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EDITORIAL 2012
FERDINAND ZAHLNER
Retrospektiven und Gedenktage machen nachdenklich, regen aber auch die Phantasie an und lassen assoziativ Ängste aufsteigen (man denke an die Katastrophe der Costa Concordia vom 13. Januar d. J.), namentlich wenn sie mit Todesdaten, emotionalen Katastrophen oder Mystifizierungen verbunden sind. So kursieren beispielsweise apokalyptische Spekulationen in Zusammenhang mit der Tatsache, dass der lange Zyklus des Maya-Kalenders zur Zeit der Wintersonnenwende, also am 21./22. Dezember 2012, endet. Die Sonne wird dann im Äquator unserer Galaxie stehen.
Katastrophal aber war ein anderes Ereignis, das sich am 15. April 2012 zum hunderstenmal jährt: der Untergang der legendären TITANIC, des damals größten Schiffes der Welt (Abb. 1). Bereits auf der Jungfernfahrt von Southampton nach New York endete der große Traum vom angeblich praktisch unsinkbaren Schiff. Die Kollision mit einem Eisberg am 14. April um 22.40 Uhr wurde ihr zum Verhängnis. Letztlich war es ein Synergieeffekt verschiedener Faktoren von Nachlässigkeit und maßloser Selbstüberschätzung, jedoch kein zwingendes Schicksal. Übermütige Werftarbeiter sollen an den Schiffsrumpf unter der Wasserlinie, den Glauben katholischer Arbeiter verspottend, geschrieben haben: "No God – no Pope!" Die Worte wurden überstrichen, kamen jedoch wieder zum Vorschein. Wahrheit oder Legende, wie das angeblich letzte Lied der White Star Line Band, ‚Nearer, my God, to Thee'? Das Schiff wurde geflutet und sank nach zwei Stunden und 40 Minuten. Von den über 2.200 Menschen an Bord ertranken ungefähr 1.500.
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| Abb. 1: Die RMS Titanic |
Es wurde berichtet, dass manche der Rettungsboote sogar nur halb voll waren, denn viele an Bord weigerten sich zu glauben, dass die ‚unsinkbare' Titanic bereits zu sinken begann. Sie wurden Opfer ihrer eigenen oder suggerierten Ideologie der Sicherheit. Geschäftsführender Direktor der White Star Company, die das Schiff gebaut hatte, war Bruce Ismay. Er war verantwortlich dafür, dass sich nicht mehr Rettungsboote auf der Titanic befanden. Er erwies sich keineswegs als heldenhaft, sondern kletterte selbst in eines der Boote!
Psychologisch muss man James Cameron, dem Regisseur des US-amerikanischen Films "Titanic" (1997), recht geben, wenn er feststellt: Was an Bord des Schiffes geschah, spiegelt die menschliche Neigung wider, die Realität nicht wahrnehmen zu wollen. Sie sagten: "Dieses Schiff kann nicht sinken." In Wahrheit meinten sie: Wir werden niemals sterben. Insofern ist die 'Titanic' eine Metapher auf die Unabwendbarkeit des Todes. Wir fahren alle auf der 'Titanic', ohne es zu wissen.
Vierzehn Jahre vor der Jungfernfahrt der Titanic, 1898, veröffentlichte der US-amerikanische Autor Morgan Robertson (1861–1915) sein Buch Futility (Sinnlosigkeit), dessen Titel in der zweiten Auflage von 1912 geändert wurde auf Futility, or the Wreck of the Titan (dt.: Titan. Eine Liebesgeschichte auf hoher See. Heyne Verlag, 1997). Dieser Roman dreht sich um einen unsinkbaren Ozeanriesen, der auf seiner Jungfernfahrt von Britannien aus nach New York, im April mit zweitausend Menschen an Bord unterwegs war. Wie bei der Titanic gab es zu wenig Rettungsboote und die meisten Passagiere ertranken. Bei nüchterner Betrachtung braucht man keine Vision zu bemühen; in jener Zeit kam es offenbar öfters zu Kollisionen mit einem Eisberg. Zur Titanic gab es natürlich nicht nur auffallende Ähnlichkeiten, sondern auch beträchtliche Unterschiede. Immerhin gaben und geben solche fiktive Ereignisse Anlass zu Spekulationen über Schicksalsglauben, intuitiv-mediale Ahnungen oder gar vermutete Präkognitionen hinsichtlich zukünftiger tragischer Realereignisse.
Unwillkürlich denkt man an die ‚Anziehungskraft des Bezüglichen' (Wilhelm von Scholz) bzw. an ‚Synchronizität als Prinzip akausaler Vorgänge' im Sinne des Konzepts von W. Pauli und C.G. Jung, dass nämlich Ereignisse nicht durch Ursache und Wirkung, sondern durch einen Sinn verbunden sind oder verbunden scheinen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den britischen Journalisten und Autor William Thomas Stead (Abb. 2). Auch er befand sich unter den 1.500 Todesopfern der Titanic. In einem seiner letzten Briefe schrieb er, vielleicht einer düsteren inneren Stimmung folgend: "Ich gehe nach Amerika, um dort eine Rede zu halten, aber ich habe dabei ein Gefühl, wie wenn mir etwas bevorstünde, wie wenn mir irgend eine wichtige Arbeit zufallen sollte. Was es sein wird, das weiß ich nicht. Ich warte auf meinen Marschbefehl in der sicheren Annahme, dass Der, der mich berufen hat, mir Seinen Willen und Sein Geheiß zur rechten Zeit kund tun wird" (laut spiritistischer Ztschr. Light v. 4. Mai 1912, S. 207). Über Einladung von US-Präsident William Howard Taft wollte Stead am 21. April an einer Friedenskonferenz in der Carnegie Hall in New York teilnehmen.
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| Abb. 2: William Thomas Stead (1849-1912) |
1886 hatte er einen fiktiven Artikel geschrieben "How the Mail Steamer Went Down in Mid-Atlantic". Darin schilderte er den Untergang eines Ozeandampfers nach der Kollision mit einem anderen Schiff und den hohen Verlust von Menschenleben, da zu wenig Rettungsboote an Bord vorhanden waren, wie auch später beim Untergang der Titanic. 1892 hatte er eine weitere in das Jahr 1935 verlegte fiktive Kurzgeschichte geschrieben: "From the Old World to the New", in welcher der White Star-Dampfer Majestic die Überlebenden eines anderen Schiffes aufnimmt, das nach einer Eisbergkollision gesunken war.
Schließlich gab es noch ein spiritistisch-paranormales "Nachspiel aus dem Jenseits"; denn einige Tage nach der Katastrophe sollen sich Stead und andere Ertrunkene durch ein Schreib- bzw. Sprechmedium in einem Londoner spiritistischen Zirkel gemeldet haben. Darüber hinaus habe Stead seiner Tochter Estelle Stead durch automatisches Schreiben eine Beschreibung seines Übergangs nach dem plötzlichen Tod im Wasser übermittelt. Dieses Buch, The Blue Island (dt.: Die blaue Insel: Ein Blick in das Leben im Jenseits. Mit der Titanic in die Ewigkeit. Eine Beschreibung des Überganges jäh aus dem Leben gerissener Menschen, Artha, 1994), wurde bald ein Bestseller. Die grundsätzliche Frage nach dem Identitätsbeweis stellt sich natürlich auch hier: Lässt sich postmortale Transzendenz überhaupt durch mediale Immanenz vermitteln?
Im Zusammenhang von Okkultismus und dem tragischen Untergang der Titanic kam es naheliegenderweise zu mehreren Legendenbildungen und Verschwörungstheorien, die sich hartnäckig gehalten haben. Ebenso wie der ominöse Fluch des Pharao dürfte auch die immer wieder kursierende Geschichte vom Mumiensarg einer Prinzessin von Amen-Ra eine fiktive ghost-story sein, die höchstwahrscheinlich als eine Erfindung von W. T. Stead und D. Murray zu anzusehen ist. Ein Überlebender berichtete nämlich einige Tage nach der Katastrophe in einem Interview mit der New York World, dass Stead an Bord eine solche Geschichte erzählt habe. Jedenfalls ist nirgends bekannt, dass tatsächlich ein Mumienkasten auf dem Schiff war. Überhaupt scheint die Mär vom Fluch des Pharao auf die britische Schriftstellerin Jane Loudon Webb zurückzugehen, die eine Geschichte von einer rachsüchtigen Mumie publizierte, nachdem sie 1821 – wie damals in gewissen Kreisen üblich – einer showmäßigen Mumienauswicklung beigewohnt hatte. Legenden sind hartnäckig. Das Ausstellungsobjekt mit der Nr. 222542 (Sargdeckel) kann man jedoch immer noch in der ägyptischen Abteilung des Britischen Museums betrachten.
Wer im Personenlexikon zur Paranormologie (Resch Verlag, 2011) blättert, wird weitere Persönlichkeiten entdecken, die es wert sind, dass man sich ihrer anlässlich eines runden Gedenktages im Jahr 2012 erinnert.
Stellvertretend für andere möchte ich hier zwei Personen herausheben: den Arzt und Dichter Justinus Kerner anlässlich seines 150. Todestages sowie Dr. Albert von Schrenck-Notzing, der im Todesjahr Kerners geboren wurde, also im Gedenken an seinen 150. Geburtstag.
Justinus Kerner
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| Abb. 3: Justinus Kerner (1786-1862) |
Justinus Kerner (1786 –1862), Sohn eines Landrats aus Ludwigsburg, verlor seinen Vater schon mit 15 Jahren. Da die finanziellen Mittel zu weiterem Schulbesuch fehlten, musste er auf Wunsch seiner Mutter wider Willen als Lehrling in einer Tuchfabrik arbeiten, konnte jedoch bald durch Vermittlung eines Professors in Tübingen Medizin studieren. Als solcher behandelte er dort den geisteskranken Lyriker Friedrich Hölderlin. Nach ärztlicher Tätigkeit in mehreren Orten ließ sich der Arzt und schwäbische Dichter der Romantik schließlich 1819 als Oberamtsarzt in Weinsberg nieder. Durch seine von Friedrich Silcher und Robert Schumann vertonten romantischen Lieder wurde er als Poet berühmt. Sein Haus wurde ein geistiges Zentrum seines Freundeskreises (Abb. 3).
Aus paranormologischer Sicht sind jedoch seine Schriften über die "Nachtseiten der Natur" von besonderem Interesse. Dazu gehören Die Seherin von Prevorst (Eröffnungen über das innere Leben der Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere) über die kranke Friedericke Hauffe, die ihm 1826 zur Behandlung ins Haus gebracht wurde und offensichtlich medial begabt war. Kerner führte über die auftretenden paranormalen Erscheinungen (Visionen, Wahr- und Wachträume, Telepathie, Telekinese) ein genaues Tagebuch. Es fand Beachtung und Spott zugleich. Als weitere einschlägige Werke erschienen aus Kerners Feder Die somnambülen Tische (Zur Geschichte und Erklärung dieser Erscheinung, 1853), eine Fallstudie über das Mädchen von Orlach (Magdalena Gronbach), eine Biografie, Franz Anton Mesmer aus Schwaben. Entdecker des thierischen Magnetismus (1856) u. a. Kerner befasste sich intensiv mit den Erscheinungen des sog. animalischen Magnetismus und nahm zur Erklärung die Existenz eines feinstofflichen Fluidums an. Trotz Geisterglauben bewahrte er jedoch eine gewisse Distanz zum Spiritismus.
Albert von Schrenck-Notzing
Im Todesjahr Kerners erblickte nun ein moderner Forscher anderer Art das Licht der Welt, Dr. Albert von Schrenck-Notzing (1862 – 1929), der spätere Münchner Arzt, der auch Deutschlands bedeutendster Parapsychologe in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhs. werden sollte (Abb. 4).
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| Abb. 4: Links: Albert Frhr. v. Schrenck-Notzing (1862-1929) und Charles Richet (1850-1935) |
Er war fasziniert von den Phänomenen des Physikalischen Mediumismus. Auf dem Weg über die Hypnosetherapie kam er zur Parapsychologie. Durch die 1892 erfolgte Heirat mit der Industriellen-Tochter Gabriele Siegle wurde der Baron wirtschaftlich unabhängig. Dadurch wurde es ihm auch möglich, ein eigenes Laboratorium einzurichten, Sensitive und Medien in ihren Séancen kritisch zu studieren, aber auch Reisen zu Kongressen zu unternehmen und vor allem Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Er untersuchte wie sein Freund, der französische Arzt und Forscher Charles Richet, die bekanntesten Medien seiner Zeit (E. Palladino, Stanislawa Tomczyk). Namentlich experimentierte er mit den medial begabten Brüdern Rudi und Willi Schneider aus Österreich. In seinem diesbezüglichen Werk Experimente der Fernbewegung (München, 1924) schildert er nicht nur seine eigenen Versuchs- und Kontrollanordnungen, sondern bringt auch die Zeugnisse der anwesenden, renommierten Sitzungsteilnehmer. Schon früher publizierte Schrenck-Notzing ein großartiges, bebildertes Werk Materialisationsphänomene (1914, 1923) über Marthe Béraud, die nachmals unter dem Namen "Eva C."" bekannt wurde. Darin bekennt er in der Einleitung: "Zu allen Zeiten setzte man neuen Entdeckungen heftigen Widerstand entgegen. Man leugnete Tatsachen, weil sie nicht zu zeitweilig herrschenden Theorien passten oder weil Phantasten zu weit gehende Schlüsse daraus zogen."
Nach Ansicht seiner Mitarbeiterin Dr. Gerda Walther neigte Schrenck-Notzing in der Interpretation paranormaler Phänomene zu der Hypothese, dass die Phänomene vom medialen Unbewussten produziert würden, obgleich er in seltenen Fällen eine spiritualistische Annahme nicht ausschließen wollte.
Trotz seiner umsichtigen Vorsichtsmaßnahmen gegen Betrug bei den medialen Séancen blieb ihm Spott seitens seiner früheren medizinischen Kollegen nicht erspart.
Was schließlich die Bedeutsamkeit von Parapsychologie und Paranormologie betrifft, so lässt sich auf sie ein treffendes Wort des Philosophen Arthur Schopenhauer anwenden: "Neue Ideen werden am Anfang belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich"; oder auch wie seinerzeit Mark Twain schrieb: "Menschen mit einer neuen Idee gelten solange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat."
Prof. P. Ferdinand Zahlner, Katzelsdorf / Innsbruck