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EDITORIAL 2012

Von der Unvermeidbarkeit ethischer Reflexion
20 Jahre Fachzeitschrift Ethica

JOSEF RÖMELT

Alain Ehrenberg beschreibt in seinem Buch Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart die veränderte kulturelle Situation in den freiheitlichen Gesellschaften. Nach "der Verbesserung der Lebensbedingungen, dem Legitimationsverlust der hierarchischen Gesellschaftsmodelle und der allgemeinen Hoffnung auf soziale Mobilität" eröffnet sich für das Individuum die Emanzipation aus der doppelten "Regulierung" durch Verbot und Disziplin. Aus psychologischer Sicht ist der Einzelne danach heute nicht mehr mit Konflikten zwischen Wirklichkeit, Autorität und eigenen Bedürfnissen konfrontiert, sondern steht unter der Belastung, in den freiheitlichen Optionen sich selbst immer wieder neu entwerfen zu müssen. Und dieser dauernde Vollzug und die Verifikation seiner selbst kann zur Krise der Erschöpfung führen, welche als "die Unfähigkeit zu handeln und die Unfähigkeit, Frustrationen zu ertragen" zugleich erscheint. Ja, die Ohnmachtserfahrungen "führen zu diesem neuen Gesicht der Depres­sion: der Abhängigkeit, der maßlosen Handlung, die aus der fehlen­den Selbstbeherrschung resultiert"1.
 Ist es richtig, aufgrund dieser Beobachtungen zur unbestreitbar zunehmenden Bedeutung der Depression heute aus der Sicht der Ethik im Blick auf die Gesellschaft allgemein den Verlust moralischer Bindung zu konstatieren, wie es die Rede von der Befreiung von "Verbot und Disziplin" irgendwie nahelegen könnte? Kann der Gegenwart nur einfach der Abschied von allen ethischen Fundamenten attestiert werden – eine Kultur der Maßlosigkeit, Sucht und Gier, wie sie etwa das Verhalten am Finanzmarkt geoffenbart hat, welche die gesamte Weltwirtschaft in eine massive Finanzkrise gestürzt hat?
 Dem widerspricht allerdings schon der Erfolg, den der Begriff der Verantwortung in der Gesellschaft der radikalen Moderne errungen hat. Mit seiner starken Geltung verknüpft sich heute das intensive Überleben des ethischen Anspruchs auch in den großen Infragestellungen der moralischen Kompetenz des Menschen in der zunehmenden Komplexität des modernen Lebens. Das heißt: Obwohl viele an der Möglichkeit zweifeln, die moralischen Herausforderungen – vor allem im weltumspannenden Ausmaß der ökologischen Krise, der Globalisierung mit ihren widersprüchlichen sozialen Folgen, der Aporien gegenwärtiger Friedensethik usw. – noch in irgendeiner Weise angemessen bewältigen, ja überhaupt begreifen zu können, zeigt die Konjunktur, welche der Verantwortungsbegriff heute hat, die bleibende moralische Sensibilität und den Willen zum ethischen Engagement auch in den aktuellen Entwicklungen von Politik, Kultur und Lebenswelt.
 Verantwortung erinnert an die unvertretbare Pflicht, selbst angesichts der überaus vielschichtigen Konflikte moralische Antworten zu finden und zu formulieren – in den Fragen der ethischen Bewertung des Verteidigungskrieges, nach der Beteiligung der armen und ärmsten Teile der Weltgesellschaft am Segen einer globalen sozialen Marktwirtschaft, im Blick auf die Migrationspolitik angesichts wachsender Ströme politischer und wirtschaftlicher Flüchtlinge, in Bezug auf das Bevölkerungswachstum, auf die Beherrschung und humane Kontrolle der expandierenden Medien- und Kommunikationstechniken, die Erschöpfungsphänomene sozialstaatlicher Strukturen in den Indus­triegesellschaften, die Chancen und Risiken genetischer Erforschung der Organismen und ihre technische Umsetzung in Humanmedizin, Pflanzenanbau, Tierzucht und Lebensmittelherstellung, angesichts der Expansion medizinischer Technik und der Paradoxien unsinniger Lebensverlängerung, der Palliativmedizin und Schmerzbekämpfung, im Blick auf die Definition des menschlichen Individualtodes, die ökonomischen Engpässe der Gesundheitssorge, die zunehmende Kontrolle menschlicher Fruchtbarkeit und die künstlichen Techniken der Lebensweitergabe, vor der Unzufriedenheit mit der Kriminalisierung von Suchtformen und der Suche nach einer verantworteten Suchtmittelgesetzgebung, der bleibenden Last weltweit hoher Abtreibungsziffern, ja in Bezug auf das moralische Verständnis der Homosexualität und des Suizides usw. All diese komplizierten Fragen und Anliegen werden dort, wo man heute von der Verantwortung spricht, prinzipiell als für moralisch lösbar oder zumindest diskutierbar verstanden. Und im Pathos der Verantwortung schwingt die Hoffnung, ja die Verpflichtung mit, der oft anspruchsvollen Unübersichtlichkeit dieser Konflikte Herr werden zu können und zu müssen.
 Sicherlich: In der Sache der Ethik scheint gegenwärtig ein Paradox wirksam zu sein. Auf der einen Seite werden die Würde des Menschen und seine Verantwortung heute geradezu betont. Der Mensch soll danach gerade durch sein Handeln die Zerstörung der Umwelt verhindern und die globale politische und vor allem wirtschaftliche Ordnung gerecht gestalten. Mit hoher Sensibilität werden diese moralischen Herausforderungen wieder und wieder ins Bewusstsein gerufen. Andererseits aber ist gerade auch die Einsicht in die Grenzen der Macht und in die Schwäche des Menschen, ja in die Zerstörbarkeit der Natur (mitsamt dem Menschen) in globaler Dimension vor Augen. Und die Analyse der psychischen, sozialen, geschichtlichen und kulturellen Bedingtheit lässt eben die Unabhängigkeit und Freiheit der menschlichen Person heute immer stärker infrage gestellt sein. Viele sprechen von der "de-zentrierten Subjektivität", der Ausgeliefertheit des Menschen an die anonymen Mächte des Unbewussten, aber auch an die unpersönlichen Strukturen von Technik, Medien und globaler Wirtschaft.
 Und so stellt sich die Frage: Hat der Mensch überhaupt die Möglichkeit, die ökologischen und sozialen Spannungen der ins Globale gesteigerten Zwänge heutiger Welt zu meistern? Ist nicht der ökologische, technische und soziale "Holocaust" der Erde schon vorgezeichnet, durch keine noch so große moralische und politische Anstrengung mehr zu verhindern? Sind die Ansichten und Interessen im Kontext von Demokratie, Wirtschaft und Pluralismus nicht völlig zersplittert, sodass die eigentlichen Werte einer menschenwürdigen Kultur verloren oder zumindest hoffnungslos verdunkelt sind? Ist die Kraft des Menschen eben zu klein? Für viele wird sie in den Mechanismen der Evolution des Kosmos und der sozialen Prozesse zerrieben. Es bleibt ein gewichtiger Zweifel: Demokratisierung, konsequente "Nutzung" des ökologischen Angstpotenzials, systemgerechtes Entwicklungsmanagement oder an Lust bzw. Leidvermeidung orientierte Lebensoptimierung – wie auch immer ethische Konzepte und Suchbewegungen lauten –, helfen sie, die gegenwärtigen Probleme für den gesellschaftlichen Frieden und die Balance des Individuums zu überwinden?
 Die Zeitschrift Ethica wird mit dem Jahrgang 2012 20 Jahre alt. In der unermüdlichen Arbeit an der Reflexion der genannten ethischen Probleme, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihren Ursachen, möglichen Ansätzen zu ihrer Überwindung und dem prinzipiellen Lösungspotenzial wissenschaftlicher ethischer Leistung überhaupt bemüht sie sich um einen Beitrag zur konstruktiven Bewältigung der damit verbundenen Konflikte und Aufgaben. Es geht dabei um mehr als nur um ein fachspezifisches Spezialistengespräch und ausgeklügelte Diskussion im Elfenbeinturm. Vielmehr ist es ein bescheidener Teil der notwendigen kulturellen Anstrengungen, der Untiefe moderner Welt zu begegnen, ohne mit raschen Antworten parat zu stehen – Antworten, die das Aushalten der Spannungen einfach überspringen würden, weil sie den offenen Ernst kultureller Entwicklung in bloßem Kunsthandwerk und seinem Geschäft übertünchen würden.
 Die Arbeit der Zeitschrift lädt dazu ein, die kritische Reflexion der Spannungen durchzuhalten, damit sie bei aller realistischen Nüchternheit im Blick auf die Möglichkeiten des Menschen doch in dem angemessenen Spielraum gestaltet werden können. Und gerade so steht die Zeitschrift Ethica für den Optimismus: Im Blick auf die Chancen menschlicher Verantwortung bleiben die Risiken und Abgründe ihrer Gestaltung bewusst. Aber der Hintergrund wissenschaftlicher Auseinandersetzung soll den Mut zu ihrer Ausformung trotz aller Begrenztheit mit offenhalten – ein Unternehmen, das sich interdisziplinär und transdisziplinär in den Kreis von naturwissenschaftlicher Sorgfalt, rechtsethischer Klugheit, sozialwissenschaftlicher und politischer Konsequenz, philosophischer Fantasie und theologischer Hoffnung hineingestellt weiß.

 1 Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008 (stw; 1875), S. 178.

Prof. P. Dr. Josef Römelt, Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik, Kath.-Theol. Fakultät, Universität Erfurt, Nordhäuser Str. 63, D-99089 Erfurt
josef.roemelt@uni-erfurt.de


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