollem Gange. Befördert durch populär gewordene Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften diskutiert man allerorts über Freiheit und ihre Ermöglichungsbedingungen sowie damit auch über freie Handlungen und die Zuschreibung von Verantwortung für das je eigene Tun und Unterlassen. Mitten hinein in diese Diskussionen erscheint ein Buch, das zunächst durch seine inter- bzw. transdisziplinäre Perspektive zweier in der Diskussion vertretenen Wissenschafter auffällt: Der Philosoph Michael Pauen und der Neurobiologe Gerhard Roth nähern sich gemeinsam den Fragen von Freiheit, Schuld und Verantwortung.
Ausgehend von der These, dass sich Freiheit und Determination nicht grundsätzlich ausschließen und determinierte Handlungen durchaus frei sein können, verfolgen die Autoren das Ziel der "Entwicklung einer Theorie von Freiheit, Schuld und Verantwortung, die einerseits den Phänomenen gerecht wird, auf der anderen Seite aber deren natürliche Grundlagen angemessen beschreibt" (S. 9).
Entgegen allen landläufigen Meinungen oder spontanen Intuitionen vertreten Pauen und Roth ein Konzept von Freiheit, in dem Freiheit und Determination miteinander vereinbar sind. Für eine freie Handlung ist nicht entscheidend ob, sondern wie und wodurch eine Handlung determiniert ist. Es geht ihnen um die Entwicklung einer "aufgeklärt-naturalistischen Theorie der Willensfreiheit".
Determinationen sind in dieser Konzeption durchaus möglich und denkbar; z. B. durch Bestimmungen, die vor der Geburt liegen oder sich aus der Prognose der Handlung ergeben. Entscheidend ist aber, dass am Ende der Kausalkette diese nicht ausschließlich auf äußere Umstände zurückführbar ist. Der Einbezug des Akteurs und dessen personaler Präferenzen ist für die Bestimmung einer Handlung als frei unabdingbar nötig. Es liegt andererseits ja auch auf der Hand, dass eine Handlung ohne Berücksichtigung eines Akteurs kaum mehr als eine solche gelten kann. Die von den Autoren vertretene Minimalkonzeption bezüglich Freiheit, die eine Abgrenzung gegen Zwang und Zufall als konstitutiv betont, setzt den Akzent folglich auf Selbstbestimmung und damit die besondere Berücksichtigung je personaler Präferenzen. Diese Konzeption mit ihren zwei Minimalbedingungen ist insofern dann auch gleichzeitig Maximalkonzeption von Freiheit, als dass keine weiteren – genaueren oder engeren – Bestimmungen mehr hinzukommen müssen.
An die philosophischen Ausführungen schließt sich die Darstellung von Freiheit aus neurobiologischer Perspektive an. Nach einer fachkundigen Diskussion des Libet-Experiments wird der Erklärung der neurobiologischen Grundlagen von Willenshandlungen viel Raum gegeben. Zahlreiche Abbildungen erleichtern zudem das Verständnis dieses für viele vielleicht besonders komplexen Teils.
Eine Konkretion erfahren die Überlegungen der Autoren in einem Abschnitt mit besonderer Praxisrelevanz: Es geht dabei sehr kenntnisreich um die Begriffe von Schuld und Verantwortung im deutschen Strafrecht. Durch den von den Autoren vertretenen kompatibilistischen Begriff von Freiheit lasse sich eine solide Basis für plausible Begriffe von Freiheit und Schuld legen, die eine vertragstheoretische Grundlage für die Gestaltung der Rechtsordnung vorsieht.
Die beiden Autoren fügen sich damit bestens in das Profil der neu etablierten Reihe "Edition Unseld" ein, der die Verständigung von Geistes- und Naturwissenschaften ein Anliegen ist. Wissenschaftliche Anmerkungen bleiben auf das Nötigste reduziert, was auch dem Anliegen des Buches als Darstellung von Grundzügen einer Theorie entspricht. Vielfache Anregungen zum Weiterlesen finden sich im ausführlichen Literaturverzeichnis, das dem Buch angefügt ist. Zudem bemühen sich beide Autoren um eine allgemeine Verständlichkeit, so dass das Buch gerade auch für eine Rezeption jenseits wissenschaftlicher Kontexte geeignet ist.
Stefan Meyer-Ahlen, Erfurt
PÄDAGOGIK
Danner, Helmut: Verantwortung in Ethik und Pädagogik. Oberhausen: Athena, 2010 (Pädagogik: Perspektiven und Theorien; 14), 332 S., ISBN 978-3-89896-389-3, Br, Euro 24,50, 332 S.
Während ich dieses Buch gelesen habe, gab es in den Medien anlässlich der aktuellen öffentlichen Debatte um gravierendes Fehlverhalten von Erziehenden im Spektrum von Gewaltausübung bis Vergewaltigung viele Fragen nach "der Verantwortung". Deshalb weise ich zunächst darauf hin, das Helmut Danner sein Buch nicht als punktuelle Antwort auf diese Fragen geschrieben hat, sondern als tiefergehende Analyse der strukturellen Wechselbeziehungen von Verantwortung, Ethik und Pädagogik: Die von ihm sich selbst gestellte Aufgabe "besteht somit im ersten systematischen Teil zum einen darin, das Phänomen "Verantwortung" in seiner Struktur zu erhellen und seine unterschiedlichen Bezüge zu ethischen und existentiellen Fragen zu analysieren. Zum anderen soll dadurch für unsere pädagogischen Überlegungen ein Rahmen geschaffen werden, auf den wir uns beziehen können, Denn die Grundstruktur der Verantwortung muss auch für den Erziehungs- und Bildungsbereich Gültigkeit haben." (S. 31)
Wer sich weshalb wem gegenüber für das, was er oder sie tut oder nicht tut, verantworten muss, ist keinesfalls Konsens. Danner nähert sich seinem Thema, indem er unter Bezug auf die Geschichte der Philosophie und bedeutende Philosophen viele Positionen zum Thema Verantwortung kennzeichnet und andiskutiert. Dieser gründliche Einstieg, der etwa die Hälfte des Buches umfasst, macht sich im zweiten Teil bezahlt, wenn es um Erziehung und Verantwortung geht, weil sich aus der Erörterung im ersten Teil besser begründete Argumente für den zweiten Teil ergeben. Eine wichtige Unterscheidung aus dem ersten Teil sei hier als Beispiel erwähnt, die zwischen juridischer und existentieller Verantwortung. In seiner didaktisch wertvollen Zusammenfassung am Schluss beschreibt Danner diese Unterscheidung wie folgt: "Der juridischen Verantwortung liegt das Modell des Gerichtsverfahrens zugrunde, auch im ethischen Denken. Mit Blick auf die Zurechnung heißt juridische Verantwortung, sich einer juristischen und/oder ethischen Instanz zu stellen oder von ihr gestellt zu werden und deren Urteil, das sie über das eigene Handeln unter Berücksichtigung der subjektiven Zurechnungsfähigkeit sowie den rechtlichen und moralischen Maßstäben fällt, anzuerkennen oder auferlegt zu bekommen. Bei der existentiellen Verantwortung hingegen wird ein ‚Problem', eine Herausforderung, als verbindlicher Anspruch wahrgenommen und anerkannt... Existentielle Verantwortung ist so das Sich-affizieren-Lassen von einer ‚Problem'situation in der Orientierung an einem umgreifenden Wert- und Sinnkontext." (S. 307f.)
Erziehung und Verantwortung stehen in einer vielfältigen Wechselbeziehung und -wirkung, die Danner systematisch untersucht. Wer jemanden erzieht, übernimmt damit automatisch eine gewisse Verantwortung für diese Person in Gegenwart und Zukunft. Daraus können sich schon widersprechende Handlungsimperative ergeben, weil mögliche zukünftige Anforderungen an eine zu erziehende Person, etwa eine Qualifikation für bestimmte Berufe, erfordern können, heute etwas zu lernen, was nicht unmittelbar Spaß macht oder einzusehen ist, also den aktuellen subjektiven Interessen widerspricht. Noch schwieriger wird es, wenn als zentrales Ziel der Erziehung die Erziehung zum mündigen Bürger, zum verantwortungsfähigen Mitmenschen gefordert wird. Solch eine Erziehung, eine Bildung der Persönlichkeit verlangt mehr als einen Unterricht in bestimmten Fachgegenständen und wird sicher weniger erreicht, wenn sich solcher Fachunterricht auf das Auswendiglernen von "Fakten" reduziert. Eine weitere Problematik ergibt sich aus der offensichtlichen Tatsache, dass sehr viele Menschen erziehen, ohne den weiten Horizont der pädagogischen und philosophischen Theorien zur Erziehung zur Mündigkeit zu kennen. Nun lassen sich auch Beispiele berühmter Pädagogen und Philosophen erörtern, die schlechte Erzieher waren, aber die zentrale Folgerung aus dieser Argumentation ist eine andere, sie "verweist uns auf die Grenzen der Erzieherverantwortung. Eine davon liegt im Erzieher selbst" (S. 226). Andere liegen in den sozialen und gesellschaftlichen Umständen, dem Umfeld. Selbstverständlich soll daraus keine Ausrede für Verantwortungslosigkeit werden.
Nicht zuletzt geht Danner der Frage nach, ob und inwieweit die Pädagogik eine besondere Verantwortung als Wissenschaft hat: "Hier wird eine noch umfassendere Verantwortung gefordert als jene, die die Wissenschaftlichkeit und die Angemessenheit der Methoden zum Inhalt hat" (S. 293). Noch umfassender? Was meint Danner damit? "Der Erziehungswissenschaft muss es angesichts ihres eigentümlichen Gegenstandes eine unabdingbare Forderung sein, dass die Folgen ihrer Ergebnisse verantwortbar sind und dies nicht erst, wenn ‚aus Schaden klug geworden ist', sondern von Anfang an, also schon im wissenschaftlichen Prozess. Denn Verantwortung heißt ja gerade, auch die Folgen zu bedenken und sie im Voraus in das Denken und Tun einzubeziehen." (S. 296)
Jürgen Maaß, Linz
BIOWISSENSCHAFTEN, BIOLOGIE
Sarasin, Philipp/Marianne Sommer (Hrsg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 2010, XI, 424 S., ISBN 978-3-476-02274-5 Geb., Preis: EUR 49.95
Die Evolutionstheorie gilt heute vor allem für die Biologen als die wichtigste wissenschaftliche Theorie. Das von Charles Darwin 1959 publizierte Hauptwerk On the Origin of Species hat einer neuen Denkform über die Entwicklung des Lebens zum Durchbruch verholfen, die nicht nur die Biologie, sondern alle Gebiete des Wissens beeinflusst, wenngleich Darwin die Bezeichnung "Evolution" darin nicht einmal verwendet. Diese wurde ihm nämlich von Alfred Russel Wallace vorgeschlagen. Zudem wird immer wieder vergessen, dass Darwin sein Hauptwerk mit der Bemerkung beendet:
"Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass der Schöpfer den Keim allen Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und dass, während sich unsere Erde nach den Gesetzten der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht."
Die rein materialistische Deutung der Evolution wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Ernst Haeckel (1834 –1919) und dem einflussreichen Wilhelm Ostwald (1853 –1932) zu einem wissenschaftlichen Dogma erhoben und von Friedrich Nietzsche (1844 –1900) mit der Welt als Wille zur Macht gleichgesetzt.
In diesem Vorstellungsmuster konzipiert die Biologie die Evolution heute noch im Wesentlichen anti-teleologisch als Prozess ohne vorherbestimmtes und vorherbestimmbares Ziel. Durch ihre Erfolge in den letzten Jahrzehnten mauserte sie sich in der medialen Öffentlichkeit zur Leitwissenschaft und in den wissenschaftlichen Debatten von Sozial-und Geisteswissenschaftlern, von Juristen, Ökonomen und Linguisten zur Fackel der Illumination.
Selbst die fundamentale philosophische Debatte über das Verhältnis von Freiheit und Vorherbestimmung menschlichen Lebens, aber auch über Freiheit und Zwang des Handelns des Menschen wird heute, wie die Herausgeber treffend bemerken, zumindest immer auch "im Lichte" der Evolutionstheorie geführt.
Das vorliegende Handbuch unternimmt daher den Versuch, den gegenwärtigen Stand der Diskussion so umfassend wie möglich zu dokumentieren – ein Versuch der zumindest im deutschen Sprachraum zum ersten Mal erfolgt. Dabei wird in den vielen historischen Darstellungen der Begriffs-, Theorie-, Wissenschafts- und Diskursgeschichte der Evolutionstheorie und des "Darwinismus" Bilanz über die Leistungen der letzten 150 Jahre gezogen.
Um dieser Bilanz gerecht zu werden, ist das Handbuch in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil – Konzepte, Begriffe und Begriffsgeschichte werden zentrale Begriffe der Evolutionstheorie sowohl in historisch-begriffsgeschichtlicher Hinsicht als auch in Explikation ihrer theoretisch-systematischen Gehalte beschrieben. Im zweiten Teil – Theorien und Debatten in der Biologiegeschichte – finden sich Beiträge zur Geschichte der Vorstellungen über die Entstehung und Transformation der Arten sowie zu zentralen Themen wie "Reproduktion", Vererbung und Entwicklung. Im dritten Teil – Institutionen und Repräsentationen, Praktiken und Objekte – werden wichtige epistemische und technische Objekte und Praktiken sowie Organisations- und Repräsentationsformen der wissenschaftlichen Gemeinschaften vorgestellt. Im umfangreichen vierten Teil – Einflüsse, Verbindungen, Auswirkungen – werden schließlich die Wechselwirkungen zwischen der Evolutionsbiologie und einer Auswahl nicht biologischer Disziplinen wie Politik, Religion, Kunst und Kultur behandelt.
Auffallend ist dabei, wie die Herausgeber offen feststellen, dass evolutionsbezogene Beiträge aus Theologie, Medizin, Mathematik, Design, Architektur und Städtebau wie auch die "Universitäten/Institute" als Orte, an denen evolutionsbiologische Forschung vermittelt wird, fehlen. Dies zeigt, dass die Evolutionstheorie keine allumfassende Theorie ist und mit ihrem Rekurs auf den Zufall einen Deus ex machina anrufen muss. Zudem hat die Quantentheorie jenseits der Kopenhagener Deutung längst schon einen informatorischen Hintergrund für das phänomenologische Geschehen verantwortlich gemacht.
Umso begrüßenswerter sind die hier von den Herausgebern vorgelegten und von den AutorInnen ausgearbeiteten Beiträge zu einem umfassenden Überblick über Gehalt und Bedeutung der Evolutionstheorie und ihrer Entwicklung in den letzten 150 Jahren.
Die Beiträge sind in Form von Enzyklopädie-Beiträgen verfasst und in den einzelnen Teilen alphabetisch geordnet. Nach der Definition des Begriffes oder Sachverhalts wird auf den historischen Werdegang verwiesen und auf dessen Bedeutung und Gewicht im Evolutionsverständnis der verschiedenen Veröffentlichungen, Fachgebiete und Institutionen eingegangen. Diese Durchblicke sind überaus aufschlussreich und ermöglichen eine breitgefächerte Kenntnis der Implikation der Evolutionstheorie in den einzelnen Wissenschaftsbereichen bis hin zum Alltagsleben. Neben den Quellenangaben im einzelnen Beitrag selbst folgt zum Abschluss jeweils ein mehr oder weniger umfangreiches Literaturverzeichnis.
Ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren sowie ein Personenregister beschließen diese informative und gediegene Arbeit. Auf ein Sachregister hat man leider verzichtet.
Wer sich über Evolution informieren oder von Evolution in den verschiedensten Gebieten sprechen will, kann an dieser Arbeit nicht vorbeigehen. In ihr werden auch die kritischen Stimmen nicht unterdrückt und die weltanschaulichen Tendenzen wie gesellschaftlichen Folgerungen offen genannt, wie unter anderem folgende Analyse zeigt:
"In einer ersten Phase sozialdarwinistischer Theoriebildung standen das biomechanische Evolutionsprinzip und die daraus zu ziehenden weltanschaulichen Folgerungen im Mittelpunkt: die Verwerfung der biblischen Schöpfungsgeschichte und der Vorstellung eines Schöpfergottes, die Entthronung des Menschen als "Krone der Schöpfung", die Wendung gegen die Religion und ein scharfer Antiklerikalismus, der sich vor allem gegen die "Dunkelmänner" des ultramontanen Katholizismus richtete. Dementsprechend wurde der Darwinismus zur Begründung eines naturalistischen Monismus (Ernst Haeckel), zur naturwissenschaftlichen Legitimierung des Antiklerikalismus (David Friedrich Strauß), zur Unterbauung des mechanizistischen Materialismus (Carl Vogt, Julius Moleschott, Ludwig Büchner) in Stellung gebracht." (S. 368)
Auch die Rassenhygiene, die vor allem im Ersten Weltkrieg einen starken Antrieb erhielt und im Zweiten Weltkrieg etwa 400.000 "minderwertigen Menschen" das Leben kostete, schreitet heute im Kielwasser der Evolutionstheorie zur Schaffung von Mensch-Maschine-Hybriden (Transhumanismus) voran. So schließt Hans-Walter Schmuhl seinen Beitrag Sozialdarwinismus, Rassismus, Eugenik / Rassenhygiene mit der Bemerkung:
"Die Bewegung zur Schaffung eines Neuen Menschen mag derzeit noch ein avantgardistisches Phänomen am Rande der Gesellschaft sein – das Thema wird aufgrund des biotechnologischen Fortschritts auf der politischen Agenda des 21. Jahrhunderts ganz weit nach oben rücken." (S. 373)
Die Herausgeber betonen daher nicht zu Unrecht, dass die Kontroversen darüber, was der Begriff "Evolution" genau bedeutet, bis heute andauern.
Andreas Resch, Innsbruck
MEDIZIN
Kettner, Matthias (Hrsg.): Wunscherfüllende Medizin. Ärztliche Behandlung im Dienst von Selbstverwirklichung und Lebensplanung. Frankfurt / New York: Campus Verlag, 2009 (Kultur der Medizin; 27), 338 S., ISBN 978-3-593-38881-6, Br, EUR 39.90
Der Begriff "wunscherfüllende Medizin" wurde 2006 vom Herausgeber des Bandes eingeführt und bezieht sich auf medizinische Angebote, die nicht traditionell bei der Heilung und Prophylaxe von Krankheiten ansetzen. Der Begriff bezieht sich vielmehr auf ein Menschenbild, dass das medizinische Wissen und Können für "das Begehren nach Schönheit und längerem Leben, ... psychosomatischen Ganzheitsqualitäten ... und Visionen der Selbstperfektionierung" einsetzt. Entsprechend gliedert sich der Band in 4 Abschnitte, die zunächst diesen Kulturwandel in der Medizin analysieren, dann auf die veränderten Mitsprachewünsche der PatientInnen eingehen und sich schließlich Verschönerungs- und Perfektionierungswünschen zuwenden.
Die in diesem Band analysierten Entwicklungen und Phänomene sind nicht einfach typische Wandlungen im professionellen Selbstverständnis der Medizin. Hier handelt es sich vielmehr um einen Kulturwandel in der gesamten Gesellschaft, der uns zunehmend vermehrt beschäftigen wird; der vorliegende Band setzt hier wichtige medizinethische und auch gesundheitsökonomische Akzente. A. Buyx und P. Hucklenbroich führen diese Veränderungen auf die zunehmende Medikamentalisierung von Lebensproblemen zurück. Kettner und Junker analysieren drei Merkmale für diese: die Durchdringung der Medizin durch die Konsumkultur, der steigende Wettbewerbsdruck aller AkteurInnen und die nahezu endlose Nachfragesteigerung von "positiv besetzter Gesundheit". Bei der Nennung dieser Ursachen wird einer der Vorzüge des vorliegenden Buches deutlich – die konsequente Zusammenführung von medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.
Ein weiteres Verdienst des Herausgebers M. Kettner ist, dass er zusammen mit den übrigen AutorInnen nicht nur diese Wandlungsprozesse beschreibt und bewertet, sondern dafür auch einen Begriff ("wunscherfüllende Medizin") prägt und durch die anderen AutorInnen kritisch diskutieren lässt. Diese Begriffsdebatte ist nicht Selbstzweck, sondern Teil des notwendigen weiteren Nachdenkens über unsere gängigen (?) Definitionen von Gesundheit und Krankheit. M. Düwell verweist darauf, dass die Grenzziehung zwischen Therapie und Enhancement auch deshalb so schwierig ist, weil die Legitimation eines robusten Krankheitsbegriffes umstritten ist (S. 317). A. Buyx und P. Hucklenbroich dagegen meinen anhand ihrer Argumente, dass ein Teil der "unter dem Etikett wunscherfüllende Medizin diskutierten Phänomene ... durchaus im Sinne traditioneller krankheitsbezogener Medizin interpretiert werden (kann)" (S. 41).
Die im Buch vorgestellten unterschiedlichen Positionen verweisen darauf, dass die Debatte zu den beschriebenen neuen Phänomen erst am Anfang steht – dem Herausgeber und den AutorInnen gebührt das Verdienst, erstmals eine systematische Darstellung und ethische Bewertung vorgelegt zu haben, die zu weiterer Diskussion einlädt.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle
Benzenhöfer, Udo: Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009, 224 S., ISBN 978-3-525-30162-3, Geb., EUR 19.90
Der Autor verweist zu Recht darauf, dass es zahlreiche Untersuchungen zum Thema Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe gibt. Er meint aber, dass diese sich nur auf bestimmte Epochen oder auf bestimmte Länder konzentrieren. Sein Anliegen ist es, wichtige Stellungnahmen von philosophischer, medizinischer, juristischer und theologischer Seite und auch wichtige "Ereignisse" von der Antike bis in die Gegenwart darzustellen. Als Direktor des Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Frankfurt am Main und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus und zur Ethik in der Medizin ist er dafür eine gute Adresse.
Die Krux besteht allerdings darin, dass eine Geschichte zu diesem Thema von der Antike bis in die Gegenwart auf 200 Seiten komprimiert auf viele philosophische, medizinische und theologische Debatten verzichten muss. Soweit sich Leser also für eine Übersicht zum Thema Euthanasie und Sterbehilfe von der Antike bis zur Gegenwart interessieren und keine neuen Erkenntnisse erwarten, finden sie eine informative Auswahl von Ansichten und Rechtsfällen.
Die geschichtliche Abhandlung orientiert sich in den ersten sechs Kapiteln auf Auffassungen bestimmter Personen: Platon, Aristoteles, Seneca, Hippokrates, Thomas Morus, Francis Bacon, Charles Darwin, Ernst Haeckel, Alfred Plötz, Friedrich Nietzsche, Adolf Jost, Karl Binding und Alfred Hoche.
Das VII. und VIII. Kapitel behandeln die NS-"Euthanasie" von 1939 – 1945 und die Auseinandersetzung damit von 1945 bis 1980. Im IX. Kapitel widmet sich der Autor der Diskussion in den Ländern Großbritannien, USA, Australien (mit einem Exkurs zu Peter Singer) und den Niederlanden. Das X. Kapitel enthält im Wesentlichen die im Rechtsraum der BRD bekannt gewordenen Fälle (Wittig, Hackethal, "Kemtener", "Frankfurter" und "Lübecker" Fall).
Auf wenigen Seiten wird das Thema Euthanasie und Sterbehilfe im Judentum und Christentum im III. Kapitel angesprochen. Das scheint mir nun gründlich misslungen. Es ist schwer verständlich, dass dem Autor die aus der Sicht der katholischen Moraltheologie 2002 im LIT Verlag erschienene umfangreiche Dissertation von Ruth Scholz, Die Diskussion um die Euthanasie – Zu den anthropologischen Hintergründen einer ethischen Fragestellung, unbekannt geblieben ist. Ihrer Auffassung zur Euthanasie "Vom christlichen Menschenbild aus ist sie überhaupt nicht zu rechtfertigen" widerspricht nun aus der Sicht der Evangelischen Theologie Michael Frieß in seiner Dissertation "Komm süßer Tod" – Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe (Verlag W. Kohlhammer, 2008) mit den Worten: "Der christliche Glaube, geprägt durch Jesu Leben, Tod und den Glauben an Christi Auferstehung, soll ein vertrauensbildender Weg sein, an dessen Ende der Mensch zu einem vorbehaltlosen ,Sich-Gott-Überlassen'
kommt. … Suizid und aktive Sterbehilfe können ein glaubendes Sich-Fallen-Lassen in Gottes Verheißung des ewigen Lebens sein."
Wesentlich differenzierter wurde das Thema vom ökumenisch denkenden Neurochirurgen Rudolf Kautzky (1913 – 2001) in dem Buch Euthanasie und Gottesfrage – Medizinethische Texte und theologische Provokationen (hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Siegfried Scharrer, Radius Verlag 2004) untersucht. Kautzky kommt sicher dem Anliegen Benzenhöfers nahe, indem er sich gegen eine Euthanasie im Sinne der Tötung auf Verlangen wendet, aber das Sterbenlassen strikt von der aktiven Sterbehilfe abgrenzt. Durch die allmähliche Verbreitung der ambulanten und stationären Palliativmedizin erhält dieses Thema ohnehin eine völlig neue Dimension.
Dem Buch ist neben vielen Verweisen in den Fußnoten ein umfangreicher Quellen- und Literaturnachweis angefügt. Erstaunlich ist, dass die Debatte in der Zeitschrift Ethik in der Medizin keine Beachtung findet. Leider ist auch festzustellen, dass bei der Diskussion in Deutschland seit 1980 ideologisch verbrämte Bequemlichkeit jede Kenntnis von Literatur in Verlagen der DDR ignoriert wird.
Im Kap. XII werden der sogenannte "Hippokratische Eid", die Richtlinien der BÄK von 1979 und 1993 sowie die Grundsätze der BÄK zur ärztlichen Sterbebegleitung von 2004 angefügt.
Ein Personenregister schließt das Buch ab.
Ernst Luther Halle
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